echt
Interview
"Man muss auch Regeln verletzen" |
Rupert Neudeck, 59, Dr. phil. und Journalist, mischt sich ein: 1979 gründete er die Organisation Cap Anamur, aus der später das "Notärztekomitee" hervorging. Rupert Neudeck ist überall da, wo
Krisen sind: in Afghanistan, in Sarajewo, in Ruanda oder in diesem
Sommer im Kosovo und im Sudan. Er berichtet über Krieg, Not und
Elend - aber er beläßt es nicht bei Berichten, sondern er handelt
auch. ECHT besuchte ihn in seinem Haus in Troisdorf bei Köln. |
Welches Ihrer Projekte hat von Ihnen besondere Courage gefordert?
Zunächst das Schiff, die Cap
Anamur, die Flüchtlinge aus
Vietnam, Boat People, aus
Seenot rettete. Mir ist erst nachträglich
klargeworden, daß das soviel
Mut erfordert hat. Wir wußten nur:
Da sind Menschen dabei zu ersaufen,
und wir mußten sie retten. Der
Mut besteht darin zu handeln. In einer
ganz besonderen, wichtigen, existentiellen
Situation, die weniger
mich betrifft, als die anderen. Bei der
ersten Sitzung im Auswärtigen Amt
mit allen zuständigen Ministerien
stand – ich sehe ihn heute noch vor
mir – jemand am Türpfosten und
fragte: „Herr Neudeck, wer ist eigentlich
Ihr Seerechtsreferent?" Dieses
Wort hatte ich in meinem Leben
noch nie gehört. Ich weiß aber nachträglich:
Wenn wir je einen Seerechtsreferenten
gehabt hätten, wären wir niemals ins südchinesische Meer gefahren.
Der hätte Gutachten geschrieben
und uns dieses gefährliche Unternehmen
auszureden versucht.
Sagt der Verstand nicht
manchmal "Stopp, du riskierst
zuviel!"?
Ich weiß aber: Wenn man
sich von solchen Situationen
so bewegen läßt, daß kein
Zentimeter breit mehr dazwischen
geht an klugen Überlegungen, dann
kann man handeln.
Was sind das für kluge Überlegungen?
Der Gegensatz von Mut ist für
mich damals akademische
Klugheit geworden. Die habe
ich als ein ganz großes Hindernis
entdeckt. Sie besteht ja darin, daß
man Gründe findet, etwas nicht zu
tun. Darin besteht ja unsere nordeuropäische
Versicherungszivilisation
zu ganz großen Teilen.
Was hat Sie damals so bewegt,
daß diese Klugheit nicht mehr
dazwischenkam?
Ich habe in den Nachrichten
Menschen gesehen, die im
Meer sind und ersaufen. Normalerweise
sitzen wir dabei da, sind
fröhlich oder erschöpft und lassen
den lieben Gott einen guten Mann
sein. Nur irgendwann zwischendurch
tritt es einem in den Bauch und dann
geht es nicht weiter. Dann sagt man
sich: Mein Gott, wir haben doch geschworen,
daß so etwas nach der Nazi-Zeit nicht wieder vorkommen soll.
Und wir Deutsche sollten uns allemal
dann sofort aufmachen.
Mußten Sie das Unternehmen
Cap Anamur auch starten, um
vor sich selbst zu bestehen?
In jeder Weise. Ich kann ja
nicht zeitlebens rumlaufen
und in die Kirche gehen und
mir fromme Sprüche reinziehen
und nichts tun – das geht nicht.
Was trägt Sie dann, was ist
Ihr Rückhalt?
Das ist die Frage, die man
am besten nicht beantwortet.
Wenn man sie beantwortet,
gerät man an die Grenze
zur Peinlichkeit. Aber wenn man
die Welt nicht so lassen will, wie
sie ist, muß man an irgendeiner
Stelle anfangen. Da hilft einem die
Klugheit auch wieder nicht weiter,
denn die sagt: Warte mal ab, vielleicht
kommt da noch eine viel
schlimmere Situation. Sammel
mal deine Kräfte.
Sie setzen sich ja einerseits
für Menschen ein, andererseits
gegen Institutionen,
etwa gegen die Firma Dynamit
Nobel, der sie vorwerfen, Landminen
zu produzieren. Was fordert
mehr Mut, sich für etwas oder
sich gegen etwas einzusetzen?
Es fordert immer das den
größten Mut, wo man selbst
etwas machen muß. Dynamit
Nobel kann ich jeden Tag kritisieren.
