echt
Interview
Ulrich Wickert
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Daß der Ehrliche immer
auch der Dumme ist – das
beklagt Mister Tagesthemen
Ulrich Wickert in
seinem neuesten Bestseller
gleichen Titels. Dabei verläßt
der prominente
Journalist die für seinen
Beruf typische Zurückhaltung
und fordert eine deutliche
Wende: Mehr Moral,
mehr Maß, mehr
Menschlichkeit.
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Ihr Vorgänger Hajo Friedrichs
hat in einem Interview
kurz vor seinem Tod noch
einmal betont, daß ein
Journalist immer neutral bleiben
sollte. Sie dagegen sind
vom Monitor-Redakteur und
Tagesthemen-Beobachter –
überspitzt gesagt – zu einer Art
Moralapostel geworden.
Warum?
Das ist wirklich überspitzt.
Ich erinnere mich aber, daß ich
nach einem Beitrag, den ich aus
Zeitgründen vor der Sendung
nicht sehen konnte und der mit
dem Bild eines toten Jungen aufhörte,
einmal gesagt habe: fürchterlich,
fürchterliche Bilder. Das
war in mir, und ich dachte, man
kann jetzt dem Zuschauer nicht
einfach mit dem nächsten Text
kommen. Am Tag danach rief
mich ein sehr seriöser, führender
Journalist an und sagte:
„Gut, daß Sie den Satz gesagt
haben. Genau das ging in mir
vor, das war eine Erleichterung.“ Der
Moderator hat ja die Aufgabe, dem
Zuschauer auch zu helfen und ihm das
Verarbeiten des Stückes zu ermöglichen.
Beim Fernsehen muß man häufig
schmunzeln, wenn Sie die „Moral der
Geschichte“ meist mit vergleichsweise
harmlosen Andeutungen verkaufen. In
Ihrem Buch dagegen werden Sie ziemlich
deutlich, wenn Sie sich beispielweise wieder
für das Strafen stark machen. Ist das nicht
ein Widerspruch?
Nein. Ich glaube, daß in den 70er Jahren
vergessen wurde, daß man Autoritäten
braucht. Und zwar inhaltliche Autoritäten.
Ich habe selber erfahren, daß Kinder gewisse
Dinge überhaupt nicht verstehen. Man
kann nicht alles erklären, sondern man muß
auch Grenzen setzen ...
... und die reklamieren Sie ja, als Strafe
oder auch als Schamgefühl?
Konfuzius hat dazu einen sehr guten Satz gesagt: „Wenn ihr eine Gesellschaft aufbaut,
dann baut sie nicht mit Strafgesetzen
auf, sondern mit Scham.“ Wobei jetzt nicht
dieses moralisierende Schamgefühl gemeint
ist („Man zieht sich nicht nackt aus am
Strand“), sondern: Ich schäme mich, weil
ich gegen die Ethik verstoßen habe. Und
tatsächlich ist es so, daß jemand, der sich
schämt, wahrscheinlich schwerer etwas
Böses tut, als einer, der sagt: Och, ich will mal gucken, daß ich durchkomme.
Ich werd’ schon
eine Ausrede finden!
Das klingt ja sehr prophetisch,
visionär,
missionarisch ...
... nein, nein, es ist ganz
praktisch. Das klingt deswegen
prophetisch und
missionarisch, weil die
Leute sich nicht mit diesem
Thema beschäftigt
haben. Wenn wir drei
hier sitzen und verpflichtet
sind, es hier drei Wochen
auszuhalten, werden
wir Regeln aushandeln
müssen, wie das funktioniert.
Und diese Regeln müssen
wir halt auch in einer
größeren Gemeinschaft
finden.
Warum kommen dann die
Kirchen bei Ihnen so schlecht
weg? Denn schließlich sind sie
ja für die Vermittlung von
Werten, von Ethik und Moral ganz wichtig?
Kirchen basieren auf dem
Glauben. Die Ethik, über die
ich spreche, basiert auf der
Vernunft. Der Glaube ist: Ich
nehme an. Die Vernunft
bedeutet: Ich denke nach und
schaffe selber.
Klar ist, daß unsere ganze
Kultur durch die Zehn Gebote
geprägt wurde. Aber fragen
Sie doch einmal, wer die Zehn
Gebote noch kennt? Heute
kriegen die Leute glaube ich
noch drei oder vier zusammen, aber nicht
mehr die zehn.
Noch mal zur Vernunft, zur Einsicht. Sie unterstellen
den Menschen, daß sie durch
Einsicht in der Lage sind, ihre Verhaltensweisen
zu ändern?
Ich unterstelle es ihnen nicht, ich gehe
davon aus, daß es so ist. Verändern? Nein.
Man muß erst einmal zu vernünftigem
Handeln erzogen werden. Viele Leute in
Deutschland sind bereit zu Einsicht, zu ethischem
Verhalten. Sie wissen nur nicht mehr
genau, wie das funktioniert. Und wie bringt
man ihnen so was bei? Indem man ihnen
was zum Denken gibt.
