echt Glaube kompakt

Kann denn Lernen Sünde sein?

Eigentlich war alles ziemlich harmlos gemeint gewesen. Aber die Wogen gingen hoch. Vor rund zwei Jahren schlug die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolf vor, im Biologieunterricht doch fächerübergreifend neben der Darwin’schen Evolutionslehre doch auch einmal einen Blick auf die biblische Schöpfungsgeschichte zu werfen. Das erboste zahlreiche Vertreter der Naturwissenschaften, als hätte man ihnen einen unsittlichen Antrag gemacht. Der öffentliche Streit hielt monatelang an, und kaum jemand merkte, dass da wie in einer Zeitmaschine Schlachten längst vergangener Zeiten geschlagen wurden.

WaageWas zum Teufel sind Tatsachen?
Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen. So steht es am Anfang der Bibel und so hieß seit jeher die christliche Antwort auf die Frage nach der Entstehung der Welt und des Lebens. Dagegen stand die Erkenntnis des britischen Naturforschers Charles Darwin, der vor 200 Jahren geboren wurde und dessen Forschungen viele Christen als geradezu teuflisch empfanden: Die Welt und alles Leben sind in Jahrmillionen in unendlichen Prozessen entstanden. Und die Naturwissenschaftler setzten noch einen drauf: Die Evolution sei eine Tatsache, die Schöpfungsgeschichte aber reine menschliche Erfindung. Glaubensaussagen seien ohnehin wissenschaftlich nicht zu beweisen und deshalb bedeutungslos. Einige christliche Gruppierungen drehten den Spieß herum und erklären bis heute den Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel zur „Glaubens-Tatsache“. Bitter hart waren die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern. Aber die Belege für Jahrmillionen der Evolution des Lebens auf der Erde sind erdrückend. Sollten Christen das vielleicht besser nicht zur Kenntnis nehmen?

Denkverbote passen nicht
Kann denn Lernen Sünde sein? Der Begründer der evangelischen Kirche, Martin Luther, hat schon vor 500 Jahren die Ratsherren der deutschen Städte ermahnt, Schulen einzurichten. Der evangelische Elsässer Pfarrer Johann Friedrich Oberlin schuf im 18. Jahrhundert den ersten modernen, auf Wissensvermittlung ausgerichteten Kindergarten. Er fand, schon kleine Kinder müssten ihre Welt erkunden. Das hatte einen ganz handfesten Grund. Denn nur durch Bildung und Ausbildung ließen sich die elenden Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerung verbessern. Aber was sollte auch daran falsch sein, Wissen zu erwerben, nachzudenken und so auch die Welt immer besser zu verstehen? Schließlich, so haben es die Christen schon immer verstanden, ist sie Gottes geliebte Welt. Christlicher Glaube und Denkverbote: Das passt nicht.

Dr. Joachim Schmidt



Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Foto: Fernando Baptista

Nicht Glaube ist absurd, sondern fehlende Bildungschancen
Deshalb muss auch der Glaube nicht ständig auf der Hut sein vor neuen Erkenntnissen der Wissenschaften. Denn der menschliche Verstand sieht immer nur die eine Seite der Wirklichkeit: Alles, was man messen, wiegen, zählen kann. Auch viele Naturwissenschaftler sehen heute deutlich, dass sich die Grundfragen dieser Welt mit ihren Mitteln und Denkmethoden nicht wirklich ergründen lassen. Woher wir kommen, wohin wir gehen – dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Die Frage nach Gott und dem Sinn unseres Lebens ist so nicht zu beantworten.

Deshalb ist nicht der Glaube absurd, sondern die krass unterschiedlichen Bildungschancen für Menschen, weltweit und auch in der Bundesrepublik. Gerade hat wieder eine Studie bestätigt, dass es in der reichen Bundesrepublik Kinder ärmerer Eltern weit schwerer haben, eine gediegene Ausbildung zu erhalten. Evangelische Christen sollten sich damit nicht abfinden.

Joachim Schmidt

 


 

erschienen in echt, 1. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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