echt Glaube

Da geht ihm die Sonne auf

Mitten in der Nacht stand Jakob auf und nahm seine beiden Frauen und die beiden Nebenfrauen und seine elf Söhne und brachte sie an einer seichten Stelle über den Jabbok; auch alle seine Herden brachte er über den Fluss. Nur er allein blieb zurück. Da trat ihm ein Mann entgegen und rang mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der andere sah, dass sich Jakob nicht niederringen ließ, gab er ihm einen Schlag auf das Hüftgelenk, sodass es sich ausrenkte. Dann sagte er zu Jakob: »Lass mich los; es wird schon Tag!« Aber Jakob erwiderte: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« (1. Mose 32)

Jakob steht auf. In dieser Nacht kann er sowieso nicht schlafen. Schließlich wartet ein Tag voller Dramatik auf ihn. Er wird sein Leben riskieren. Denn er wird seinem Bruder Esau begegnen, den er 20 Jahre zuvor schlitzohrig hintergangen hat. Keine Ahnung, was dieses Treffen bringt. Sollte Esau ihm alles heimzahlen, was war? Jakob steht in der Nacht auf, bringt Frauen und Kinder und seinen ganzen Besitz weg über den Fluss und bleibt allein zurück.

Manchmal passiert das Entscheidende nachts. Unruhige Seelen wägen im Dunklen die Zukunft ab. In schlaflosen Köpfen reifen Entscheidungen heran. Damit, wenn der Morgen graut, klar ist, was zu tun ist. Woran soll ich festhalten und was kann ich sein lassen? Was gibt mir Zukunft, was nimmt mir die Angst?

Mit Gott gerungen

In dieser Nacht ringt ein Mann mit Jakob. Wer ist das? Sein Bruder? Ein Dämon? Ein Engel? Oder ist dieser Ringkampf gar nicht wahr und nur der bildhafte Ausdruck für das innere Ringen Jakobs? Dagegen spricht, dass Spuren des Kampfes an Jakob für alle sichtbar bleiben werden: Von dieser Nacht an wird er wegen seiner im Kampf verrenkten Hüfte hinken.

Jakob selbst sagt hinterher, dass er in diesem nächtlichen Kampf mit Gott gerungen hat. Eine merkwürdige Vorstellung ist das, eine eigentlich anstößige Geschichte – mit Gott einen Ringkampf zu machen. Wo gibt’s denn so was?! Und dabei auch noch zu erleben, dass man gleich stark ist, dass man Gott gewachsen ist und ihn festhalten kann bis zum Morgengrauen!

Nachdem Jakob alles, was ihm lieb und teuer ist, seine Familie und sein Eigentum, weggebracht und losgelassen hatte, hat er die Hände frei, um diesen mit ihm ringenden Gott festzuhalten, auch gegen dessen Bitte eisern zu umklammern: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“

Ich lasse dich nicht!

echt info  

Helwig Wegner-Nord ist Pfarrer und leitet das MEDIENHAUS der EKHN in Frankfurt.

Foto:Rolf Oeser

Psychologen und Seelsorgerinnen und Meditationstrainer raten uns seit Langem, dass man sich beizeiten im Loslassen üben soll. Ziel ist es, nicht festzuhalten, sondern die Hände zu öffnen und herzugeben, was wir letztlich doch nicht halten können. Auch Jesus hat davor gewarnt, sich zu sehr ans eigene Leben zu klammern, und es mit einem Weizenkorn verglichen, das erst dann Frucht bringt, wenn es vergeht. Ist Loslassen also besser als Festhalten?

Es gibt Momente, in denen es darauf ankommt, nicht lockerzulassen und nicht loszulassen. Zumindest: nicht zu früh. Zu halten und zu kämpfen und wenn es bis zum nächsten Morgen dauert. Um die alt und langsam schal gewordene Liebe in der Ehe zu kämpfen und sie nicht gleich dahinfahren zu lassen, wenn es nicht mehr so wie in den ersten drei Jahren des Verliebtseins ist. Den Partner oder die Partnerin in der Beziehung festzuhalten.

Oder die Erinnerung an die verstorbenen Eltern zu bewahren und zu erhalten, bis es an der Zeit ist, nun auch diese Bilder und Gedanken in tiefere Schichten absinken zu lassen.

Einen Menschen gerade dann ganz festzuhalten, an ihn zu glauben, wenn der schon allen Halt unter den Füßen verloren zu haben glaubt. „Ich lasse dich nicht!“

Segen statt Siegen

Jakob hält Gott fest. Er will keinen Sieg über Gott erringen, Jakob will den Segen Gottes. An Gottes Segen ist ihm alles gelegen. So kann das mit dem Festhalten sein. Wer zu früh lockerlässt, verspielt Gottes Segen, der sich wie die Frucht zähen Ringens einstellt.

Als Jakob morgens schließlich gesegnet den Schauplatz verlässt, geht ihm – so heißt es da – die Sonne auf.

Helwig Wegner-Nord

 

 

Marie Lampert

Illustration: Heiko Sakurai


 

erschienen in echt, 1. Quartal 2010
Copyright by EKHN, Darmstadt
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