echt bedenklich

„... zu blöd, zu überleben.“

ManuEla Ritz

ManuEla Ritz ist eine schwarze Deutsche. Das lässt sie manchmal aus einem anderen Blickwinkel auf unsere Gesellschaft schauen.


Ihre zierliche Figur ist umhüllt von einem afrikanischen Gewand, Dreadlocks rahmen ihr Gesicht. Braune Augen hat sie und braune Haut. Aber „ich bin braun“, würde sie nie sagen. „Ich bin eine Schwarze“, stellt sie richtig. „Es geht nicht um Exaktheit in Sachen Pigmentierung. Weiße sind ja auch nicht wirklich weiß. Es geht um eine politische Aussage. Nämlich: Ich habe einen afrikanischen Hintergrund. Und also werde ich mit Problemen konfrontiert, die weiße Deutsche nicht haben.“

ManuEla Ritz ist eine schwarze Deutsche, lebt in Berlin, hat zwei Kinder. Sie könnte, wenn sie wollte, schönstes breitestes Sächsisch sprechen, denn Sie ist in Mügeln geboren und aufgewachsen. Ja, in jenem Mügeln, das im August 2007 durch die Medien ging, weil der Mob im Stadtfest-Suff Inder jagte. Wenn sie heute auf die Frage: „Wo kommen Sie her?“, die genaue Antwort gibt, grinsen manche und glauben, sie mache einen besonders hintergründigen Gag. Aber das stört sie weniger als die Frage selbst. „Wer würde einen weißen Deutschen gleich zum Einstieg nach seinen Vorfahren fragen? Für mich steckt in der Frage ‚Wo kommst du her?’ auch immer gleich noch ‚Was willst du hier? Wann gehst du wieder?“

Ist das schon Rassismus? „Ich mag keine allgemeingültigen Definitionen“, meint die studierte Sozialpädagogin. „Rassismus beginnt dort, wo der Betroffene ihn empfindet, egal ob er dagegen aufbegehrt oder nicht. Es gibt Tage, da habe ich keine Kraft oder keine Lust, mich zu streiten, zu erläutern, zu begründen. Da geh ich an den ‚Mohrenköpfen‘ beim Bäcker einfach vorbei. Aber manchmal kann ich nicht schweigen. In einem Buchladen zum Beispiel lag die Kindergeschichte von den „Zehn kleinen Negerlein“, die alle so dargestellt werden, als seien sie zu blöd, zu überleben. Ich habe den Händler gefragt, warum er dieses Buch im Angebot hat. Das sei alles nicht so gemeint, entgegnete er. Und ich solle das nicht so verbissen sehen.“

Ein betroffenes Gesicht bringt nicht weiter
Auf dem Heimweg haben ManuElas Kinder sie gefragt, warum sie das mit dem Buchhändler besprochen hat. Viel musste sie nicht erklären. Sie haben ihre eigenen Erfahrungen. Die beiden hören in der Schule die gleichen Sprüche wie ihre Mutter damals in Mügeln; doof sähen sie aus. „Wenn ich diese Kränkungen dann beim Eltern­abend anspreche, setzen alle ein betroffenes Gesicht auf. Aber weiter kommen wir nicht. Ich muss eben noch mehr als andere Mütter mit meinen Kindern das Sich-Behaupten trainieren. Und das Nachdenken darüber, welche Ungerechtigkeit mit der Hautfarbe zu tun hat und welche nicht.“

Viel könnte ManuEla Ritz noch erzählen. Weniger über niedersausende Baseballschläger, zutretende Stiefel und offensichtliche Beleidigungen. Viel mehr über den subtilen Rassismus, über die allgemeine Lust am Exotischen, „die nicht aggressiv gemeint ist, aber irgendwann aggressiv machen kann, wenn man sie immer wieder spürt“. Sie weiß, wie er funktioniert, aber auch, dass man ihm mit allgemeinen moralischen Forderungen nicht beikommen kann. Auch nicht bei denen, die empört von sich weisen würden, rassistisch zu denken und zu funktionieren.