Viel schwieriger ist zu sagen:
Wir machen das jetzt – und
sich von niemandem beirren zu lassen.
Man muß dann auch Regeln
verletzen mit der festen Gewißheit,
daß ich es nicht für mich selbst tue.
Haben Sie selbst auch etwas
davon?
Es ist eine unheimliche Genugtuung,
die das ganze
Leben anhalten wird, zu sehen,
daß da Menschen gerettet
wurden, die sonst nicht mehr leben
würden.
Was hindert eigentlich
Menschen daran, sich so
einzumischen?
Es gibt eine deutsche Tradition, die ist dafür nicht besonders
förderlich. Die
meint, das Leben ist dann ganz besonders
verdienstvoll, wenn es ganz
furchtbar anstrengend ist. Wenn
meine Frau und ich uns zurückerinnern,
waren dies eigentlich die lustvollsten
Jahre des Lebens. Anstren-gend ja , aber auch mit großer Freude
verbunden.
Wenn ein junger Mensch kommt
und sagt: Ich möchte etwas verändern
und mich engagieren. Was glauben
Sie, ist das wichtigste für den?
Den muß man erst enttäuschen.
Denn der Junge oder das Mädchen
muß erst was lernen. Leute mit zwei
gesunden Händen und zwei gesunden
Füßen haben wir genug in der
dritten Welt. Die haben sogar gesündere
Füße und gesündere Hände.
Sie müssen einen guten Beruf
haben. Dieser halbe Urlaubstourismus
„Ich gehe mal dahin und gucke
mal" – das ist es natürlich nicht.
Wer das richtig echt meint und ehrlich,
der versteht das sofort und hält
sich auch daran. Dagegen haben wir
auch junge Leute gehabt, die hier in
Deutschland ein paar Jahre bei uns
mitgemacht und sich dann als die
Allerbesten gefühlt haben. Man
braucht kein großartiges akademisches
Wissen, sondern wir brauchen
Bauhandwerker, Zimmerleute, Dachdecker
– solche Leute. Die entwickeln
sich oft ganz wunderbar vor Ort.
Suchen Sie die Gefahr?
Nein. Wir haben uns nur
gesagt: Wir machen das,
wo jeder sagt „Das geht
gar nicht“. Nicht: Wir machen
das auf jeden Fall – das ist verkehrt.
Denn es gibt einen wichtigen
Unterschied zwischen Mut und Tollkühnheit.
Tollkühnheit ist verderblich
und bringt Leute völlig sinnlos
in eine Mordattacke oder auf eine
Mine. Aber Mut ist gefordert.
Dabei erlebe ich mich nicht als
mutig – und zwar aus einem ganz
einfachen Grund: Als Mitglied einer
Hilfsorganisation und Journalist
habe ich ja immer Privilegien.
Wir sind immer besser versorgt
und haben eine Rückfahrkarte.
Verzweiflung über die Welt
ist also nicht Ihr Motor?
Das Wort Verzweiflung
und was dahinter steckt,
kommt da gar nicht vor.
Dafür hat man gar keine Zeit.
Eher schon Wut?
Wut – ganz viel Wut, Zorn.
Aber dem kann ich mich
gar nicht hingeben, denn
ich überlege immer gleich: Was
können wir denn jetzt hier machen?
Wo kommt das Flugzeug
oder der LKW?
Gibt es jemand, den Sie für
mutig halten und daher bewundern?
Jeweils immer der letzte
oder die letzte. Ich habe in
Topoja an der Grenze zum
Kosovo eine junge Frau mit sieben
Kindern erlebt, die hat die Flucht
überstanden und furchtbar geheult.
Und die sagte, ihre Kinder können
nicht mehr schlafen. Sie haben diese
Hubschrauber erlebt, mußten
sich dauernd im Wald verstecken
und so. Und dann denke ich mir:
Mein Gott – so eine Frau, die hätte
das Recht, Selbstmord zu begehen.
Da würde ich keinen Stab drüber
brechen. Aber die hält das einfach
durch. Und eine andere nimmt sie
auf, obwohl in ihrem Hause noch
vier andere Frauen mit Kindern
wohnen. Das sind dann so Situationen,
wo man ganz beschämt ist.
Solche Leute brauchen wir.
Interview: Irene Dänzer - Vanotti /
Mitarbeit: J. Rainer Didszuweit
Fotos: Heike Rost
Spendenkonto CAP ANAMUR:
Stadtsparkasse Köln
Kto.: 22 222 22/BLZ: 37 05 01 98