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echt Trauer
Irgendwie steht alles Kopf. Wenn bei Andrea Draxler das Telefon klingelt und keiner rangehen mag, ist auf dem Anrufbeantworter die Stimme ihres Mannes CK zu hören. Tief, hessischer Akzent, ein bisschen rauchig. Er könnte jeden Moment zur Tür hereinkommen, seine Jacke vom Stuhl am Esstisch nehmen, auf die Terrasse gehen und eine Zigarettenpause machen. Dann die kleine Tochter Merle aus dem Kindergarten abholen, das Mittagessen kochen und zu Hause sein, wenn die große Tochter Lena aus der Schule kommt. Er könnte, aber er wird nicht. CK – der ungewöhnliche Spitzname steht nicht nur am Klingelschild an der Haustür, sondern auch auf einem Holzkreuz auf dem Friedhof. CK (Wolfgang) Becker. Im Februar 2008, kurz vor seinem 41. Geburtstag, ist CK gestorben. Andrea Draxler hatte die zwei und sechs Jahre alten Kinder gerade ins Bett gebracht und noch eine Geschichte vorgelesen. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam war ihr Mann tot. Mit dem Notebook auf den Knien saß er auf dem Sofa vor dem Fernseher, den Kopf nach hinten angelehnt. Es sah aus, als schliefe er. Sekundenherztod steht auf dem Totenschein. „Niemand hätte ihn retten können“, sagt Andrea Draxler. Sie konnte sich nicht von ihrem Mann verabschieden. Es gab keinen letzten Kuss, keine Umarmung, sie konnten sich nichts wünschen. Trotzdem ist die Lehrerin auch dankbar. „Es war ein gnädiger, ein schmerzfreier Tod“, sagt sie. „Wer gehen will, geht.“ Von CK ist ganz viel geblieben. Nicht nur die Stimme auf dem Anrufbeantworter und die Jacke über der Stuhllehne. Das ganze Haus im Treburer Stadtteil Astheim ist wie erfüllt von seinem Geist. „Er hat es für uns gebaut“, sagt Andrea Draxler. Als Hausmann hat CK sich um alles gekümmert. Er hat die Autos gekauft, die vor der Tür stehen. Die Versicherungen abgeschlossen, die Kinder versorgt und die Urlaube gebucht. Die Familie war gern in den Schulferien unterwegs, oft in der Natur zum Campen oder in einem kleinen Hotel. Die Urlaube im vergangenen Jahr waren für Andrea Draxler harte Arbeit. Vier Mal ist sie mit ihren Töchtern allein aufgebrochen. Sie hat die Einsamkeit ausgehalten, die Tränen laufen lassen, die Schwere ertragen. Was es von CK noch gibt, will sie auskosten. „Er wird nie wieder Urlaub für uns buchen.“ Das Leben ohne CK hat für Andrea Draxler gerade erst begonnen. „Es ist gestern gewesen“, sagt sie über seinen Tod. Dabei ist das zweite Jahr schon fast vorbei. Die ersten Geburtstage ohne ihn, der erste Hochzeitstag, Weihnachten, Silvester. „Das erste Jahr ist der erste Schritt.“ CK soll seinen Platz behalten. In ihrem Herzen, in ihrer Familie, in ihrem Haus. Das gemeinsame Konto auf ihren Namen umzuschreiben hat Andrea Draxler fast umgebracht. Wo es geht, bleibt CK deshalb präsent. Im Schrank gibt es ein bisschen mehr Luft für ihre Sachen, aber sein Fach im Schuhregal ist geblieben. Genauso wie seine Badehose in der fertig gepackten Schwimmtasche. „Wir schleppen ihn mit, wo immer wir hingehen“, sagt sie. Kurz nach CKs Tod steckten die ersten Frühblüher ihre Köpfe aus der Erde. An den Bäumen gab es das erste zarte Grün nach dem Winter. Für Andrea Draxler ein Schlag ins Gesicht. Wie konnte es so viel Leben geben, wo sein Leben gerade zu Ende war? Wo war ihr Mann jetzt? Was erwartete