echt Berufsstart

 

Blasen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Ich will einen Blaumann"

Den Plan fürs eigene Leben zieht kaum ein Schüler nach dem Abschluss einfach aus der Tasche. Ein Coach kann bei der Entscheidung für einen Beruf helfen, ein Mentor den Weg begleiten. Öfters jedoch, so scheint es, lässt erst die selbst erfahrene Fehlentscheidung oder die Realität einer Lehre das Bewusstsein wach werden: für die Einsicht, das eigene Leben verantworten und finanzieren zu müssen.

Johanna Richter hat mit 23 endlich den Ausbildungsplatz gefunden, den sie sich wünscht. Sie wird bei einem Hamburger
Verlag Medienkauffrau lernen. Die Zeit bis dahin war anstrengend, voller Ungewissheit und Rückschläge. Bis zum Abitur plante sie vor allem die Auszeit danach. Reiste ein halbes Jahr durch Australien und jobbte. Danach kam die Panik: „Was soll ich jetzt eigentlich machen?“ Viele Schulfreunde waren schon weiter, hatten ihr Studium angefangen,
„hatten viel mehr einen Plan“, sagt Johanna Richter. „Das hat mir Angst gemacht.“

FigurDeshalb raten Andrea Mohr und Sonja Guttmann, sich möglichst früh mit der Berufswahl zu beschäftigen. „Druck oder Zeitmangel sind die schlechtesten Ratgeber“, sagt Mohr, die als Coach arbeitet und bei der START-Stiftung Abiturienten berät. Die Stiftung vergibt Schulstipendien an begabte Migranten. Sonja Guttmann von der Arbeitsagentur Darmstadt hilft dagegen Real- und Hauptschülern auf ihrem Weg ins Berufsleben. Beide sind sich einig: Egal welcher Abschluss am Ende der Schulzeit steht, die Berufswahl muss gut überlegt und geplant sein. Und sie muss getroffen werden: „Viele Jugendliche versuchen, die Entscheidung zugunsten weiterführender Schulen wegzuschieben“, sagt Guttmann. Sie wollen im vertrauten Umfeld bleiben, schrecken davor zurück, den ersten Schritt in ein selbstständiges Leben zu tun. Dabei kann ein guter Realschulabschluss manchmal mehr Chancen eröffnen als ein mittelmäßiges Abitur.

Dem stimmt Andrea Mohr zu. Sie rät, schon in der Schulzeit in viele Berufe hineinzuschnuppern und sich zu Beginn des Studiums breit aufzustellen. Mit Blick auf Haupt- und Realschüler sagt Guttmann: „Es ist fast egal, welche Ausbildung es ist. Sie muss Spaß machen, damit man sie mit Elan durchzieht.“ Danach können ihre Jugendlichen sich realistisch an ihre Träume heranwagen, mit der Fachhochschulreife studieren und mit Praxiserfahrung in den nächsten Beruf starten. Sie ist überzeugt: Die Entscheidung für eine Ausbildung ist heute keine Entscheidung mehr für ein ganzes Leben.

Sonja Guttmann berät Jugendliche wie Koray Tosun. Der Siebzehnjährige will Metallbauer werden. Nach einem Jahrespraktikum in einer Autowerkstatt merkte er schnell: „Kfz-Mechatroniker ist nicht mein Beruf.“ Einfallsreich
und kreativ möchte er Dinge reparieren und nicht nur kaputte Teile austauschen. So macht er seinen Realschulabschluss nach und schreibt momentan Bewerbungen. Hilfe bekommt er von seinen Footballtrainern, die selbst in der Branche gearbeitet haben. „Sie stellen mich in den Betrieben vor und versuchen, einen Praktikumsplatz für mich zu finden. Meine Mutter würde mich zwar lieber im Anzug sehen, aber ich will einen Blaumann.“

Die Eltern sind der wichtigste Part bei der Berufswahl, sagt Guttmann. Denn nur durch Gespräche können sich Kinder über ihre Stärken und Schwächen klar werden. „Wenn eine Familie so viel Zeit in die Berufswahl der Kinder stecken würde, wie in den Kauf eines Autos, hätten wir viele Probleme schon gelöst“, sagt sie. Im Gespräch mit einem Coach wird die Perspektive fürs Leben klarer. Sind Ziele abgesteckt, können Mentoren diesen Weg begleiten. Andrea Mohr ist vor allem wichtig, dass junge Leute ihre Möglichkeiten kennen. „Nur dann können sie Dinge auch bewusst ablehnen.“

Manche Erfahrungen müssen die jungen Erwachsenen aber auch einfach selbst machen. Das hat Johanna Richter gemerkt. Während ihre Mutter ihr immer zu einer Ausbildung riet, probierte sie es trotzdem erst mit einem
Studium. Nach Jahresfrist war für sie klar: Das ist zu theoretisch, der Stoff reizt mich nicht. Es war hart, das Studium abzubrechen und zurück zu den Eltern zu ziehen. Aber es hat sich gelohnt.

 

Helen Knust

wie sie fallen. Hermann Salingré +++ Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat! Johann Wolfgang von Goethe +++ Wenn alle Tage
im Jahr gefeiert würden, so würde Spiel so lästig sein wie Arbeit. William Shakespeare +++ Jedes Jubiläum ist eine Vorfeier des Begräbnisses. Heinrich Leo +++


 

erschienen in echt, 3. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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