echt Interview

 

"Die modernen Frauen lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen"

Hanna-Renate Laurien über Hausmänner und Frauen, die trotz Beruf die besseren Mütter sein können

Hanna-Granate wird sie in Berlin liebevoll genannt. Die ehemalige Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses,
Hanna-Renate Laurien (67), nimmt kaum ein Blatt vor den
Mund und ist für ihre Resolutheit bekannt. Die engagierte
Katholikin war Kultusministerin in Rheinland-Pfalz und
später Schulsenatorin in Berlin. 1995 verabschiedete sich
Hanna-Renate Laurien als erste Parlamentspräsidentin des
vereinigten Berlin selbstironisch: „Verlasse die Dinge, ehe sie dich verlassen.“

Wenn die Wirtschaft nicht mehr läuft, dann werden Frauen meist zuerst entlassen. Brauchen wir da nicht gerade jetzt, wo’s wieder schlechter geht, mehr Frauenquoten?

Ich halte nichts von der Quote. Ich halte sie für entwürdigend. Wir sind Qualität und nicht Quote. Es trifft aber durchaus zu, daß Frauen oft größere Schwierigkeiten haben und unter anderen Gesichtspunkten beurteilt werden. Eine beruftstätige Frau wird Dinge gefragt, die kein Mann gefragt wird: „Wie kommen Sie denn jetzt mit ihren Kindern hin?“

Also immer noch die alten Rollenklischees?

Der Mann, der einen verantwortungsvollen Job hat, wird von seiner Ehefrau auf Händen getragen. Sie bereitet ihm das Frühstücksei, sie hegt und pflegt ihn. Umgekehrt ist das nicht selbstverständlich. Ich kenne mehrere Ehen, wo die Ehefrau in eine solche Position kam und die Ehe daran zerbrach, weil er nicht bereit war, seinerseits diese helfende Partnerschaft zu leben.

Es gibt doch aber nicht nur Negativbeispiele?

Die modernen Frauen lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie bezahlen aber immer noch mit der Doppelbelastung, obwohl es schon erfreulich viele Partnerschaften gibt,in denen der Mann auch mal die Küche übernimmt. In solchen Diskussionen nenne ich immer die Familienministerin
Nolte als Vorbild, die die Courage hat, das Amt auszufüllen, und ihr Mann macht Hausmann, damit das Kind nicht zu kurz kommt. Das sind Vorbildexistenzen. Die Männer, die das machen, werden jedoch mißachtet. Da sagen die Leute: Na, der ist wohl im Betrieb nicht klar gekommen.

Arbeit rund um die Uhr wird beim Mann aber selten mißachtet ...

... Wenn er viermal in der Woche weg ist, ist klar, das dient dem Gemeinwohl und ist Voraussetzung für das Bundesverdienstkreuz. Wenn sie zweimal in der Woche weg ist und ihr Kind kriegt eine Fünf in Englisch oder Mathematik, ist klar, wer schuld ist – diese pflichtvergessene Mutter.

Aber wie hält die berufstätige Mutter da die Balance?

Die Leitfrage in der Erziehung muß sein: Du wirst gebraucht, ich verlasse mich auf dich. Und das kann sowohl die Mutter, die zu Hause ist, als auch die, die berufstätig ist. Und die, die einer Tätigkeit neben der Erziehung nachgeht, ist auch nicht die schlechtere Mutter. In beiden Formen kann ich beglückt leben und verfehlt. Das läßt sich nicht pauschal behandeln.

Jetzt sagen die Feministinnen, das ist ja Kleinkram, wir müssen die Strukturen ändern, gleiche Rechte, gleiche Chancen gehen nur, wenn Frauen wirklich Macht haben.

Das ist ja nicht unrichtig – besonders im Hinblick auf ältere Frauen. Auch Frauen in etwas vorgerückterem Alter müssen noch eine berufliche Chance haben, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Dann kann man nicht sagen, das ist eine alte Ziege, nein, ihr muß die Kinderzeit abgerechnet werden. Eine Mutter mit 40 ist – minus Kinderzeit – eigentlich erst 32.

Das blieb aber bislang nur eine Forderung ...

... nicht erfüllte Forderungen müssen so lange wiederholt werden, bis sie erfüllt sind. Teilzeitarbeit für Mütter als Beamtin habe ich zum ersten Mal 1952 gefordert. Toller Spott brach aus, 20 Jahre später hatten wir es. Es muß ja nicht alles 20 Jahre dauern.

Trotzdem haben wir noch die typische Karrierepyramide – unten die Frauen, oben die Männer ...

... ich könnte mehrere Frauen mit Namen nennen, die hohe politische Ämter aus der Angst abgelehnt haben, das hielte ihre Familie nicht aus. Und ich kenne auch die Frauen, die gesagt haben, da werde ich ja nur kritisiert. Denen war der Wind zu eisig. Das liegt an der Sozialisation, daß eine Frau nicht so scharf ist.