Für die von Ihnen so hart kritisierten
Kolleginnen und Kollegen beim Privatfunk
und Privatfernsehen sehen Sie da aber
schwarz?
Wenn jemand sagt, ich kann Geld machen
mit den niederen Gelüsten, also den Lastern, Haß, Rache und all diesen Elementen,
dann finden Sie immer Leute, die es
auch tun. Bei den Öffentlich-Rechtlichen
haben Sie ja auch Tendenzen
gehabt, die gesagt haben: Um Einschaltquoten
zu machen, gehen wir mal
in dieselbe Richtung. Da muß man
sagen: Paßt auf, bitte nicht bei uns. Und
das ist die Schwierigkeit, daß das Geld
eben die Rolle hat, die es hat.
Da steht die von Ihnen geforderte
Vernunft ja auf schwachen Füßen ...
... das ist das Problem! Deswegen ist
die Vernunft eine Utopie. Das Geld hat ja
dazu geführt, daß sich jeder plötzlich
selbst verwirklichen kann, wie man so
sagt. Ein gefährlicher Begriff: Ich brauche
nicht mehr in einer Gemeinschaft zu leben,
ich kann für mich selber leben. Ich
brauche überhaupt keine Rücksicht mehr
zu nehmen auf jemand anders. Ich beschließe,
ich mach’ dieses oder jenes. Da
müssen wir wieder fragen: Gibt es nicht
doch Gründe, warum man sich für die
Gemeinschaft einsetzen muß? Auf der
anderen Seite ist der Mensch natürlich ein
Lebewesen, das von Gefühlen lebt und vom
Ausdruck des Gefühls. Und das finde ich
auch ganz wichtig, daß er es weiterhin tut.
Es wäre ja furchtbar, wenn wir in einer
Gesellschaft leben würden, die sich nur
nach Vernunft und nicht mehr nach Gefühlen
richtet. Das wär’ entsetzlich, um
Gottes willen.
Ganz konkret: Was
muß sich Ihrer
Meinung nach
ändern?
Wir müssen akzeptieren,
daß wir
Teil einer Gemeinschaft
sind. Wir müssen
die Einsicht haben,
daß das Leben in
einer Gemeinschaft
auch bedeutet, gewisse
Regeln einzuhalten.
Und wir müssen
aus dieser Einsicht
heraus Pflichten akzeptieren.
Ich benutze
dieses Wort ganz bewußt,
weil es in der
ethischen Diskussion
als Wort benutzt wird. Man kann es auch
Verantwortung nennen.
Noch deutlicher, bitte. Sie fordern das
soziale Jahr für alle jungen Menschen. Was
noch?
Schuluniformen. Meine Tochter ist in eine
französische Schule gegangen und hat ihr
französisches Abitur gemacht. Sie mußte
zwar keine Schuluniform tragen, aber es
hieß gedeckte Kleidung, bitte grau oder
blau. Es ging darum, daß man eben nicht
durch die Kleidung auffällt. Bei uns aber ist
es offensichtlich so, daß die Eltern den
Kindern beibringen: Mensch, du zeigst, deine
Eltern haben Geld. Da fehlt, wenn man
bei der Tugend bleibt, Bescheidenheit, oder
die Demut. Wunderbares Thema. Wer heute
Demut sagt, der ist doof. Ja, da muß man
wieder zurückkommen, zum Nachdenken
über solche Sachen. Und ich merke, daß die
Leute dazu bereit sind.
Das sieht man ja auch an den
Verkaufszahlen Ihrer Bücher. Wie
schätzen Sie denn Ihren
Prominentenbonus dabei ein?
Der ist sehr groß. Wenn ich der
Metzger Wickert gewesen wäre, hätte
wahrscheinlich das Buch kaum jemand
gekauft, vielleicht noch meine
Kundschaft. Die hätten gesagt, wir haben
einen ganz komischen Metzger,
der schreibt auch Bücher oder so was.
Nein, der Prominentenbonus ist sehr
wichtig. Aber, wie funktioniert dieser
Prominentenbonus? Der funktioniert
so, daß die Leute sagen, der strahlt eine
Glaubwürdigkeit aus, dem lauben
wir, dem trauen wir. Wir wollen wissen,
was der sagt. Das ist die Geschichte,
daß man so eine Art Vorbildcharakter
hat für die Leute. Bundespräsident
Herzog sagt in Reden manchmal: „Wissen
Sie, das, was ich jetzt sage, das habe ich vor
15 Jahren auch schon gesagt. Aber damals,
da hat nur keiner hingehört. Jetzt bin ich
Bundespräsident, und jetzt sagen alle Leute
plötzlich: Och Gott, ist ja hochinteressant!“
Rüdiger Niemz / J. Rainer Didszuweit