echt
Interview
Reinhold Messner
"Der Mensch ist kein
Heiligtum“
Warum der Extrembergsteiger seine Organe spenden würde |
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Zu Fuß durch die Antarktis, ohne Sauerstoffflasche auf alle 8000er Gipfel dieser Erde
(insgesamt sind es 14), mit seinem Bruder auf dem Marsch zum Nordpol im Packeis gescheitert
– es gibt kaum eine Extremtour, die Reinhold Messner (52) nicht hinter sich hätte. Auf seinem Schloß Juval in der
Nähe von Meran sprach der Südtiroler Extrembergsteiger mit ECHT über Sterbensängste, Organspende und seine Beerdigung.
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Sie nennen sich einen „Grenzgänger“, und
bei Ihren Expeditionen standen Sie oft an der
Grenze zwischen Leben und Tod. Was bedeutet der
Tod für Sie?
Mit dem Tod haben wir uns alle auseinanderzusetzen.
Vielleicht kann jemand, der in extreme
Landschaften geht und dabei in Gefahr gerät,
in seinem Leben eher erfahren, daß er ein Sterbender
ist. Eher als ein anderer, der glaubt, wie
Jung-Siegfried ewig leben zu können und dann
vom Tod überrascht wird. Aber jeder Mensch stirbt.
Und mit Sicherheit stirbt auch die ganze Gattung
früher oder später aus, wie alle anderen Tiergattungen
früher oder später ausgestorben sind.
Das klingt fatalistisch?
Nein, das Leben ist spannend, weil es begrenzt
ist. Wäre es unbegrenzt, es wäre eine
unerträgliche Last. So aber gibt es die Möglichkeit,
das Leben auszuschöpfen, den Sinn mit allen
Sinnen zu erfahren. Ich finde es sehr positiv, daß
man stirbt, obwohl ich von mir nicht behaupte, daß
ich den Tod im Griff habe. Es gab Momente, da war
ich mit dem Sterben einverstanden. Aber ich bin
am Leben geblieben. Heute habe ich Sterbensängste,
wie alle anderen. Wenn ich auf eine schwierige
Expedition gehe, plagen sie mich schon Monate
vorher.
Einerseits sagen Sie, es ist gut, daß das Leben
begrenzt ist. Andererseits engagieren Sie sich
in der Initiative „Sportler für Organspende“. Organtransplantation
ist aber ein medizinisches Verfahren,
das das Leben an einem Punkt verlängert,
an dem die Natur es beenden will.
Ich finde es nicht richtig, daß Leidende mit irgendwelchen
Tricks am Leben gehalten werden.
Vor allem, wenn es für sie nur Schmerzen und
vielleicht „nichts“ bedeutet, wenn sie nicht mehr
begreifen, was passiert. Aber wenn ein relativ gesunder
Mensch durch eine Herz- oder Nierentransplantation
wieder ins volle Leben hineinversetzt
werden kann, dann ist das sinnvoll und vernünftig.
Deswegen bin ich dafür, daß man eine Regelung findet, rechtzeitig Organe entnehmen zu können.
Das Problem ist: Man will nicht genau festlegen,
wann der Tod eingetreten ist. Die Medizin ist in
diesem Fall weiter als die moralische Diskussion.
Die Diskussion wird entscheidend dadurch
beeinflußt, daß wir einen Organmangel haben.
Das macht angst. In Deutschland warten etwa
13 000 Menschen auf ein Organ. Es muß zugeteilt
werden. Als Kriterium gilt die medizinische
Notwendigkeit und ... (Messner unterbricht)
... und früher oder später auch: Wer mehr
zahlt, kriegt mehr. Es darf nicht dazu kommen,
daß Reiche sich ein Organ kaufen können
und ein armer Mensch kein Organ kriegt, weil
er es sich nicht leisten kann. Organtransplantationen
dürfen nicht von finanziellen Möglichkeiten
abhängen. Deshalb müßte man mehr
Leute dazu bringen, freiwillig zu erklären, daß
ihre Organe entnommen werden können. Ich
wäre sofort einverstanden, daß meine Organe
verpflanzt werden. Dann leben sie in einem anderen Menschen eben noch eine Zeitlang weiter.
Früher oder später kommen sie dann auch
unter die Erde.
