Wo immer er auftritt, die Menschen sind begeistert. So auch an diesem Morgen in der Kölner Messehalle – der Friedensnobelpreisträger und frühere Erzbischof Desmond Tutu wird von einigen tausend Menschen mit minutenlangem Beifall begrüßt. Was für ein aufrechter Christ, ein Mann in der Nachfolge Jesu. Tutu ist aus Südafrika angereist, um im Sommer 2007 auf dem Kirchentag eine Bibelarbeit zu halten.
Doch der immer wieder aufbrausende Beifall fällt mit einem Mal in sich zusammen und weicht einer fast atemlosen Stille. Der kleine Erzbischof vorne auf der Bühne wiederholt noch einmal laut den ungeheuerlichen Satz:
„Gott interessiert es nicht, ob wir Christen sind, Muslime oder Hindus! Gott ist kein Christ!“
Mal langsam. Haben wir das richtig gehört? Der Christ Desmond Tutu, der seinen Glauben zum Fundament seines Lebens gemacht hat, ausgerechnet solch ein Mann der Kirche sagt, dass Gott zwischenChristen,
Hindus und Muslimen
keine Unterschiede macht! Gibt es
für ihn denn
nicht einen Wahrheitsanspruch des Christentums gegenüber den anderen Religionen?
Gott lässt sich nicht vereinnahmen
Natürlich: Man darf sich nicht vorstellen, dass Gott Christ ist, am Ende noch Kirchenmitglied! Aber können wir Christen nicht davon überzeugt sein, dass Gott mehr bei uns ist als auf der Seite anderer Religionen? Man muss ja nicht gleich an das „Gott mit uns!“ auf den Koppelschlössern der Soldaten denken. Wir ziehen auch sonst schon mal Gott auf unsere Seite, in Gottesdiensten und Gebeten oder Leitbildern. Aber es spricht manches dafür, dass Gott sich so nicht vereinnahmen lässt. Ja, dass er nicht einmal darauf schaut, ob wir in die Kirche gehen. Vielleicht interessiert Gott nur, wie viel Liebe unser Leben ausmacht? Ob wir, wie es in der Bibel heißt, den Hungrigen Nahrung geben, den Durstigen Wasser und den Nackten Kleidung?
Schon die Propheten haben gesagt, dass Gott die Gerechtigkeit im Land wichtiger ist als die Lieder im Gottesdienst. Und für Jesus geht es am Ende der Tage auch nur noch um die eine entscheidende Frage: Wie seid ihr den Armen begegnet, den Kranken, den Gefangenen?
Religiöse Riten und Bräuche helfen uns Menschen, einen Halt zu finden, Kraft zu schöpfen fürs Leben. Aber wie viel sie Gott bedeuten – diese Frage
wird man wohl stellen können. Er spart seine Liebe nicht für die auf, die sich besonders fromm vorkommen und glauben, sich Gottes Kinder nennen zu dürfen.
Sonne und Regen für alle!
In der Bergpredigt sagt Jesus, dass Gott seine Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt. Diese Langmut Gottes, die auch die einschließt, die die Bibel Sünder nennt und Heiden, heißt bei Martin Luther: tolerantia dei, Gottes Toleranz. (Martin Luther war es übrigens, der wohl als erster im Deutschen das Wort „tolerantz“ verwendet hat.)
Die Menschen aller Zeiten haben sich danach gesehnt, dass Gottes Toleranz Grenzen hat, dass ihm mal der Geduldsfaden reißt und er sich nicht alles bieten lässt. Sie bitten Gott inständig, seinen Feinden gegenüber, oder denen, die man dafür hält, mit einem machtvollen Zeichen zu zeigen, wer der Herr im Haus ist: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen ... dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust!“ (Jesaja 64,1) Auf dies himmlische Donnerwetter haben die Menschen vergeblich gewartet. Gottes Langmut und Güte, Gottes Toleranz erduldet mehr, als Menschen verstehen können und manchmal lieb ist.
In der Sprache der Bibel heißt das:
„Gott ist größer als unser Herz.“
(1. Johannes 3,20). Wo wir verurteilen, ist Gott barmherzig, was wir verachten, wird von Gott geliebt, wen wir nicht dulden, findet Gottes Gnade. Wenn wir anfangen, in unserer manchmal so unbarmherzigen Zeit und in gnadenlosen Verhältnissen mit Gottes Toleranz zu rechnen, dann lässt uns das selbst barmherziger werden.
Helwig Wegner-Nord