Mal mit anderen Augen sehen
Deshalb leitet die Sozialpädagogin unter anderem „blue eyed“-Anti-Rassismus-Work­shops. Bei denen werden die Teilnehmer nach ihrer Augenfarbe in zwei Gruppen getrennt. Die Braunäugigen, die eingangs darauf eingeschworen werden, die naturgegeben Stärkeren, Klügeren, Clevereren zu sein; die Zugriff zu Chips und Getränken haben und so auch irgendwie zu Wohlstand und Macht. Und die Blauäugigen, die später in den Raum treten und überhaupt nicht erfahren, warum sie zuvor isoliert wurden, wieso sie für dumm gehalten und verbal niedergemacht werden, warum die Braunäugigen jeden Kontakt zu ihnen meiden … „Am Ende dieser Workshops passieren oft seltsame Dinge. Alte – durch das Spiel kurz getrennte – Grüppchen hinterfragen ihre bisherige Nähe. Manche empfinden die durch die Augenfarbe erzwungenen Allianzen als etwas Widersinniges. Die meisten Blauäugigen denken über ihre Verzweiflung nach, die sie als Minderheit empfanden. Und die Braunäugigen über ihr Wohlbehagen oder auch über ihr Unwohlbehagen, in der Mehrheit geborgen zu sein.“

Marlis Heinz

echt  Info
Ausgewählte Links zum Thema Toleranz:


„Das Bündnis für Demokratie und Toleranz. Gegen Extremismus und Gewalt“ -  Im Jahre 2000 von den Bundesministerien des Innern und der Justiz gegründet,  sammelt, bündelt und vernetzt das Bündnis zivilgesellschaftliches Engagement:  www.buendnis-toleranz.de

 „Aktion Courage – SOS Rassismus“: Initiative für  gesellschaftliche Teilhabe und politische Mitbestimmung von Menschen ausländischer Herkunft:  www.aktioncourage.de

Aktion „Gesicht zeigen für ein weltoffenes Deutschland“ – Verein, der internationale Gesinnung, Toleranz auf allen Gebieten der Kultur sowie den Völkerverständigungsgedanken fördert: www.gesichtzeigen.de

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ - Projekt von und für Schülerinnen und Schüler zur Förderung von Zivilcourage und gegen alle Formen von Diskriminierung, insbesondere Rassismus: www.schule-ohne-rassismus.org

„Toleranz lernen“ -  Bildungs- und Informationsportal, das Initiativen zur Förderung von Toleranz unterstützt : www.toleranz-lernen.de

„Basta Net“ - Kommunikations- und Lernplattform zu den Themen Gewalt und Extremismus für Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren: www.basta-net.de

„Schule für Toleranz“ - Sammlung von Informationen, Unterrichtsmaterialien und –konzepten für Lehrerinnen und Lehrer: www.schule-fuer-toleranz.de

„Mut gegen rechte Gewalt“ - Internet-Plattform gegen Rechtsextremismus des Magazins stern in Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de

„IKOM“ – Informations- und Kontaktstelle für die Arbeit mit älteren Migrantinnen und Migranten: www.ikom-bund.de

Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: www.zentrum-oekumene-ekhn.de

„PRO ASYL“- Menschenrechtsorganisation für Flüchtlinge: www.proasyl.de

Buchtipp:
Christian Nürnberger: Mutige Menschen – für Frieden, Freiheit und Menschenrechte, Gabriel-Verlag, 2008, ISBN: 978 3 522 30158 9

+++  Als einem Idealbild der Religion der Toleranz, des Friedens und der Liebe auf der einen Seite, ist es nur allzu leicht, ein Zerrbild der Religion der Intoleranz, der Gewalt und des Hasses auf der anderen Seite entgegenzuhalten, bei dem nur einige aus der Reihe zu tanzen brauchen. Sinan Gönül  +++

 

erschienen in echt, 4. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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