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ZUKUNFT maßgeschneidert

In der ModeKreativWerkstatt des Zentrums für Frauen der Diakonie Frankfurt wagen arbeitslose Frauen erste Schritte in ein selbstbestimmtes Leben...

ModischFür ihre Kolleginnen in der Schneiderwerkstatt spielt Andi Bühler gern den Clown. „Ich bin hier der Spaßvogel“, sagt sie und lacht unbeschwert. Sie ist gut drauf, summt zur Musik im Radio. Am Nachmittag kann sie
den Vertrag für ihre erste eigene Wohnung unterschreiben. Andi Bühler ist 42. Wenn sie
am 1. Oktober umzieht, wird sie 19 Monate in Lilith gewohnt haben. Lilith ist ein Wohnheim für Frauen mit sozialen Schwierigkeiten im Zentrum für Frauen (Zefra) des Diakonischen Werkes für Frankfurt am Main. Am 1. Oktober beginnt für die quirlige Frau, die sich so sehr nach Ruhe sehnt, die Zukunft. Dann wird sie ihr Leben leben. Da gibt es keinen Mann zu versorgen, keine Kinder zu erziehen und vor allem keine Kneipengäste, die bedient werden wollen. Sie wird früh aufstehen und früh schlafen gehen. Viel Zeit zum Malen haben. Spaziergänge mit dem Hund der Eltern machen und ab und an die erwachsenen Söhne zu Besuch haben. Und drei Mal in der Woche in die ModeKreativ- Werkstatt im Zefra kommen und nähen.

Geringe Hemmschwelle

Seit September 2008 gibt es die Werkstatt, für Andi Bühler ist sie wie eine zweite Chance. Eigentlich sollte sie nach dem Hauptschulabschluss schon Schneiderin lernen, aber da war der Kopf noch voller Flausen. Mit 16 bekam sie ihren ersten Sohn, hat geheiratet, nach einem Jahr die Lehre abgebrochen. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Bedienung in den Kneipen im Frankfurter Bahnhofsviertel. Die Hemmschwelle, mit Drogen anzufangen, war gering. Koks zu schnupfen gehörte zum Beruf. „Man hat im Bahnhofsviertel eher eine Nase Koks bekommen als ein Brötchen“, sagt Bühler.

Ich bin ein Spätzünder

ModischNoch immer ist diese Frau ein Energiebündel. Vielleicht mit ein Grund, warum sie in der Kneipe so lange durchgehalten hat. „Als Bedienung ist man Alleinunterhalter. Man muss gleichzeitig Faxen machen können und Bier zapfen.“ Im Zefra ist Andi Bühler nur noch der Spaßvogel, wenn sie Lust dazu hat. Als ihr erstes Leben aus den Fugen geriet und immer mehr die Drogensucht ihren Tag bestimmte, hat das Zentrum sie aufgefangen. Mit dem Schneidern hat sie dort angeknüpft, wo sie als Teenager aufgehört hat. „Ich bin ein Spätzünder“, sagt Bühler. Was sie damals verpasst hat, will sie jetzt nachholen. Das Projekt hat ihr Selbstvertrauen gegeben. „Viele denken, Bedienung ist keine Arbeit. Jetzt weiß ich, dass ich was kann.“ Mit fünf anderen Frauen lernt sie nähen, ketteln, zuschneiden, Stoffe auswählen und Entwürfe zeichnen. Jede arbeitet im eigenen Tempo, jede kann unterschiedlich viel. Eine Modedesignerin leitet die Frauen fachlich an und motiviert sie jeden Tag aufs Neue. Andi Bühler weiß das zu schätzen: „Komplimente bekommen, das kannte ich gar nicht.“

Wo ich hingehöre

Für ihre Arbeit bekommt sie 1,50 Euro pro Stunde, sie soll sich innerhalb eines Jahres für einen richtigen Job qualifizieren. Noch sind ihre Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft vage, im Moment ist die eigene
Wohnung das Wichtigste. „In einem Hochhaus zu wohnen war immer mein Traum“, sagt sie. Bald wird sie 1,5 Zimmer im neunten Stock haben, sogar mit Balkon. „Mein altes Leben war Chaos, jetzt weiß ich, wo ich hingehöre. Ich will meinen inneren Frieden finden.“

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Die ModeKreativWerkstatt im Zentrum für Frauen der Diakonie Frankfurt sorgt dafür, dass hochwertige Kleidungsstücke gezielt finanziell schlechter gestellten Menschen zugute kommen, die sie für Vorstellungsgespräche oder Behördengänge benötigen. Das Beschäftigungsprojekt unter Anleitung einer Maßschneiderin läuft in enger Kooperation mit der „Koordination und Organisation von Arbeitsgelegenheiten“ der Diakonie Frankfurt und der Rhein-Main Jobcenter GmbH. Die Investmentbank Goldman Sachs, das Bankhaus Citi, die Personalberatungsgruppe Michael Page International, die Royal Bank of Scotland, die KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sowie zahlreiche Einzelspender unterstützen das Projekt durch Kleidersammlungen. Weitere Informationen unter www.zefra.de

Helen Knust

+++ Der hat am besten für die Zukunft gesorgt, der für die Gegenwart sorge. Franz Kafka +++ Natürlich kümmere ich mich um die Zukunft. Ich habe vor, den Rest meines Lebens darin zu verbringen. Mark Twain +++ Wir tun immer etwas für die Nachwelt; gern würde ich sehen, dass die Nachwelt einmal etwas für uns tut. Joseph Addison +++


 

erschienen in echt, 3. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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