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echt Interview
„... das System auch mal infrage stellen.“

echt sprach mit Jörg Pilawa über Wissen, Werte und Wendepunkte im Leben
Herr Pilawa, Lernen und Intelligenz – wie hängt das zusammen?
Besonders intelligente Menschen tun sich mit dem Lernen oftmals schwerer, weil ihnen eine gewisse Naivität fehlt. Je mehr ich in ein Thema einsteige, desto mehr ziehe ich mich in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurück. Professoren haben am meisten Schwierigkeiten in Quizsendungen, weil die ein solch detailliertes, aber auch beschränktes Wissen haben. Wenn ich dagegen einen Taxifahrer sehe – der hat die größte Allgemeinbildung. Er hat viele Standzeiten, liest viel, hört viel und nimmt viel auf.
Aber doch eher andere Dinge …
Wer sagt denn, dass die klassische Bildung wichtiger ist? Da maßt man sich viel an. Man sollte schon etwas wissen über die Dichter und Denker, aber es gehört auch dazu, sich mit einem modernen Kulturgut wie Fußball auszukennen. Mein Sohn zum Beispiel kann ausnahmslos alle Namen der HSV-Spieler nennen. Und nun möchte ich nicht sofort werten, ob das weniger wichtig ist, als Schillers Glocke auswendig herzusagen (lacht).
Warum macht Lernen oft so viel Mühe?
Kinder lernen eigentlich von Geburt an mit viel Spaß. Aber dann gibt es irgendwann diesen Punkt, wo sie ihn verlieren. Da ist zum Beispiel der Vater, der sagt: Meine Tochter soll Klavier spielen – vielleicht weil er es selber immer wollte. Und wenn sie dann da sitzt und es ist einfach nicht ihr Ding, sollte sie eigentlich was ganz anderes machen: Handballspielen oder Schneidern. Die Eltern versuchen aber meist, ihre eigenen Ideale auf die Kinder zu projizieren. Und das blockiert sie.
Ist das Egoismus?
Viele Eltern haben verlernt, sensibel für ihre Kinder zu sein. Wie oft höre ich Sätze wie: „Ist nicht schlimm – ich war auch nicht gut in Mathe.“ Da könnte ich die Wände hochgehen. So nach dem Motto: Das liegt in den Genen. Oft muss man nur ein klitzekleines bisschen dafür tun, dass das Kind Spaß an einem Schulfach hat. Es stört mich auch wahnsinnig, wenn von vorneherein festgelegt wird, wann welches Kind was können muss. Das geht schon auf dem Spielplatz los, wenn ein Zweijähriger komplette Sätze spricht und eine andere Mutter nebendran denkt: Um Gottes Willen – mein Kind ist so zurückgeblieben! Dabei kann es wahrscheinlich was ganz anderes – rückwärts-laufen oder eine Schleife binden.
Sie haben selbst drei Kinder.
Wie gehen sie da mit Erwartungen um?
Mein Ältester ist zum Beispiel lieber auf dem Fußballplatz als im Klassenzimmer. Ich habe mir aber bewusst vorgenommen: Ich mache mir keine Sorgen. Weil ich heute trotz aller Angstmacherei weiß: Die Bedingungen sind besser denn je. Ich sage meinen Kindern: Wenn ihr kein Abitur machen wollt, dann macht es nicht. Vielleicht kommt ihr auch mit 25 drauf, es nachzuholen. Seit wir den Dampf rausnehmen, läuft es in der Schule wesentlich besser. Eltern sollten sich ein bisschen mehr entspannen und sich die Mühe machen, Stärken ihrer Kinder zu entdecken, die es zu fördern lohnt.
Aber es gibt ja auch klare Lehrpläne
an unseren Schulen …
Es ist schlimm, dass nach dem PISA-Schock der Druck erhöht wurde. Schüler sind völlig überfordert, sie müssen besser sein als wir damals – und das innerhalb kürzerer Zeit. Viel zu wenige Eltern stellen das System mal infrage. Was will denn eine Schule machen, wenn sie alle plötzlich dastehen und sagen: Stopp – wir machen den Druck nicht mit? Wenn ich sehe, dass es Begabtenförderung schon in Kindergärten gibt, denke ich: Gebt ihnen doch die Zeit – lasst sie spielen und sich selbst finden. Vierjährige, die Beethoven am Klavier geben, sind wenige Promille.
Und die Lehrer …
… spielen eine ganz entscheidende Rolle. Meine große Begeisterung für Geschichte hat nicht zuletzt mit meinem Lehrer zu tun. Der war großartig und hat immer gesagt: Ihr müsst Geschichte riechen und fühlen können. Interessanterweise ist da alles hängen geblieben, weil er nichts in den Kopf hinein gehämmert hat. Ich bin überzeugt, dass jedes Kind für jedes Thema begeisterungsfähig ist, wenn der Lehrer es vermitteln kann.
„Was will denn eine
Schule machen,
wenn sie alle plötzlich
dastehen und sagen:
Stopp – wir machen
den Druck nicht mit?“
Was möchten Sie Ihren Kindern
besonders vermitteln?
Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Ich hatte selber einen Vater, dessen Erziehungsideal lautete: Du kannst Entscheidungen treffen, auch wenn sie mit meinen nicht konform gehen. Aber ich möchte, dass du dir bewusst bist: Du trägst die Verantwortung dafür. Das schafft selbstbewusste, starke Persönlichkeiten, die auch den Blick für andere haben.
Haben Sie ein Beispiel, wie Sie Ihren eigenen Kindern Selbstverantwortung nahebringen?
Das Zähneputzen. Ich hatte keine Lust mehr, jeden Abend zu diskutieren. Dann hab ich gesagt: Passt auf – ich geh jetzt mit euch zu unserer Zahnärztin. Und die soll euch mal ganz genau erzählen, warum ihr euch die Zähne putzen müsst. Wenn ihr es danach trotzdem nicht tut, ist das euer Ding. Sie hat dann Bilder gezeigt, was passiert, wenn man nicht putzt. Das ist eine bessere Art, Eigenverantwortung einzufordern, als jeden Abend dazustehen und denen die Zahnbürste drei Minuten lang in den Mund zu schieben. Aber es fällt auch schwerer …
Warum eigentlich?
Man möchte seine Kinder prinzipiell vor allem schützen. Vor Krankheiten, Enttäuschungen. Aber so schlimm es klingt – die gehören dazu. Auch ich war stinkfaul und hätte fast die Schule nicht mehr geschafft. Meine Eltern haben dann gesagt: „Okay, du kannst gerne hier wohnen. Such dir eine Lehrstelle und gib monatlich etwas ab.“ Das war ein bitterböses Tal: Ich bekam keine richtige Lehrstelle und mit dem Geld, was man mir in Aussicht stellte, hätte ich nicht ansatzweise überleben können. Also strengte ich mich wieder an und schaffte das Abi.
Haben Sie Ihr Studium auch abgeschlossen?
Nein, das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich habe zuerst Medizin studiert, dann wechselte ich zu Geschichte und hab nebenbei beim Radio gejobbt. Irgendwann bekam ich die Chance, fest dort anzufangen. Das „Fertig-Machen“ ist ja so eine typisch deutsche Sache: Wenn man sich andere Länder ansieht – da gibt es nicht die starren Ausbildungswege. Und in meinem Umfeld merke ich, dass diejenigen, die in der Schule Querköpfe waren und viel hinterfragt haben, ihr Leben besonders gut meistern.
Welchen Wert müssen wir heute besonders dringend lernen?
Soziale Kompetenz. Ohne die werden wir das Auseinanderdriften in Oben und Unten nicht stoppen. Wir brauchen wieder Gespür füreinander. In Kanada hab ich unlängst so Schilder gesehen: Neighbourhood Watch. Das sind Communities, wo die Nachbarn im positiven Sinne aufeinander achten: Mal klingeln, wenn man jemand lange nicht auf der Straße gesehen hat. Ich glaube auch, dass diejenigen, die viel verdienen, bereit wären, entsprechend viel abzugeben, wenn sie spüren, dass so ein System funktioniert.
Was muss man konkret ändern?
Warum gibt es kein Unterrichtsfach „Soziale Kompetenz“? Man könnte doch problemlos sagen: Von Beginn an beschäftigt sich jede Klasse wöchentlich eine Stunde mit einem sozialen Projekt. Das können die Tafeln für Bedürftige sein, Besuche in Altenheimen oder Behindertenwerkstätten. Und dieses Fach nimmt man dann so ernst, dass man es auch bewertet.
Sollte sich die Kirche in die Bildung einmischen?
Im Moment gibt es ja einen Run auf kirchliche Schulen. Das zeigt, dass da ein großes Vertrauen ist, das die Kirche noch mehr nutzen sollte. Auch im Religionsunterricht kann sie viel bewegen: Meine Tochter erzählt oft davon, dass sie in Reli plötzlich Dinge erlebt, die sie tatsächlich interessieren – urkirchliche Themen wie Behinderung, gesellschaftliche Ungleichheit oder Entwicklungshilfe.
Kann man Glauben lernen?
Glaube ist etwas, das dem Menschen innewohnt. Ein gesellschaftliches Bindeglied seit 2.000 Jahren. Gäbe es Glaube und Hoffnung nicht, hätten wir längst eine Orwell’sche Gesellschaft*. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Gebete, Geschichten, Rituale vermitteln müssen, weil sie in bestimmten Situationen Sinn stiften. Und das ist für Kinder sehr spannend.
Was würden Sie gerne gelernt haben,
wenn Sie 80 sind?
Ein Handwerk. Wenn ich aus einem Stück Holz einen Stuhl fertigen könnte, der mich überlebt, hätte ich das gute Gefühl, etwas gelernt zu haben, was mir bisher nicht vergönnt war.
Interview: Jörn Dietze und Marie Lampert
echt Info
Jörg Pilawa wurde 1965 in Hamburg geboren und ist einer der beliebtesten deutschen Fernsehmoderatoren. Seine Sendung „Das Quiz“, in der ein Kandidatenpaar bis zu 300.000 Euro erspielen kann, sehen regelmäßig etwa fünf Millionen Zuschauer. Pilawa ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er engagiert sich für das Bündnis für Kinder, die Welthungerhilfe sowie die Bethanien Kinderdörfer.
www.joerg-pilawa.de
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