echt Interview

Jürgen Fliege

"Hinter jeder guten Show steckt die Liturgie einer Messe"

Ein verrückter Pfarrer hat als Talkmaster Erfolg

 

 

 

„Mach die Fliege, Pfarrer!“ Kritik ist für Jürgen Fliege (48) alltäglich. Ob angefeindet als „Medienlakai ohne Glaubwürdigkeit“ oder zum „Nachfolger von Fernsehpfarrer Adolf Sommerauer“ hochgelobt – seit der „Pfarrer im selbstgewählten Wartestand“ nahezu täglich die ARD-Talk-Show „Fliege“ moderiert, steht er in den Schlagzeilen. Aber schon als Theologiestudent galt er als aufmüpfig, wurde später mit einem Jahr „Berufsverbot“ belegt, und schließlich vom jetzigen Präses der Rheinischen Kirche, Peter Beier, mit den Worten, „jetzt kommt ein Verrückter“ in seine Pfarrstelle in Aldenhoven bei Aachen eingeführt.

 

„Fliege“ täglich. Da geht es um Diätpillen und Inkontinenz, das Liebesleben von Rollstuhlfahrern und Sterbehilfe ...

Stimmt. Aber – ist das alles nicht auch in der konkreten Kirchengemeinde vertreten?

So nach dem Motto „Dem Pfarrer ist nichts fremd“? Aber wir haben schon Zweifel, ob Transvestiten, Exhibitionisten, Unfallopfer oder Kurschatten den Gemeindealltag prägen.

Eben nicht. Aber ich bin der Typ, der damit konfrontiert war – und ist. Und als Kirchenmann will ich, daß Kirche menschlicher wird. Ich will, daß der Pfarrer wieder die Anlaufstelle im Dorf ist. Es hat überhaupt keinen Zweck, zum Therapeuten zu gehen – denn der hat nichts anderes anzubieten, als daß er dich versteht. Das ist zwar schon eine Menge. Aber dann hat er keine Gemeinde, in die er dich tun kann, keinen Gesang, kein Ritual. Nix, wo der verlorene Sohn oder das verlorene Schaf wieder siedeln kann. Ich will, daß die Rolle wieder besetzt wird.

Aber als Moderator einer Fernseh-Talk-Show können Sie doch diese Rolle kaum besetzen?

Doch. Ich biete denen, die kommen und ihre Geschichte erzählen, eine Gemeinde. Ein Millionenpublikum. Das spüren die. Ich stelle sie mitten in ein Interesse. Von dem behaupte ich, daß es tiefer ist, als ich je dachte. Auch persönlichkeitsverändernder, als ich je dachte. Dann führe ich sie zehn Meter über den See Genezareth von der Türe bis zum Stuhl. Da gibt es nur Scheinwerferlicht, nur die Kamera, auf die du zugehst. Kannst du das? Ich helf dir. Ich komm dir auch entgegen. Aber du mußt das machen.

... und mit dem Entgegenkommen und Helfen sind Sie noch nie auf den Bauch gefallen?

Doch, doch. Einmal ganz furchtbar, und das quält mich heute noch. Da habe ich auf Druck der Redaktion ein Ehepaar, die beide im Rollstuhl saßen, gefragt, wie das denn so sei, abends nach zehn, mit der Liebe. Und die haben schon im Studio sehr verhalten reagiert und sich nach der Sendung mit einem Brief bitterlich beschwert über den Einbruch in ihre Intimsphäre. Das werde ich nie vergessen. Das Problem meiner Sendungen ist die Gratwanderung: Zwischen Voyeurismus auf der einen Seite, dem Spaß der Zuschauer, wenn andere sich „outen“, und meiner Zuwendung. Wenn wir ein Thema in der Sendung hatten, dann reden auch die Leute zu Hause darüber. Und das finde ich wichtig.

Sie haben Ihre Sendung auch schon mal sehr steil mit einer „gottesdienstähnlichen Zeremonie“ verglichen.

Daß da eine heimliche Ritualisierung stattfindet, kann derjenige sehen, der das kritisch beobachtet. Hinter jeder guten Show steckt die Liturgie einer Messe.

Ist das nicht schon blasphemisch?

Finde ich nicht – ich muß es nur erklären. Also, was gibt es für Bedürfnisse? Was ist dir heilig? Wieviel Magie trägst du mit dir rum, die dir als Magie gar nicht bewußt geworden ist? Die Pfarrer, die sich davon verabschiedet haben, sitzen doch ganz allein mit ihrem neuen Testament da, weil sie die Magie der Religion nicht mehr leben wollten, konnten und taten. Die ist aber da.

Das ist eine ungemein radikale Kritik an der heutigen Kirche.

Die Pfarrerausbildung ist keine Pfarrerausbildung, sondern ist eine Gelehrtenausbildung. Da frage ich doch, bei wem hast du Schweigen gelernt? Bei wem hast du Singen gelernt, Fasten, Tanzen, Verstehen? Da kommt nichts.