er von seiner Frau? Was wünschte er sich für seine Kinder? Auch gute Freunde wussten auf diese Fragen keine Antwort und die Lehrerin begann den Kontakt zu anderen Verwitweten zu suchen. Sie hat eine Therapie angefangen, eine Kur für Trauernde gemacht und in Weiterstadt eine Trauergruppe für Verwitwete mit Kindern gegründet. Während für ältere Trauernde oft Einsamkeit das größte Problem ist, haben junge Verwitwete mit kleinen Kindern im Alltag kaum Zeit zum Trauern. Während sich Verwitwete ohne Kinder nach Belieben treffen können, schaffen es die plötzlich Alleinerziehenden vielleicht alle zwei Wochen. Nicht jede hat das Geld für einen Babysitter, um sich zwei Stunden Trauerarbeit zu gönnen. Mit den anderen Frauen zündet Andrea Draxler zu Beginn des ersten Treffens Kerzen an für die verstorbenen Männer. Auch hier haben die Toten ihren Platz. Für die Trauerseelsorgerin Tabita Oehler ist das entscheidend. „Man braucht eine Verbindung zu den Toten“, sagt sie. Die Verstorbenen loszulassen sei ein oft gut gemeinter Ratschlag, der aber ins Leere läuft. Wohin soll man sie lassen? Ins Nichts? „Trauer ist die Suche nach einem guten Ort für die Toten, wo man sie sein lassen kann“, sagt Oehler. Sein lassen, nicht loslassen. Das kann am Anfang das Grab sein, später der Regenbogen oder ein heller Stern. Für Andrea Draxler und ihre beiden Töchter ist CK auf dem Mond. Der ist zwar nicht immer zu sehen, aber doch immer da. Nach einer anstrengenden Woche blitzt er plötzlich auf in der Nacht, macht traurig und fröhlich zugleich. Oder es fährt ein warmer Windhauch durch das gekippte Fenster über der Spüle, streicht der Mutter zart über die Stirn, wenn die Kinder eingeschlafen sind. Andrea Draxler sucht den Schmerz, die Erinnerung an ihren toten Mann. „Er ist mein zuhause, meine einzige Heimat“, sagt sie. „Ihn totzuschweigen ist viel schlimmer, als über seinen Tod zu reden.“ In der Trauergruppe kann sie diese Gefühle teilen. Auch die Angst, wenn der Schmerz weniger wird. Bedeutet das dann vergessen? Den Partner verraten? Ab wann darf man sich erlauben, wieder zu leben? Trotz aller Trauer fühlt Andrea Draxler sich frei. Sie hat CK gehen lassen, obwohl er noch so jung war. Obwohl sie sich auf noch viele Jahre miteinander gefreut haben. Aber ihr Mann würde nicht wollen, dass sie den Rest ihres Lebens allein bleibt, ist sie sich sicher. Dafür war er zu positiv, stand zu sehr selbst mitten im Leben. „CK hat in seinen 40 Jahren vielleicht mehr erlebt als andere in 80“, sagt sie. „Er war das Leben pur.“ Sie will für ihn mit leben. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Hellen Knust echt info Die Trauergruppe für Verwitwete mit Kindern trifft sich in Weiterstadt, Leiterin ist die Trauerseelsorgerin Tabita Oehler. Die Gruppe ist für Frauen und Männer aller Nationalitäten und Konfessionen offen. Treffpunkt ist das Erika-Küppers-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Weiterstadt, die die Trauerseelsorge gemeinsam mit dem Dekanat Darmstadt-Land finanziert. Tabita Oehler ist unter der Telefonnummer 06150/15182 und per E-Mail an t.oehler@trauerseelsorge.de zu erreichen. Weitere Informationen gibt es unter www.trauerseelsorge.de.
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erschienen
in echt, 1. Quartal 2010
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