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echt Glaube
Und wenn es nur ein Satz ist …

Die Kirche ist noch fast leer.
In zwanzig Minuten beginnt der -Gottesdienst. Vorne hat eine kleine Band ihre Instrumente ausgepackt. Langsam füllt sich der Raum. „Wir haben noch ein bisschen Zeit. Am besten, wir singen uns schon mal ein.“ Der Musiker hinter dem Keyboard schaut in die Gemeinde und beginnt das erste Lied zu singen.
Einsingen, vorher einüben, sich schon mal einlassen, das müsste man auch sonst können. Zumindest im Blick auf die wirklich großen Themen des Lebens wäre das wunderbar. Wenn etwa die Freude überschäumt und die Liebe mich mitreißt – wie kann ich das fassen und benennen? Welche Sätze sprechen diese Sprache? Oder Verlust und Trauer – woher kommen da die richtigen Worte, die wirklich umfassen, was in meiner Seele weh tut, die einfach stimmen? Wie gut wäre es, wir hätten gelernt, uns und unsere Gefühle in solchen Augenblicken auszudrücken.
Bergende und geborgte Verse
Es waren und sind seit Jahrhunderten die Lieder, Melodien und Verse, in die Menschen ihre Gefühle geborgen haben. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ – wer diese trotzig-gewisse Zeile aus dem Psalm 23 auf den Lippen oder im Herzen hat, dessen Furcht wird kleiner, weil er sich von dem guten Hirten beschützt weiß. Gerade die alten Verse erweisen sich oft genug als besonders tragfähig. Von den großen Psalmen der Hebräischen Bibel reicht ein weiter Bogen bis hin zu den geistlichen Gedichten und Liedern, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Der letzte Vers des „Weihnachtsgrußes“ etwa, den Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei in Berlin geschrieben hat, ist in Deutschland inzwischen genauso bekannt wie ein biblischer Psalm. Er steht über Todesanzeigen, hängt im Wartezimmer des Kinderarztes und dient als Text bei der kirchlichen Trauung. Vor allem nachdem Siegfried Fietz 1970 das Gedicht mit einer singbaren Melodie populär gemacht hat, hat es unendlich viele Menschen begleitet und getröstet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Lieder fürs Leben lernen
Wie unterschiedlich die Lieder aus verschiedenen Jahrhunderten auch immer sein mögen, eins haben sie gemeinsam: Sie bilden die Kultur, mit der wir uns einüben in das Leben. In Gegenwart und Zukunft, in unsagbare Freude wie in den sprachlosen Schmerz, in das ganze Leben und auch in Sterben und Tod. Wer sich beizeiten einübt, kann darauf zurückkommen, wenn es nötig wird.
Ein bewegendes Beispiel ist die biblische Passionsgeschichte. Im Augenblick seines Todes am Kreuz schreit Jesus einen Satz in den Himmel. Es ist die erste Zeile eines ihm vertrauten hebräischen Liedes: Eli, Eli, lama asabtani? Jesus klammert sich in seiner Verzweiflung an den Schrei eines Menschen, der viele Generationen vor ihm gelebt hat. Er sucht Halt in einer Liedzeile, die seine Mütter und Väter seit alters her gesungen, gebetet und eingeübt haben. Es ist der Anfang des 22. Psalms. Hier am Kreuz, im Sterben, kann er diesen Satz tiefster Verzweiflung hinausschreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27, 46).
By heart
Es gibt eine aktuelle Diskussion: Sollen die Kinder im Religionsunterricht eine bestimmte Auswahl von Liedern, Gebeten und Texten auswendig lernen? Und auch bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden stellt sich diese Frage. Für mich steht die Antwort schon lange fest.
Weil diese alten Worte Kinder ein ganzes Menschenleben lang begleiten können wie ein unverlierbarer Schatz, ist es wichtig, sie rechtzeitig zu lernen. Auswendig – im Englischen sagt man dazu „by heart“ – mit dem Herz. So wird deutlich, dass wir nicht etwas lernen, damit sich nach und nach der Kopf füllt. Menschen, denen sich ein Lied oder ein Gebet, selbst wenn es nur ein Satz davon ist, ins Herz gesenkt hat, haben damit einen Schatz, der nicht so leicht verloren geht. Er ist nicht nur krisensicher, sondern hilft gerade in Krisenzeiten des Lebens, Schutz und Halt zu finden.
Helwig Wegner-Nord
+++ Ich sehe überhaupt, dass es zunächst nichts als Lernen, Lernen und wieder Lernen gibt. Daraus ergibt sich alles Weitere von selbst. Christian Morgenstern +++ Zu lernen,
wie man wieder verlernt, ist schwerer zu lernen, als zu lernen, wie man lernt. Erich Ellinger +++ Das Lernen vieler Dinge lehrt nicht Verständnis. Heraklit von Ephesus +++
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