Sind die Pfarrer denn heute wirklich so abgehoben?

Es fängt damit an, daß der Pfarrer sonntags merkwürdigerweise erst um zehn Uhr in die Kirche kommt. Warum war der nicht bei den Leuten, als die kamen? Vorne an der Kirchentür will ich den sehen. Nähe, Nähe, Nähe, Nähe. Denn das ist die einzige Marktlücke, die du noch hast, als Pfaffe: Nähe. Wenn du die nicht hast und spürst, daß du Distanz ausstrahlst, dann mußt du was ändern. Oder laß dir die Papiere geben.

Was tun?

Raus aus Hierarchien, raus aus Verkündigung und hin zu „Wir vertrauen uns jetzt gegenseitig unser Leben an“. Und hoffen darauf, daß ein Geist uns eint, versteht und tröstet.

Geht es bei Ihrer Kritik nur um die Pfarrerausbildung oder geht es nicht auch um Gemeindeformen: Weg von der Ortsgemeinde, hin zur Zielgruppengemeinde?

Hin. Hin zur Ortsgemeinde, würde ich ketzerisch sagen. Um gesund zu werden, brauchst du Behinderte, Alte, Kranke, schreiende Kinder, Durchfall, Gestank. Das kann dir keine Zielgruppengemeinde von „Kunst und Kirche – Klammer auf e.V. Klammer zu“ bieten. Da hast du nur deinen eigenen Verein. Da findet nur Selbstbefriedigung statt. Nein, quer und bunt und stinkig und solidarisch müssen wir sein. Volk. Im Neuen Testament steht immer, daß ganz „gemeine Volk“ hat Segen. Da bin ich ein Fan von.

Also reicht „Quersein“, um erfolgreich zu sein?

Professionell, erfolgsorientiert arbeiten, das kann Kirche nicht. Die hat Angst vor Erfolg. Interessant ist doch, daß die Typen, die sonntags drei Leute vor sich sitzen haben, kaum daß ein anderer eine volle Kirche hat, nicht fragen: Wie macht der das? Die vermuten gleich, da kann was nicht stimmen. Wer soviel Erfolg hat, der bündet mit dem Teufel.

Also doch ein missionarischer Ansatz?

Ich bin einfach ein Pietist, und ich bleibe das auch. Was mich immer begeistert hat, und die haben recht, ist ihr Erfahrungsansatz, auch wenn die Pietisten relativ eng sind. Vom Inhalt her problematisch, aber vom Genre her richtig. Wir müssen wieder über unsere Erfahrungen reden. Was anderes hält uns im 21. Jahrhundert nicht zusammen. Man kann nicht mehr sagen, „Jesus sagt“ und dann Doppelpunkt. Da sagen die Leute: Wisch mir den Arsch damit ab, ein anderer sagt was anderes. Du mußt sagen, was es bei dir bewirkt hat. Und warum du ihm traust. Du mußt sagen, darum und darum und darum. Es war einmal ein Mann und der hat mich fasziniert.

So deutlich kommt das aber in Ihrer Sendung nicht rüber. Machen Sie einen Hehl aus Ihrem „Pfarrersein“?

Dann würde ich einen Hehl aus meiner Seele machen. Ich weiß natürlich, wie ich es einsetze. Ich kriege jeden Tag Briefe, ich solle doch gefälligst deutlicher sagen, daß Jesus für uns gestorben ist. Das tu ich nicht, weil ich weiß, es kommt nicht auf das Senden an, sondern mindestens auch auf das Empfangen. Ich bin sicher, daß mittlerweile alle Leute wissen, daß ich Pfarrer bin. Das war für die ARD ein Problem. Die wollten keinen Pfarrer als Talkmaster. Das war Ihnen peinlich.

Warum nicht? Ein Pfarrer ist doch eine beliebte Identifikationsfigur. Vor allem in der Werbung ...

... nein, nein sie wollten keinen. Die haben sofort Untersuchungen gemacht, ob das schaden würde. „Pfarrer, der ist schnarchlangweilig.“ Und dann gab es die ersten Werbestrategien, die sagten, der ist gar kein Pfarrer. Der ist Theologe. Biolek ist ja auch Jurist. Theologe, also Wissenschaftler. Und ich habe gesagt, ihr tickt nicht sauber. Es gibt einen Dornenvögel-Effekt. Das Volk hat Hunger nach einer erotischen Religiosität. Und das
kommt ja zum Tragen – also Zuwendung, Hinhören, zärtlich sein ... Aber das war am Anfang nicht durchzusetzen.

Also ist „Fliege“ eine Kirchensendung?

Die Kirchen haben überhaupt keinen Einfluß auf mich. Viele denken immer, es ist eine Kirchensendung. Aber es ist die Unterhaltungsschiene. Religion ist das Unterhaltendste, was es überhaupt gibt.


Die Fragen stellten J. Rainer Didszuweit und Jörg Held


erschienen in echt, 3. Quartal 1995
Copyright by EKHN, Darmstadt
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