echt Interview

Karl-Heinz Böhm

Ein Leben für die Armen:
Das Gefühl, Wurzeln zu schlagen

Ob als Kaiser Franz-Joseph an der Seite von „Sissi“ Romy Schneider, als Charakterdarsteller mit Rainer Werner Faßbinder und auf den großen Bühnen in Hannover, Düsseldorf, Basel, Zürich, Wien und München – kaum ein deutschsprachiger Schauspieler hatte in den 50er bis 70er Jahren solche Erfolge und Honorare wie Karlheinz Böhm zu verbuchen. Auf dem Zenit seines Ruhms stieg Böhm 1981 nach einer Wette in der Sendung „Wetten, das ...?“ um und gründete mit der Millionenspende die Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ in Äthiopien. Der 1928 in Darmstadt als Sohn des bekannten Dirigenten Karl Böhm geborenen Schauspieler und Entwicklungshelfer im Gespräch mit ECHT zu seiner Arbeit und was ihn antreibt:

Sie haben einmal gesagt, niemand habe Sie so geprägt und beeinflußt wie der Regisseur Faßbinder – und Ihr Vater ...

Mein Vater war ein fast arbeitswütiger Mensch, wenn er nicht gearbeitet hat, das war für ihn eigentlich ein großes Problem. Er war ein Mensch, der seine endgültige Befriedigung in der Arbeit gefunden hat. In der Musik, für die er gearbeitet hat. Das hat mich natürlich immer sehr beeinflußt. Und zwar nicht immer so, das ich es kopieren wollte. Im Gegenteil. Ich habe sogar Zeiten gehabt, wo ich mich mal geradezu dagegen aufgelehnt habe. Ich habe dann aber plötzlich gemerkt, daß ich mit meiner Freizeit auch nicht soviel anfangen kann und auch sehr gerne arbeite.

Mit dem entsprechenden Erfolg auf der Bühne, die Sie 1981 aufgaben, um sich für hungernde Menschen in der Sahelzone zu engagieren?

Ich habe das gefunden, nach dem ich bewußt oder unbewußt in meinem Leben sehr lange gesucht habe.

Was ist das für ein Gefühl, am Ende einer Suche zu sein?

Ich bin glücklich. Ganz einfach. Ich habe zum ersten Mal mit dem ersten Projekt im Erer-Tal in Äthiopien das Gefühl gehabt, daß ich Wurzeln schlage, weil mich die Arbeit mit den Menschen sehr befriedigt und glücklich macht.

Den Arbeitsalltag als Schauspieler hier können wir uns noch vorstellen. Aber wie sieht ein Tag in Äthiopien aus?

Wie der eines Managers. Der geht ins Büro, er hat Verabredungen, diktiert Briefe, führt Telefonate. Wir haben in Äthiopien ein zentrales Büro, vier Projektzentren und 530 Angestellte. Die Projektzentren liegen etwa 600 bis 700 Kilometer voneinander entfernt, ich muß reisen, ich habe Kontakte mit Regierungsstellen, daß läßt meine Freizeit sehr schrumpfen.

Neben der persönlichen Einschränkung – wann macht Ihnen die Arbeit besonders Spaß?

Also zum Beispiel wenn ich in eine Schule reingehe und die Kinder vor Freude quietschen, weil sie plötzlich Schulbänke haben, auf denen sie bequem sitzen und arbeiten können. Und wenn man sieht, wie Menschen sich freuen, wenn man mit ihnen zusammen Bewässerungskanäle baut und da auf einmal ein größeres Stück Land bewirtschaftet werden kann.

Wir würden aber auch noch gerne wissen, wie sich Ihr Lebensgefühl verändert hat, seit Sie Ihre Lebensaufgabe gefunden haben?

Alles, was man tut im Leben, tut man ja auch, um seine eigene Befriedigung und Freude zu finden. Und das ist mir mit meiner Arbeit von „Menschen für Menschen“ in einer Dimension gelungen, die ich als Schauspieler nicht erreicht hatte. Das waren Erfolge auf der Bühne und im Film mit guten Kritiken und kommerzielle Erfolge mit allem Drum und Dran. Aber die Befriedigung, ganz banal gesagt, Menschenleben retten zu können, oder das Leben von Menschen, die in extremer Armut leben, verbessern zu können, läßt sich in keiner wie immer gearteten Dimension mit einem Theater- oder Filmerfolg vergleichen.

Aus Ihren Worten klingt Dankbarkeit, daß Sie diese Aufgabe gefunden haben?

Ja. Ganz bestimmt.

Wem sind Sie dankbar?

(Lacht) Nachdem Sie eine kirchliche Zeitung sind erwarten Sie, daß ich dem lieben Gott sage. Sage ich aber nicht. Ich bin bis zu einem gewissen Grad den Menschen dankbar, die mich in den zehn, 15 Jahren, bevor ich „Menschen für Menschen“ gegründet habe, beeinflußt haben, sehr sozialkritisch zu denken und mir der Welt
bewußt zu werden, in der wir leben. Dazu gehört als einer der wichtigsten Männer in meinem Leben Rainer Werner Faßbinder, der mich in seiner gesellschaftlichen Kritik ungeheuer angeregt und beeinflußt hat.


Interview: Gabi-Marie Lampert und J. Rainer Didszuweit


erschienen in echt, 3. Quartal 1996
Copyright by EKHN, Darmstadt
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