echt Interview

Anke Fuchs

WOHNFORMEN DER ZUKUNFT
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AN KASERNEN EINE GOLDENE NASE VERDIENEN

Schon ihr Vater war Präsident des Deutschen Mieterbundes. Seit 1995 steht sie selbst an der Spitze der 350 deutschen Mietervereine. Aufgewachsen ist Anke Fuchs allerdings im Eigenheim. ECHT fragte die SPD-Sozialpolitikerin nach ihren eigenen Erfahrungen als Mieterin und ihren Rezepten gegen die Wohnungsnot.

Wohnen Sie zur Miete?

Als ich volljährig wurde, habe ich als erstes das Eintrittsformular für die Baugenossenschaft der Elbgemeinde
unterschrieben. Mit 21 hatte ich also eine Genossenschaftswohnung und danach bin ich noch viermal in Mietwohnungen gezogen.

 

Anke Fuchs
Juristin; Jahrgang 1937; Tochter des ehemaligen Hamburger
Bürgermeisters Paul Nevermann;

1971 erste Frau im Geschäftsführenden
IG-Metall-Vorstand;

im letzten Jahr der Regierung
Schmidt (1982) Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit;

heute Bundestagsabgeordnete und stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende; Sitz in verschiedenen
Aufsichtsräten (u.a. Klöckner-Werke AG, Ruhrkohle AG); Präsidentin des Deutschen Mieterbundes;

verheiratet, Mutter zweier Kinder;
lebt in Bonn.

Und Sie hatten nie Ärger mit dem Vermieter, so daß Sie den Mieterbund brauchten?

Ich habe nie so lange an einem Ort gewohnt, daß ich hätte Probleme bekommen oder lästig werden können. Ich glaube, generell ist das Verhältnis zwischen Mietern und Vermietern auch in Ordnung. Eben weil jedermann weiß, daß es Kündigungsschutz gibt, daß man einen Mieter nicht einfach raussetzen oder mit einer
Mieterhöhung rausärgern kann. Dieses soziale Mietrecht ist wichtig und muß erhalten bleiben.

Wenn man Mieterschutz hört, fällt einem gleich Tierschutz ein. Die Wirklichkeit ist ja auch bedrohlich: Es fehlen rund 1,5 Millionen Wohnungen, jährlich müßten 600.000 neue gebaut werden. Wie soll das geschehen?

Der Bund müßte die Mittel für den sozialen Wohnungsbau aufstocken und nicht Jahr für Jahr zusammenstreichen. Außerdem gibt es zuwenig genossenschaftlichen Wohnbau. In den letzten drei Jahren wollte man gerade in den neuen Ländern beim Wohnungsbau mit Abschreibungsmöglichkeiten und teuren Mieten abkassieren. Wohnungen für 20 oder 30 Mark pro Quadratmeter stehen jetzt leer. Da haben sich Leute verkalkuliert, und das finde ich ganz in Ordnung. Solange das Ziel in dieser egoistischen Gesellschaft eher Gewinnmaximierung heißt als Wohnungsbau für Otto Normalverbraucher, wird sich nichts verändern.

Wir machen mal einen Vorschlag: Eine Stadt könnte, wenn sie Bauland freigibt, daran die Bedingung knüpfen, dort nur preiswerte Sozialwohnungen zu bauen.

Das geht nur, wenn der Stadt das Bauland auch gehört. Sonst kann sie allenfalls festlegen, daß hier Mietwohnungen gebaut werden. Für alles andere müßten Gesetze geändert werden, und dafür sehe ich keine Mehrheit.

Ein anderes Projekt im Einflußbereich der Kommunen sind die jetzt freiwerdenden Kasernen.

Da könnte man sehr schöne und bezahlbare Wohnungen draus machen. Das geschieht auch schon. Da muß nur der Herr Waigel die Kasernen billig an die Städt abgeben und sich nicht auch eine goldene Nase verdienen wollen.

Außer dem Bund könnten ja auch andere etwas tun. Was tut der Mieterbund?

Der Mieterbund ist kein Wohnungsbau-Unternehmen. Unser Selbstverständnis ist es, für die Mieter im Streitfall mit Information und Hilfe dazusein. Darüber hinaus können wir nur politisch arbeiten, versuchen, Meinungen zu verändern.

Welche zum Beispiel?