Daß Geld keine Rolle spielen darf, darüber
ist man sich einig. Schwieriger wird
es bei anderen ethischen Kriterien. Was ist
mit einem Alkoholiker, der seine Leber mehr
oder weniger bewußt selbst ruiniert hat? Hat
der ein Recht auf ein neues Organ?
Nach meiner Ansicht ja, wenn wir genug
haben. Auch Alkoholismus ist im
Endeffekt auf psychische Schwächen zurückzuführen.
Alle unsere Krankheiten haben eine
Summe von Gründen, für die wir zum
Teil können und zum Teil nicht. Ich würde
niemanden in eine ethisch negative Ecke stellen,
weil er krank ist. Das hört sonst nie mehr
auf. Wir sagen dann, der hat Krebs, also hat
er irgendwas angestellt. Wir dürfen niemanden
verurteilen, weil er krank ist, auch nicht,
wenn er alkoholkrank ist.
Nun steht Italien – Sie sind Italiener – im europäischen
Vergleich bei der Organversorgung
noch gut da. Die Deutschen aber müssen
Organe importieren. Was glauben Sie warum?
Wir haben in Italien eine vernünftige
Lösung und deswegen auch weniger
Mangel an Organen: Wenn hier ein Mensch
hirntot ist, dürfen ihm sofort Organe entnommen
werden – wenn er vorher nicht erklärt hat,
daß er dagegen ist. In Deutschland ist das nur
erlaubt, wenn ich einen Organspenderausweis
bei mir habe. Aber den haben nur wenige Menschen.
Man müßte zumindest den Angehörigen
erlauben, zuzustimmen. Ich sehe den Menschen nicht als ein Heiligtum, dessen Organe man
nicht nehmen darf.
Würden Sie dennoch eines Ihrer Organe von
einer Spende ausschließen? Zum Beispiel
das Herz, weil man sagt, es ist der Sitz der Seele?
Die Seele sitzt sicher nicht im Herzen, sondern
irgendwo zwischen Verstand und
Herz. Ich hätte keine Bedenken, daß man mich
ausschlachtet.
Sie gestehen also den Organen keine mystischen
oder persönlichkeitsbeeinflussende
Funktion zu? Oder konkret gefragt: Wäre
Ihre Frau nach einer Herztransplantation noch
dieselbe?
Ja, sie wäre die gleiche. Davon bin ich ganz
überzeugt. Ich kenne einen berühmten
Transplantations-Chirurgen, der mit mir öfter auf
Expeditionen war. Er sagt sehr sachlich: Das Herz
ist eine Maschine, die ausgezeichnet funktioniert,
aber im großen und ganzen wirklich nur das Blut
pumpt. So wie mein Finger bestimmte Bewegungen
macht. Die Fähigkeiten eines Menschen
stecken in anderen Teilen seiner Persönlichkeit.
Haben Sie schon über Ihre Beerdigung
nachgedacht?
Ich habe mir hier im Schloß ein tibetisches
Grabmal gebaut und meinen Kindern erklärt,
daß da einmal meine Asche hineinkommen soll.
Mir wäre es aber auch recht, daß man mich „himmelsbestatten“
würde, wie früher in Tibet. Man hatte
kein Holz, um die Menschen zu verbrennen. Es
gibt so wenige Flüsse, daß es nicht möglich war,
die Leichen hineinzuwerfen. Und weil die Erde
meistens gefroren ist, konnte man Tote nicht einmal
eingraben. Also hat man sie auf einen Felsen
getragen, aufgeschnitten und den Geiern vorgeworfen.
Das ist ein grausamer und gleichzeitig faszinierender
Ritus. Ich habe das einmal selber mit angesehen.
Die riesigen Geier kommen zu Hunderten
von den Bergen und verzehren innerhalb von
Minuten den ganzen Leichnam. Es bleiben nur die
Knochen, die dann zermahlen werden und schließlich
fressen die Geier auch die. Übrig bleibt nichts,
der Mensch ist wieder in die Natur zurückgekehrt.
Im ersten Moment war es für mich ein Schock,
aber im Laufe dieses ganzen Ritus war es für mich
das schönste Begräbnis, das ich in meinem Leben
erlebt habe. Ich wäre sofort damit einverstanden.
Jörg Held / Mitarbeit: J. Rainer Didszuweit