echt Familie

„Zuhause ist, wo man
immer auf Schutz
hoffen darf “

 



Patchwork-Familien: Hinter dem sperrigen Begriff verbergen sich oft gescheiterte Beziehungen. Erwachsene richten sich neu aus – die Kinder sind oft die Leidtragenden. Manchmal eröffnen sich aber auch Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben.

Pia und Nils sind wie Pfannkuchen und Spinat. Er ist der Süße, sie die Pikante. Für ihre Mutter Anja war das nicht nur am Mittagstisch ein Problem. Die zwei sind auch sonst so verschieden, wie Geschwister nur sein können. Er ist der Denker. Der 17-Jährige ist gut in der Schule, zockt Computerspiele an einem Wochenende durch, kauft sich immer die dicken Bücher, damit sie länger halten. Sie ist die Verträumte. Ihr fliegt nicht alles zu. Erzählt sie eine Geschichte, verbessert der Bruder sie mit einem klugen Fremdwort. „Die konnten früher nicht zusammen auf dem Sofa sitzen“, sagt Anja Noll. Keine fünf Minuten und Pia und Nils haben sich gestritten.

An ihrem 13. Geburtstag ist Pia ausgezogen. „Ich wollte mich nicht mehr streiten.“ Jetzt wohnt sie bei ihrem Vater. Anja Noll und ihr Exmann haben sich vor zehn Jahren getrennt, der Vater ist wieder verheiratet. Er hat in einem Dorf bei Bad Soden ein Haus gebaut, das für die Kinder immer offen war. „Plötzlich hat sich da ein Weg aufgetan“, sagt Pia. Jetzt hat sie ein Zimmer mit Hochbett und Sitzecke darunter, wie sie es sich immer gewünscht hatte. In Frankfurt-Höchst bei Mutter und Bruder ist sie nur noch jedes zweite Wochenende und die halben Ferien. Und manchmal spontan, wenn ihr danach ist. Das Wissen, dass die Mama nicht weit entfernt sein würde, hat den Umzug leichter gemacht.

Eine Patchwork-Familie kann manchmal mehr Möglichkeiten bieten, als wenn alle unter einem Dach wohnen. Auch wenn es sich eigentlich jeder anders gewünscht hat. Anja und ihr Exmann hatten lange nach der passenden Wohnung gesucht. Welcher Vermieter will schon ein Paar mit zwei Kindern und Hund? Aber nach einem Jahr in der verwinkelten Altbauwohnung mit der tollen Hausgemeinschaft war Schluss. Die Trennung war richtig, ist Anja überzeugt. Auch wenn vor allem Pia darunter gelitten hat. „Ich bin mit Veränderungen nicht gut klargekommen“, sagt die heute 16-Jährige. Eine Wohnung wird für sie erst durch ihre Bewohner zum Zuhause. Mit dem Vater ist ein Stück davon ausgezogen. Er hat ihr gefehlt, auch wenn er nicht aus der Welt war. Morgens am Frühstückstisch, abends beim Einschlafen. Und zwischendurch: Sie hat in der Grundschule viel verpasst, war mit ihren Gedanken meistens woanders.

Und dann war da auch noch Ole, Anjas Freund. Ein paar Jahre nach der Trennung ist er eingezogen. „Zuhause ist da, wo man Fotos: Helen Knust sich wohlfühlt. Wo man immer auf Schutz hoffen darf“, sagt Pia. Ihr Zuhause war ihr plötzlich fremd geworden. Dabei war immer klar, dass Ole kein neuer Papa werden sollte. Aus Erziehungsfragen hält er sich raus, auch für die Gefühle ist eher Anja zuständig.

Zeit wird kostbar

Sich an die neue Frau des Vaters zu gewöhnen war einfacher, sagt Pia. Während in Frankfurt viel diskutiert wird, die Dinge hinterfragt werden, ist das Leben in Bad Soden mehr auf Alltägliches ausgerichtet. Vielleicht eine Ebene, auf der man sich leichter arrangieren kann. Seit Pia beim Vater zu Hause ist, ist das Zusammensein in Frankfurt für die Familie einfacher geworden. „Plötzlich war die Spannung raus“, sagt Anja. Es ist ihr schwergefallen, die Tochter so früh gehen zu lassen. Aber Wochenendmutter zu sein hat auch seine Qualitäten. Zwischen ihr und Pia ist es noch inniger geworden, seit die Alltagsprobleme ausgelagert sind. Sie gehen öfter spazieren, führen lange Gespräche. Streit mit Nils gibt es nur noch selten. „Die Zeit ist zu kostbar geworden“, sagt Pia.

Auch im Unterricht läuft es bei ihr wieder besser. „Du kannst dich siezen lassen, du bist doch jetzt in der Oberstufe“, sagt Nils anerkennend. Dass Pia Abitur machen würde, war nicht selbstverständlich. Die beiden sind seit diesem Schuljahr wieder auf derselben Schule und sehen sich jeden Tag. Nils bringt seiner Schwester das Schulbrot mit, ein kleines Stück Frankfurter Zuhause. Der Vater und die Stiefmutter finden, Pia ist alt genug, sich selbst etwas einzupacken. Aber Anja ist an dieser Stelle gern Mutter. „Selbstständigkeit erkennt man nicht am geschmierten Schulbrot“, sagt sie. Und wie früher bekommt Pia Wurst und Nils Käse.

Helen Knust

 


 

erschienen in echt, 4. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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