echt genasführt

Schwer erziehbar

Illustration

Erziehung – irgendwie ein seltsames Wort. Vor allem, wenn ich darüber nachdenke, wie viel davon geplant ist und wie viel eher unterschwellig funktioniert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Kinder geschickter sind als ich, weil sie uns Eltern auch erziehen – nur eben so, dass wir es nicht merken.


Mein Sohn zum Beispiel. Sein ungepflegtes, filziges Haar ist mir schon seit längerem ein Dorn im Auge. „Soll das bis zum Hintern gehen?“, habe ich ihn vor einigen Wochen gefragt. „Nein, schulterlang – eher so wie Kurt Cobain.“ „Wie wer?“ „Na, der Sänger von Nirvana. Das gehört doch zur Allgemeinbildung.“ „Ach ja, natürlich, – der, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat.“ „Mensch Mama, mit der Schrotflinte hat der sich um die Ecke gebracht – du hast aber auch von nichts einen Plan.“

Kult-Band nicht erkannt
„Schwer erziehbar“, sollte das wohl übersetzt heißen. Und: „Absolut von gestern.“ Worte wie Schrotkugeln. Ich und meine Kritik kalt abserviert. Seitdem hab ich das Thema Haare nicht mehr angesprochen – warum, weiß ich selbst nicht so genau. Überhaupt führt sich mein Sohn mit seinen 16 gerade auf wie der größte Weltverbesserer unter der Sonne. Immerhin kein Null-Bock-Typ. Aber auf der anderen Seite ganz schön stressig: „Mama, du musst dich auch engagieren – wenn man sich zu Hause den Hintern platt sitzt, passiert nichts. Es geht doch um die Zukunft unserer Generation.“
Und dann stand ich auch irgendwann da auf der Demonstration gegen die Schließung des Jugendklubs. Obwohl ich insgeheim die, die sich da über den Lärm und den Dreck beschweren, nur zu gut verstehen kann. Aber halt – was sag ich da: Spießer sind das natürlich.

Coole Styles – kalter Stil?
Gott sei Dank ist meine vierzehnjährige Tochter nicht so auf dem Protest-Trip. Dass sie in letzter Zeit unentwegt von „coolen Styles“ redet, ist aber nicht viel weniger anstrengend. Neulich sind wir zusammen zu einem großen Straßenfest gegangen, wo auch einige ihrer Freundinnen waren. „Mama, die Bluse ist peinlich“, hat sie beim Losgehen gesagt, „heute können auch ältere Frauen ein bisschen mehr Farbe vertragen.“ Ältere Frauen – ich glaub, es hackt. In der Woche drauf hab ich mich dann doch mal in eine dieser Glitzerboutiquen getraut. Ein quietschbuntes Shirt hab ich zwar nicht gekauft, aber immerhin einen Gürtel. Den hat meine Tochter dann auch gleich als „stylish“ gewürdigt, was mich irgendwie stolz gemacht hat.

Vom Chef modern gestichelt: „voll gedisst“
Ein wenig erschrocken über mich war ich da schon. Denn eigentlich finde ich sie ganz schrecklich, diese „Forever-young-Muttis“, die alles dafür tun würden, um mit ihrer Tochter verwechselt zu werden. Doch wirklich wundern darf ich mich nicht: „Mit dir kann man nirgends hingehen“ – solche Worte kommen irgendwann wie ein Bumerang mit voller Wucht zurück. Anderes schleift sich mit der Zeit unbemerkt ein, zum Beispiel unsere Sprache. Zur Tankstelle fahren wir schon lange nicht mehr, stattdessen zur „Tanke“. Und neulich hab ich beim Abendessen von einem Kollegen erzählt, der von unserem Chef „voll gedisst“ wird. Ob das alles auch mein Verhalten gegenüber anderen beeinflusst? Dass sich die Frage erledigt hat, weiß ich spätestens seit unserem letzten Frauenstammtisch. Da haben wir über Menschen gesprochen, die dem Druck nicht mehr standhalten und am Leben verzweifeln. „So wie Kurt Cobain“, streute ich ganz selbstverständlich ein. „Wie wer?“, fragte meine kinderlose Freundin Angelika irritiert. Das Entsetzen stand mir ins Gesicht geschrieben: „Na, den kennt man doch nun wirklich ...“

Aufgezeichnet von: Jörn Dietze

+++ Wenn der andre sich mit allen seinen Fehlern, die er noch besser kennt als ich, erträgt, warum sollte ich ihn nicht ertragen? Jean Paul +++ Toleranz heißt: die Fehler der anderen entschuldigen. Takt heißt: sie nicht bemerken. Arthur Schopenhauer +++ Die Toleranz muss gegenüber der Intoleranz intolerant sein. Immanuel Kant +++

 

erschienen in echt, 4. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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