Andererseits unterstellt man Frauen in Führungspositionen immer „Soziale Kompetenz“, die wohl genauso wichtig wie das harte Durchgreifen ist ...

... ach, das stimmt so nicht. Ich kenne auch weibliche Chefs, die genauso hart sind wie Männer. Ich weigere mich, das so auf ein Geschlechtermodell zu fixieren. Ich muß hier die menschliche Komponente bei beiden betonen. Es ist aber sicher richtig, daß das frühere Weiblichkeitsmodell dem heutigen Chefmodell entspricht. Stellen sie sich mal einen Schulleiter vor zwanzig Jahren vor. Der ordnete an, heute muß er überzeugen. Das ist Kooperation. Das haben Mütter immer gemacht. Die Qualitäten, die früher als weiblich bezeichnet wurden, sind heute die Chefqualitäten.

 

FRAUEN UND KIRCHE
ZAHLEN UND WAS DAHINTERSTECKT

Na also: Laut Statistik sind 70 % aller Beschäftigten in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) Frauen. Das klingt sehr nach Gleichberechtigung, nach einer Kirche der Frauen. Aber wie viele Statistiken benötigt auch diese einen zweiten Blick.
Auch in der Kirche findet sich die bekannte Pyramide: Unten, bei den ehrenamtlichen Helfern, ein riesiger Frauenanteil. Über die Angestellte bis hin zu den Beamten und Führungskräften wird die Luft dünner, sind auch in der Kirche immer weniger Frauen anzutreffen.
Zwei Zahlen zum Vergleich: Frauen in beamteten Führungspositionen (ohne Pfarrer): keine. Der Anteil der Frauen an den sogenannten „familienfreundlichen“ (nicht zu verwechseln mit frauenfreundlichen) Teilzeitstellen dagegen: 87%.
Wie so oft sind Frauen für die Arbeit an der Basis gut, weil sie angeblich mehr seelsorgerische Eigenschaften als die Angehörigen des „starken“ Geschlechtes besitzen.
Aber „nach oben“, wo es mehr und mehr um Politik, um Macht geht, sucht man Frauen häufig vergebens.
Doch es gibt auch Hoffnungszeichen. Der Anteil der jungen Pfarrerinnen nimmt deutlich zu: 53% der Pfarrer zwischen 26 und 30 Jahren sind Frauen, bei den Vikaren liegt ihr Anteil bei 44%. Und unter den sieben Pröpsten der EKHN sind immerhin zwei Frauen.
Aber auch anderweitig bewegt sich in der EKHN, so Landespfarrerin Erika Görke von der Evangelischen Frauenhilfe in Hessen und Nassau, etwas in Sachen Frauen: So wurde der Frauenhilfe eine Sonderpfarrstelle für Familienbildung genehmigt, und in der Frankfurter Saalgasse 15 soll im nächsten Jahr ein Frauenbegegnungszentrum eingeweiht werden.
Von wirklicher Gleichberechtigung der Frauen aber kann wohl erst die „Leiterin der Kirchenverwaltung“ oder die erste „Kirchenpräsidentin“ reden. Wann das wohl sein wird?

Regina Fernau

Nun sind ja die wenigsten Frauen Chefs. Was sagen Sie zu der Forderung, die nichtversicherungspflichtigen 590-DM-Jobs zum Wohl der Frauen abzuschaffen?

Es muß jedem die Möglichkeit der Altersversicherung geboten werden. Wenn jemand die dann nicht will, ist es seine eigene Entscheidung. Und eine Menge Frauen wollen die 590-Mark-Jobs. Ich habe versucht, meine Putzfrau zu bekehren. „Frau Laurien, ich bin nicht so schlecht verheiratet, daß ich das anders haben will“, hat sie zu mir gesagt.

 

Was raten Sie denn den jungen Frauen von heute?

Die jungen Frauen wählen einen Beruf und stellen die Forderung an den Mann, daß sie den Karriereknick bei einem Kind nicht alleine ausbaden müssen. Ich rate allen, auf jeden Fall einen Beruf zu Ende zu lernen und sich genau anzugucken, wen sie heiraten. Also Fragen bitte vor der Ehe und nicht erst in der Ehe zu stellen. Nachdem man den Himmel im normalen Alltag gestrichen hat, erwarten heute die jungen Leute von dem Liebespartner die Erfüllung. Und das kann niemand leisten. Denn wenn es dann kommt, Beruf und Familie, dann wird es Versagenssituationen geben, wo man einander Vorwürfe macht. Wenn man den Partner als Erfüllung betrachtet hat, muß das scheitern. Für mich
ist wichtig, daß Kinder nicht die Zeche der Emanzipation zahlen. Und da sind die Väter ganz verdammt gefordert.

Interview: Andrea Seeger, Frank Reinhard


erschienen in echt, 1. Quartal 1996
Copyright by EKHN, Darmstadt
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