echt Interview

Es muss auch mal gerüttelt und geschüttelt werden

echt sprach mit Bundesliga-Schiri Lutz Wagner über Fair Play, Fouls und Fähigkeiten

Lutz Wagner

Lutz Wagner, geboren 1963, lebt in Hofheim am Taunus und ist einer der erfahrensten DFB-Schiedsrichter. Seit fast 15 Jahren pfeift er Spiele der Fußball-Bundesliga und ist für die Ausbildung des rund 8.000-köpfigen Referee-Nachwuchses in Hessen zuständig. Als Toleranzbotschafter engagiert er sich seit 2006 für die Aktion „ballance hessen – Fußball für Integration, Toleranz und Fair Play“

Toleranz und Wettkampfgedanke – wie passt das zusammen?
Es muss zusammenpassen, denn sonst macht der Wettkampf keinen Spaß. Das ist ein Gesamtpaket. Wie bei der Kindererziehung. Man muss immer mal wieder anstoßen und sagen: „Denk mal dran, dass es nicht nur um dich geht. Wir sind eine Gruppe, die etwas zusammen macht und dazu gehören auch Dinge wie Respekt und Toleranz.“ Wir als Schiedsrichter sind davon ganz besonders abhängig.

Früher krachte es auf dem Schlachtfeld – heute auf dem Sportfeld?
In der Tat ist es wichtig, dass man mal ein wenig Dampf ablassen kann. Es aber mit Krieg zu vergleichen geht mir zu weit. Die Aufgabe des Schiedsrichters war früher eher die eines Regelhüters, während wir heute viel mehr Streetworker, Sozialarbeiter oder Richter sind. Man muss sich mehr mit zwischenmenschlichen Dingen auseinandersetzen.

Woran liegt das Ihrer Meinung?
Wir sind zu einer Protestgesellschaft geworden. Das fängt schon bei den Strafzetteln an. Wenn man früher einen bekommen hat, sagte man sich: Ärgerlich, aber den muss ich jetzt bezahlen. Heute sagt man: Ich geh erst mal zu meinem Anwalt. Man akzeptiert Regeln nicht mehr. Und in der Ellenbogengesellschaft sucht man den eigenen Vorteil. Das ist zwar gut für eine Leistungsgesellschaft, aber Dinge wie Toleranz, Fair Play, Respekt und andere wichtige Werte bleiben auf der Strecke. Wir müssen ihnen dringend wieder Auftrieb verleihen.

TorwarthandschuheWas kann man konkret tun?
Es braucht manchmal Highlights wie etwa die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Lande. Sie hat die Grundhaltung gegenüber Gästen grundlegend verändert. „Zu Gast bei Freunden“ – davon zehren wir auch nach zwei Jahren noch.

Wie kann man so ein positives Gefühl in den Alltag retten?
Wie in einer Beziehung. Die große Kunst ist ja, die frische Liebe hinüberzuretten in den Alltag. Dadurch, dass wir sehr viel schnelllebiger und oberflächlicher geworden sind, ist es besonders wichtig zu sagen: „Denk dran, es gibt auch noch andere Dinge.“ Für mich ist das zum Beispiel so, wenn ich mal wieder in die Kirche gehe. Dann habe ich einen Moment Ruhe, höre mir Dinge an und denke vielleicht: „Eigentlich hast du die Prioritäten in den letzten Monaten verkehrt gesetzt.“ Man muss sich auf Wesentliches besinnen.

Wie könnte die Kirche darauf aufmerksam machen?
Vielleicht ist sie zu wenig aggressiv, wobei ich das Wort nicht negativ meine. Eher so, wie wenn ein Trainer sagt: kontrollierte Aggressivität. Es muss auch mal gerüttelt und geschüttelt werden. Vielleicht ist das in der Kirche ein Problem, aber das maße ich mir nicht an zu sagen, weil ich das aus eigener Erfahrung kenne: Es gibt zu viele, die sich über das Schiedsrichterwesen äußern, ohne genügend darüber zu wissen.

Zurück zum Sport und den Werten …
Sport heißt in erster Linie gewinnen. Aber Gewinnen bitte nicht um jeden Preis. Ich werde oft gefragt: Warum funktioniert das in England mit dem Fair Play und in Deutschland nicht? Multikulturell sind die Mannschaften ja in beiden Ländern. In der englischen Gesellschaft werden wichtige Werte zum Teil besser gelebt. Da pfeifen zum Beispiel die Zuschauer ihren eigenen Spieler aus, wenn er mit unfairen Mitteln versucht, zum Erfolg zu kommen.

Wo könnte man ansetzen, um etwas zu ändern?
Wir versuchen immer, die Wirkung zu bestrafen. Da wird schnell danach geschrien, härter durchzugreifen. Wir müssten aber vielmehr fragen: Wo liegt die Ursache? Und die liegt in unserer Gesellschaft, in der Erziehung.

