echt Glaube kompakt

Die Wand




 

 

 

 

 


Es war ein Alptraum. Gerda S. saß am Steuer eines Wagens, der unbeirrbar auf eine Wand zu raste. Sie war wie gelähmt. Das Steuer gehorchte ihr nicht und die Wand kam immer näher. Überlaut hörte sie das Ticken einer Uhr und wusste, dass ihr nur wenige Sekunden blieben. Das war nun das Ende. Schweißgebadet wachte sie auf. „Schrecklich“, dachte sie. Sie hatte vom eigenen Tod geträumt und sie wusste, warum.

Der Tod schafft Platz

Naturwissenschaftlich sind die Fakten einfach und brutal: Was lebt, muss früher oder später sterben, egal unter welchen Umständen. Wären alle Pflanzen, Tiere und Menschen noch da, die einmal gelebt haben, wäre die Erde schon seit undenklichen Zeiten hoffnungslos überfüllt. Was stirbt, macht buchstäblich Platz für neues Leben. Andersherum gesagt: Wir leben heute, weil unzählig viele Menschen vor uns gestorben sind. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man diesen Umstand wie unbeteiligt gelassen und distanziert beschreibt oder ob man ihn genau so gelassen auch für sich selbst gelten lässt und annehmen kann. Das gelingt nur sehr wenigen Menschen.

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Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Foto:Fernando Baptista

Bloß nicht daran denken

Der Gedanke an das eigene Vergehen ist den meisten Menschen höchst unangenehm und die Angst vor dem eigenen Tod gewaltig. So groß, dass beides so lange wie möglich weggedrückt wird. In der Jugend ist das kein Thema, in den „besten Jahren“ hat man natürlich zu wenig Zeit und seitdem es die „Alten“ nicht mehr gibt und die „Senioren“ angeblich immer länger leistungsfähig, elastisch und jung bleiben, lässt sich auch diese Grenze weiter hinausschieben. Nur nicht daran denken.



„Schrecklich“

Der Tag, an dem Gerda S. ihren geliebten Mann verlor, veränderte alles. Sie hatten eine glückliche Ehe geführt, sogar das seltene Fest der diamantenen Hochzeit gefeiert, keine materiellen Sorgen gehabt. Aber von jenem Tag an war das meiste im Leben nur noch „schrecklich“. Das Wort fuhr ihr immer wieder so zwischen den Sätzen heraus, ganz ohne Zusammenhang. Wer sie ein wenig kannte, verstand, was sie meinte: Sie hatte den Schrecken des Todes gesehen und der ließ sie nicht mehr los.

Wie im falschen Film

Irgendwann wird es ernst. Die Wand des eigenen Todes rückt mit jeder Stunde unausweichlich näher und mit ihm das Erschrecken. Das Ende wird absehbar, die künftige Lebenszeit garantiert kürzer sein als die vergangene. Die Kräfte werden weniger. Was einmal selbstverständlich schien an Fähigkeiten, an Ausdauer, an Zuversicht ist nicht mehr da. Die Zeit läuft ab. Eigentlich weiß das jeder schon sehr früh. Aber irgendwann sieht es aus, als ob man lange im falschen Film gewesen sei.

In Gottes Hand

Doch was ist der richtige Film? Niemand kennt Anfang und Ende seines Lebens. Was war mit mir vor meinem Leben und was wird danach sein? Woher kommen, wohin gehen wir? Seit 2.000 Jahren bekennen die Christen: Wir kommen aus Gottes Hand, und wir gehen wieder dorthin zurück. Auch das ist nur ein Bild, so wie die Wand aus Gerdas Traum. In wessen Hände ich mich begebe, dem liefere ich mich aus. Seit Urzeiten ist für Menschen die Hand der Inbegriff von Macht. Es ist wie ein uraltes Bild vom mächtigen Herrscher. Dem kleinsten Wink seiner Hand gehorcht der Hof, das Heer, das Land. In seiner Hand liegen Leben und Tod.

Das Bild von der Wand hat ausgedient

Wenn Christen sagen, dass wir aus der Hand Gottes kommen und dorthin wieder gehen, dann heißt das zugleich: Das Bild von der Wand gilt nicht mehr. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Das Gesetz der Naturwissenschaft, dass alles Lebende auf der Erde Platz schaffen muss für neues Leben, ist nicht alles, was es über das Leben zu sagen gibt. Das letzte Wort ist die Liebe Gottes, der uns schuf und zu dem wir zurückkehren.

Niemand weiß, wie es sein wird auf der anderen Seite des Lebens. Aber seit Anbeginn glauben die Christen, dass Jesus Christus ihnen den Weg dorthin frei gemacht hat, durch seinen Tod und seine Auferstehung. Er selbst gab sich ganz in Gottes Hand. Seine letzten Worte waren ein altes jüdisches Gebet: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“1

1 Lukasevangelium 23, 46

Joachim Schmidt

 


 

erschienen in echt, 1. Quartal 2010
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