echt
Interview
Marie-Luise Marjan
„So kriegen wir
Bewegung in
die Welt“ |
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Marie-Luise Marjan ist
„Mutter Beimer“. In
Deutschlands erfolgreichster
Fernsehserie
„Lindenstraße“
war sie einst Paradehausfrau.
Inzwischen ist die Vorzeigefamilie scheidungsgeschädigt und beziehungsgebeutelt.
Marie-Luise Marjan lebt in Wirklichkeit eine Spagatbeziehung
zwischen Köln und Hamburg – ohne
Kinder. Obwohl die 55jährige Schauspielerin
auf eine gestandene
Bühnenkarriere
– zuletzt unter
Peter Zadek –
zurückblicken kann,
ist sie inzwischen die
Fernsehmutter der
Nation: Die Helga
Beimer aus der
Lindenstraße ist ihre
25. TV-Mutterrolle.
Im ECHT-Interview
spricht sie über
Karriere, Liebe,
soziales Engagement
und Werte, die das
Leben bestimmen
sollten. |
Sie sind als Mutter Beimer
in der „Lindenstraße“ die
bekannteste „Mutter der
Nation“, haben mit dieser
Rolle ungeheuren Erfolg.
Aber in Wirklichkeit sind
Sie weder Mutter noch haben
Sie eine „richtige“ Familie. Wie kommt das?
Ich habe ein Jahr in einem
Waisenhaus gelebt, wurde
als Sechsjährige von meinen
Pflegeeltern adoptiert
und habe bei ihnen Urdisziplin
und klare Regeln
einhalten gelernt. Also –
mich nicht ablenken zu
lassen, klar und gerade meinen Weg zu gehen.
Und auch als Schauspielerin mußte ich das,
mußte einfach 150prozentig gut sein, um
Engagements zu kriegen. Und da versetze ich
mich eben aus schauspielerischem Ethos in
meine Rolle als Mutter rein, so gut ich kann. Ich bin eine intensive Schauspielerin. Und
nicht, weil ich insgeheim doch Mutter sein
will.
Woher kommt denn dieses schauspielerische
Ethos?
Ich glaube, zur Schauspielerin wurde ich berufen;
der liebe Gott sucht sich seine Leute
aus, und davon gibt es nicht so viele. Und als
ich mit dreißig vor der Wahl stand:
„Gründest du eine Familie oder gehst du deiner
Karriere nach“, da war nun mal der Richtige nicht da – und so wurde es eben die
Schauspielerfamilie.
Apropos „Der Richtige“: Sie haben einen
Freund, und seit elf Jahren funktioniert diese
Beziehung. Aber Ihr Bodo lebt in Hamburg, Sie
leben und drehen in Köln. Und das geht gut?
Wir sind – Bodo arbeitet
ja als Beleuchter
beim Hamburger Thalia-Theater – schon durch
unseren Beruf selbständige
Leute. Wir können gut
was für uns selber machen
und brauchen den andern
dafür nicht; wir respektieren
uns gegenseitig, freuen
uns, wenn wir zusammen
sind, schauen, wie’s dem
anderen geht. Und, ganz
wichtig, loben uns, wenn
einer was schön gemacht
hat – und sei es nur ein
gutes Essen.
Haben Sie denn auch ein
persönliches Rezept für die
Liebe?
Ja, vielleicht dieses:
Aufmerksam sein, aufeinander
hören, wach sein;
die Sensibilität nicht
füreinander verlieren.
Und, ganz wichtig: Nicht
klammern, nicht ummodeln
wollen, sondern
den andern akzeptieren.
Mit seinen Fehlern und
auch mit ein bißchen
Humor.
Sie sagten eben: Selbständig
sein, für sich allein leben
können. Aber Sie leben ja
nicht bloß für sich allein,
sondern setzen sich für andere
Menschen ein ...
Richtig. Ich war ja früher
auch mal Arzthelferin, und
da habe ich erfahren, wie
wichtig das für unsere Gesellschaft ist, daß
man für andere etwas tut.
Können Sie das konkretisieren?
Ich habe zum Beispiel zwei Patenkinder. Ein
Mädchen in Indien und einen Jungen in Sri Kinderorganisation
Unicef –, um bloß zwei
Beispiele zu nennen. Das finde ich unheimlich
wichtig. Denn wissen Sie: Die dritte Welt
ist ja gar nicht aus der Welt, sondern direkt
vor unserer Haustür. Und wenn die untergehen,
dann gehen wir in Deutschland und wo
auch immer gleich mit unter.
Das sind große Worte ...
Ja, vielleicht, aber ich glaube: Auch die Wüste
besteht aus lauter einzelnen Sandkörnern; ein
Körnchen und noch eins und dann kommen
weitere hinzu und dann entsteht ein Sandhaufen,
dann eine Düne und schließlich eine
Wüste. Und nur so kriegen wir Bewegung in
die Welt.
Wo sollte denn in der Welt, oder besser: hier bei
uns, etwas in Bewegung kommen?
Unsere Welt ist so seelenlos. Alle reden immer
nur vom Fortschritt, aber das kann doch
nicht alles sein! Wir haben Computer, wir telefonieren
endlos mal eben auf die Schnelle
mit allen möglichen Leuten, sogar vom Autotelefon
aus. Wir wissen doch vor lauter Hektik
und Oberflächlichkeit kaum noch, wo
hinten und vorne ist. Anstatt einmal ganz bewußt
Nägel mit Köpfen zu machen, auf einen
Menschen zuzugehen und dabei klar zu sein
und zu sagen: „So, jetzt sind wir füreinander
da und nichts stört uns.“ Wir werden seelisch
immer ärmer; es gibt fast keine Werte mehr.
Welche Werte wünschen Sie
sich?
Für mich ist ein ganz wichtiger Wert:
Freundschaft. Und Treue. Und ein Wort, ein
Versprechen halten. Ein Versprechen muß
was wert sein. Ein Nein muß ein Nein sein
und ein Ja ein Ja.
Interview: J. Rainer Didszuweit und
Anette Kaßing