echt glaube

Einladung zum
sorglosen Leben

 

 

„Darum sollten wir dieses Beispiel
von den Vögeln nicht vergessen.
Sie sind ohne alle Sorge, fröhlich und
guter Dinge. Und warum wollten sie
auch sorgen? Sie haben einen reichen
Küchenmeister und Kellner,
der heißt der Vater im Himmel,
der hat eine Küche, die so groß als die ganze Welt ist …
Dieser himmlische Vater will unser Küchenmeister und Kellner
auch gerne sein, wenn wir es nur glauben könnten. Aber wir
erfahren leider, dass die ganze Welt ist ein Haufen
verzweifelter Geizhälse, die Gott nicht trauen.“
Martin Luther

 

Martin Luther war zum Schluss ziemlich dick. Auf zeitgenössischen Bildern sieht man den Reformator als einen wohlgenährten Mann, der ganz offensichtlich wusste, was gut schmeckt. Seine Frau Katharina kann nicht nur ein gutes Bier brauen. Sie versteht es, täglich einen großen Tisch zu decken: Zur eigenen Familie mit ihren sechs Kindern
kommen noch sieben Nichten und Neffen dazu, außerdem vier Kinder eines Freundes, entflohene Nonnen und andere Flüchtlinge, immer wieder Gäste aus ganz Europa und viele Studenten.

Frau Luther lässt das Haus umbauen und sich eine Küche von erstaunlichen Dimensionen einrichten. Dazu gibt’s drei große Keller für geerntetes Obst und Gemüse. Damit ihr die Vorräte nicht ausgehen, bewirtschaftet die Lutherin zwei Gärten, sie hat einen Fischteich mit Karpfen und Forellen angelegt und in der Bienenhaltung kennt sie sich auch aus. In einer Beschreibung von 1542 heißt es, dass sie zudem mehrere Pferde, acht Schweine, fünf Kühe, neun Kälber, Hühner, Tauben und Gänse hat.

Der Kellner heißt Gott

Ich glaube, Martin Luther hat sich Gott in manchen Punkten so wie seine Frau vorgestellt. „Der Vater im Himmel, der hat eine Küche, die so groß als die ganze Welt ist!“, schwärmt er von der Kanzel. Gott ist für Luther
Küchenmeister und Kellner in einem. Gottes großartige Vorratswirtschaft deckt einen reichen Tisch für alles, was lebt. Und wie zu Hause bei seiner Käthe scheint ihn diese Vorstellung auch hier aller weiteren Gedanken und Mühen zu entheben. Wenn Gott Vögel und Menschen versorgt – was soll dann noch eigenes Sorgen? Luther weiß sich einig mit dem Psalm: „Wenn du deine Hand auftust, werden sie mit Gutem gesättigt.“

Foto: Rolf Oeser
Helwig Wegner Nord
Helwig Wegner-Nord ist Pfarrer und leitet das MEDIENHAUS der EKHN in Frankfurt.

Gottes mütterliche Fürsorge für die Menschen ist ja keine Entdeckung des Reformators. Sie wurde schon vor Tausenden von Jahren beschrieben. Wie sich eine Mutter um ihr Kind sorgt, so wendet sich Gott den Menschen zu, sagt der Prophet Jesaja. Wenn wir das nur glauben würden, glauben könnten. In Wirklichkeit machen wir uns allergrößte
Sorgen. Um uns, um morgen, um die Zukunft. Weil einem nichts geschenkt wird, gilt es, sich rechtzeitig darum zu kümmern, dass man auch morgen sein Auskommen hat. Und diese vernünftig kalkulierende Vorsorge, die auch Katharina Luther ihre drei Keller mit Karotten und Kartoffeln für den kalten Winter füllen lässt, kann doch ganz verkehrt nicht sein. Aber was gilt nun: Darf uns die Sorge beschäftigen oder sollen wir uns wie selbstvergessene Vögel treiben lassen?

Raus aus der Versorgungsmanie

„Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“

Diese Sätze von Jesus sind ein eindeutiges Plädoyer für die sorglose Haltung der Vögel. Ich höre das nicht wie ein Verbot, sondern als eine Einladung. Lass dich befreien aus deiner Versorgungsmanie! Du wirst ja wie mit Ketten in deiner Angst festgehalten, dass es irgendwann nicht mehr reicht. Dabei verlierst du aus den Augen, was Gott dir schenkt – ohne dass du es besorgen musst. Schau doch mal, was Gott mit dir vorhat und vor dir als deine Möglichkeiten ausbreitet. Es gibt ein Gottvertrauen, das macht dich nicht verantwortungslos, sondern befreit dich von deinen Sorgen.

 

Helwig Wegner-Nord

+++ Wenn der Mensch nicht über das nachdenkt, was in ferner Zukunft liegt, wird er das schon in naher Zukunft bereuen. Konfuzius +++ Wir zehren immer auf Rechnung der Zukunft. Kein Wunder, dass sie Konkurs macht. Christian Friedrich Hebbel +++ Man muss auch der Zukunft etwas überlassen. Johann Wolfgang von Goethe +++


 

erschienen in echt, 3. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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