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echt Umstand
„Abnabeln
Warum Monika Schaller und ihr Mann froh sind, dass ihre erwachsenen Kinder Carola und Martin nun endgültig ausziehen, obwohl es mit ihnen auch wirklich sehr schön ist. Abnabeln beginnt mit der Geburt, sagt Monika Schaller, das kann man wörtlich nehmen. Du fühlst das Kind, es ist in dir drin, es ist eins mit dir. Und dann musst du loslassen. Die Nabelschnur wird durchgeschnitten. Und das ist der Anfang der Trennung. Sie gehören einem ja nicht. Sie sind ja nicht wie mein Ohr, das mir gehört, oder mein Fuß. Sie sind was Eigenes, was uns anvertraut ist. Man muss sie festhalten, hegen und pflegen und dann wieder loslassen. Vor 27 Jahren wurde Monikas Tochter Carola abgenabelt, zum ersten Mal. Im Hospital in Rüsselsheim. Nächsten Monat steht wieder so ein Abnabeln an, denn Carola zieht zum vierten Mal von zu Hause aus. Sie tritt in Würzburg ihre erste Stelle an. Das ist dann hoffentlich unser letzter Umzug, sagt ihre Mutter Monika. Zwischendurch immer wieder zurück Die Eltern Schaller sind nämlich das verlässliche Umzugskommando ihrer Kinder. Sie haben den beiden sämtliche Umzüge gemacht. Ins Ausland, von einem Studienort zum andern. Vater schraubt die Möbel, fährt den Sprinter, Mutter packt ein, packt aus, Kisten schleppen alle. Acht Umzüge für Carola. Und bitte – das waren keine Katzensprünge. Rüsselsheim–Barcelona, Barcelona–Heidelberg, noch mal Spanien und so weiter. Und zwischendurch immer wieder mal mit allen Habseligkeiten zurück ins Kinderzimmer. Basisstation bei Mama und Papa. Zwischen zwei Umzügen, zwischen zwei Semestern oder fürs Praktikum. Sack und Pack: Das ist eine Menge Zeug, sagt Monika Schaller. Die haben ja heute ganz andere Hausstände als wir damals. Jetzt ist’s gut. Wir können sie heute auch ganz anders loslassen, sagt sie. Nach der Schule gingen ja beide gleich ins Ausland. Martin tourte durch Südamerika, wir haben oft wochenlang nichts von ihm gehört. Ich habe immer zum meinem Mann gesagt, wenn wir nichts hören, geht’s ihm gut. Aber natürlich haben wir uns Sorgen gemacht. Die Themen kennt man ja: Alkohol, Drogen. Man weiß ja nicht, in welcher Gesellschaft sie sind. Das hat uns schon beschäftigt und man braucht eine gute Portion Gottvertrauen Vor dem vorläufig letzten Auszug der Tochter gab’s nochmal die volle Dröhnung. Weihnachten kamen beide Kinder nach Hause. Carola, die Superordentliche. Martin, der Chaot. Martin hat sein altes Zimmer noch nicht betreten, da ist es schon verwüstet, sagt seine Mutter. Martin, 24, hat mittlerweile eine Ausbildungsstelle in Berlin und bislang erst drei Umzüge auf seinem Konto. Beide Kinder bringen Freunde mit heim, selbstverständlich, auch neue Freunde. Da kann es schon mal sein, dass du im Morgenmantel über den Flur läufst und auf ein unbekanntes Gesicht triffst, sagt Mutter Monika. Wir hatten immer ein offenes Haus. Ist ja auch schön. Aber wenn der fremde junge Mann beim Frühstück die ganze Flasche Orangensaft leer trinkt, ist das nicht so toll. Denn für den vollen Kühlschrank sorge ja ich. Da kannst du gar nichts machen. Wenn die erwachsenen Kinder nur zwei Tage im Haus sind, werden sie wieder Kinder und erwarten den kompletten Service. Mama kocht und sorgt für alle. Dabei können die das durchaus selbst. Man sieht es ja, wenn man bei ihnen zu Besuch ist. Sport gucken statt Serie Jedenfalls, sagt Monika Schaller, werden wir die Zimmer der Kinder jetzt selbst in Besitz nehmen. Wir sprechen schon länger darüber. Mein Mann liebäugelt mit einem eigenen Rückzugsraum, mit türkischem Diwan und Leseecke. Mir schwebt ein Arbeitsplatz in der Wohnung vor. Die Kinder sind natürlich weiterhin willkommen. Aber sie werden sich künftig nur noch mit einem komfortablen Bett zufrieden geben müssen. Die Zimmer gestalten wir. Zukunftsmusik heißt für die Schallers: Sie werden ihre Musik hören, in ihrer Lautstärke. Sie werden die Fernbedienung selbst in der Hand halten. Herr Schaller darf Sport gucken statt Serie. Das Telefon wird wohltuend ruhig sein. Und sie werden die Zweisamkeit genießen. Endlich abgenabelt.
Marie Lampert Illustration: Heiko Sakurai
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erschienen
in echt, 1. Quartal 2010
Copyright by EKHN, Darmstadt |