Was genau läuft da schief?
Das Elternhaus hatte früher einen wesentlich größeren Einfluss. Und die fehlende Versorgung mit Grundwerten soll nun von der Gesellschaft übernommen werden. Die ist überfordert, weil sie sich nicht individuell auf den Einzelnen einstellen kann. Ich erinnere mich an meine Jugend: Wir hatten einen einzigen Fernseher für Oma, Opa, Eltern und Kinder. Da gab es ausgesuchte Sendungen, die auch wir Kinder schauen durften. Und es gab einen Abend, an dem wir Spiele gemacht haben. Da konnte man sich auseinandersetzen mit den anderen. Wenn man diese sozialen Dinge nicht gelernt hat und geht in die Gesellschaft und soll ein vollwertiges Mitglied sein – dann haben wir ein Haus gebaut, ohne eine Bodenplatte zu gießen.

Kann vom Sport eine Gegenbewegung ausgehen?
Absolut. Vereine sind noch die einzige Möglichkeit, das aufzufangen. Wenn ein Betreuer einer Jugendmannschaft ein toller Typ mit den richtigen Idealen ist, dann wird die Mannschaft auch prima sein. Jugendliche brauchen Vorbilder – und unsere Gesellschaft liefert teilweise sehr, sehr schlechte. Auch die Bundesliga hat im Prinzip keinen guten Vorbildcharakter. Es geht ums Überleben, um die Show, ums Geldverdienen, um Quoten.

Und mittendrin der Schiedsrichter mit seinen Entscheidungen als Buhmann …
Die größte Kunst, die sich ein Schiedsrichter aneignen muss, ist: Situationen abzuhaken, um in der nächsten Situation unvorbelastet zu sein. Wenn man eine Situation noch im Hinterkopf hat, wird sie einen in der nächsten Situation im Unterbewusstsein begleiten und zu einer Konzessionsentscheidung führen. Trotzdem darf man nicht die Konsequenz vermissen lassen. Ich behaupte mal, dass einer, der etwas gemacht hat und
sich schuldig fühlt, eigentlich auch die Bestrafung will.

Sollten Regelverstöße in unserer Gesellschaftwauch konsequenter geahndet werden?
Es gibt zu viele Möglichkeiten, sich Dingen zu entziehen. Und das wird dann auch noch als Cleverness gefeiert. Diese Kombination ist tödlich für Werte. Ich bin neulich zu schnell gefahren und die Leute haben gesagt: „Lutz, warum machst du denn nichts gegen die Bestrafung. Lass dir’s Foto schicken.“ Ich sage aber: „Nein – ich weiß, ich bin zu schnell gefahren, und das gebe ich auch zu.“

Zu Fehlern stehen und Schiri-Image – wie passt das?
Wir hatten ja immer so das Image: klein, untersetzt, dicker Bauch. Wenn er aus dem Mittelkreis läuft, rufen die Leute: Übergetreten. Ansonsten kommt der nur auf den Sportplatz, weil er daheim nix zu sagen hat. Da runterzukommen, daran arbeiten wir seit Jahren. Ich sage immer: Ich bin Leiter eines Projektes, das 90 Minuten dauert und das ich mit anderen positiv gestalten möchte.

Wie funktioniert das konkret?
Ein Beispiel: Der Verteidiger latscht dem Stürmer von hinten auf die Socken. Wenn ich als Vorteil gebe, gibt es einen guten Angriff und alle sind zufrieden. Damit ist aber erst dreißig Prozent meiner Arbeit getan. Denn ich muss jetzt bei beiden Akteuren vorbeigehen: Zu dem einen sage ich: „Hey, ein bisschen piano! Wenn das noch mal passiert, gibt es eine Strafe.“ Zu dem anderen: „Es war Vorteil. Ich schütze Sie.“ Damit habe ich die Brisanz aus dem nächsten Zweikampf genommen.
Es muss also eine Transparenz im Regelwerk geben, damit Grenzen klar sind …
Streit gibt es immer dort, wo ein gewisser Ermessensspielraum herrscht und der muss von der Regel her gar nicht so groß sein.
Er kann höchstens im zwischenmenschlichen Bereich wirken. Aber Foul muss Foul bleiben. Das macht die Sache transparent und übersichtlich.

Und die hohe Kunst des Umgangs ist die Erfahrung ...?
Es ist aufgrund der Schnelllebigkeit leider so, dass man meistens gar keine Zeit mehr bekommt, Erfahrungen zu sammeln. Daher muss man heute Erfahrungswerte im Schnelldurchgang vermitteln. Aber die besten Erfahrungswerte sind die, die man selber gemacht hat, nämlich mit einer blutigen Nase.

Man darf heute also weniger Fehler machen ...?
Das sind die Anforderungen des Lebens. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ich laufe weg und mache etwas anderes oder aber ich stelle mich.

Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn DietzeFußball

Echt info

„ballance hessen“ ist ein seit 2002 gewachsenes Netzwerk von Fußballvereinen, Jugendbildungswerken, Kirchengemeinden und Schiedsrichtervereinigungen. Finanziert unter anderem von der hessischen Landesregierung und den Fußball- und Sportverbänden liegt die Leitung beim Internationalen Bildungszentrum Witzenhausen. Unter der Schirmherrschaft von Steffi Jones und den Toleranzbotschaftern Tina Wunderlich, Renate Lingor, Armin Kraaz, Lutz Wagner (und anderen) engagierten sich bislang circa 15.000 Kinder, Jugendliche und Multiplikatoren mit „Straßenfußball für Toleranz“ oder „Fair bleiben – liebe Eltern“ für Integration und Toleranz, gegen Rassismus und Gewalt. www.ballance-hessen.de

 


erschienen in echt, 4. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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