echt Interview

 

"Auf der Suche nach dem verlorenen Fest"

 

 

Steuert in Deutschland der Weihnachtsrummel dem Höhepunkt entgegen, steigt Ina Deter ins Flugzeug. Die 54-jährige Sängerin, die in den 80er Jahren mit „Neue Männer braucht das Land“ eine Hymne der deutschen Musikszene schuf, sucht auf Mallorca die Ruhe.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich vor ein paar Jahren durch die Kaufhäuser gerannt bin, um Geschenke für meine Schwester, meinen Schwager, meine Nichten zu besorgen – und plötzlich dachte: Habe ich eine Macke?“ Ina Deter sitzt in ihrer Wohnküche und schüttelt den Kopf: „Ich war wie im Konsumrausch und als ich die Sachen zu Hause auspackte, merkte ich, ich hatte vieles gar nicht mehr liebevoll ausgesucht.
Das hatte mit der Heiligkeit und Besinnlichkeit des Festes, wie ich es von früher her kenne, nichts mehr zu tun.“ Die Rocksängerin feierte noch ein paar mal pflichtbewusst im Familienkreis, bis sie vor drei Jahren die Konsequenzen zog. Seitdem verbringt sie die Weihnachtszeit allein in ihrem Häuschen, einem umgebauten Schafstall, auf Mallorca – und tauscht überfüllte Kaufhäuser mit einem Leben im Einklang
mit der Natur.
„Als Kind habe ich Weihnachten überschaubar und liebevoll erlebt. Dazu gehörten vor allem die Gerüche nach Hühnchen, Kartoffelsalat mit Würstchen, Lebkuchen, Marzipan und Zimt oder die freudige Erwartung. Mein erster Anblick eines Weihnachtsbaumes, das war überwältigend, dieses schöne, dicke, fette Licht. Oder meine ersten Buntstifte, mein Gott, was war ich glücklich.“
Wenn die gebürtige Berlinerin heute daran zurückdenkt, spürt sie Trauer. „Den tief sitzenden Bildern meiner Kindheit habe ich lange hinterhergeheult, bis ich erkannte, das ist vorbei. Mittlerweile berührt es mich nicht mehr so sehr, denn ich sehe, bei den meisten ist das Fest nur noch Theater.“
Ganz verzichtet Ina Deter auf ihre Tradition trotzdem nicht. Auf Mallorca schmückt sie den Riesenkaktus im Garten mit Lichterketten.
„Und am Heiligen Abend sitze ich überglücklich vor dem Kamin, schaue ins knisternde Feuer, höre Orgelmusik von Bach – und
dabei geht mir das Herz auf.“

MAICKE MACKERODT


erschienen in echt, 4. Quartal 2001
Copyright by EKHN, Darmstadt
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