Der Wohnungsbau ist generell zu sehr zugeschnitten auf verheiratete Paare mit zwei Kindern. Wir müßten mehr an die Lebensphasen denken: das Single-Dasein, die Zeit mit dem Lebenspartner allein, dann mit Kindern, dann wieder ohne. In jeder Phase müßte man Wohnungen tauschen können. Deswegen bin ich für größere Einheiten als nur das Einfamilienhaus.

Stichwort Tauschen. Wie kann man Wohnungstausch gerade für ältere Menschen leichter machen?

Wenn ich eine neue Wohnung miete, können Vermieter erst mal so viel Miete nehmen, wie sie wollen. Da müssen wir rechtliche Grenzen setzen. Und muß es ein bezahlbares Angebot in der Nähe geben. Ich kann nicht verlangen, daß alte Menschen sich verpflanzen lassen. Aber es gibt eine Menge Projekte, die eine
ganze Siedlung darauf abklopfen, wo gibt es größere Wohnungen, wo gibt es kleinere Wohnungen, wer kann wohin umziehen. Ich würde den Ländern und Kommunen sagen: Macht das doch.

Warum ist das „Machen“ so schwer?

Kommunalpolitiker müssen es durchsetzen wollen, auch wenn es kompliziert ist. Wenn Tauschwillige Pech haben, sind zwei Vermieter unter einen Hut zu bringen. Umziehen heißt auch: alte Wohnung renovieren, neue
Wohnung renovieren, die Möbel von hier nach dort bekommen. All diesen Prassel. Da muß es gerade für alte Menschen Hilfestellung geben. Es gibt Genossenschaften, die Umzugsmanagement anbieten. Das müßten Städte doch auch können.

 

Wohnbaugenossenschaften
stammen aus der Arbeiterbewegung.
Ihr Ziel: Für Menschen mit niedrigem Einkommen Wohneigentum schaffen. Früher wurde beim Hausbau mit angepackt, heute zahlt man einen Genossenschaftsbeitrag:
einmalig zwischen 500 und 3.000 Mark, in Einzelfällen bei Bezug einer Neubauwohnung bis zu 10.000 Mark.
Vorteile für die Mitglieder: Ihr
Nutzungsrecht an der Wohnung
ist unkündbar und vererbbar; die
Miete liegt unter dem Durchschnitt; sie haben Mitspracherecht in der Mitgliederversammlung. In der Bundesrepublik gibt es 1866, in Hessen 108 Wohnungsbaugenossenschaften.

Sie betonen immer wieder die „Genossenschaften“. Ist das Ihre Wohnungsbauform der Zukunft?

Ich hoffe, daß es wieder eine wird. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Kaserne und eine Genossenschaft, die sagt: Daraus machen wir generationenübergreifend mehrere Wohneinheiten. Das können die doch viel besser als ein Investor, der alles in Eigentum aufteilt. Deswegen drängen wir darauf, daß Genossenschaftsanteile steuerlich genauso behandelt werden wie Eigentum.

Der Arbeitsmarkt verlangt Mobilität. Was passiert, wenn ich wieder aus der Genossenschaft raus muß?

Das ist bei Eigentum schlimmer. Dann haben Sie sogar noch Schulden. Ich hoffe, daß es künftig Genossenschaften auch dort gibt, wo ich hinziehen muß.

Sie sind viel umgezogen. War das wirklich so leicht?

Ich kann schon verstehen, daß jemand gerne auf seiner eigenen Scholle bleibt. Von Wolfsburg nach Stuttgart, das heißt: anderes Schulsystem, anderer Dialekt, keine Kartoffeln, sondern Spätzle. Das sind auch kulturelle Geschichten. Wir sind schon mehr vor Ort verankert, als wir Globetrotter uns das so vorstellen. Und dieser Ruf nach Flexibilität. Wir haben doch früher immer gesagt, das Kapital soll zu den Menschen kommen und nicht umgekehrt. Davon sind wir weg. Dabei sind die Leute angesichts der Globalisierung und der Ängste eher heimatverbundener. Ich glaube nicht, daß man heute einfach propagieren kann: Zieht doch oft um, Leute.


Die Fragen stellten Jörg Held und J. Rainer Didszuweit


erschienen in echt, 4. Quartal 1996
Copyright by EKHN, Darmstadt
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