Die Pflege meines Großvaters bedeutete für mich eine moralische Verpflichtung. Während meines Studiums wohnte ich eine Zeit lang bei meinen Großeltern und nach dem Tod meiner Großmutter blieben wir uns nahe. Es gibt kleine und große Kreisläufe im Leben. In der Familie gleicht man direkt aus, in den großen Weltkreislauf gibt man hinein und irgendwann empfängt man wieder daraus. Angehörige im Alter zu pflegen bedeutet daher eine Chance, ein Stück von dem zurückzugeben, was man empfangen hat.
Natürlich ist es wichtig, dass man sich die Aufgabe wirklich zumuten kann und nicht beispielsweise seine Ehe dadurch gefährdet. In vielen Familien jedoch wäre weitaus mehr möglich, wenn Pflege besser organisiert würde. Was uns fehlte, waren Angebote, regelmäßig den Großvater zu übernehmen und uns eine Auszeit zu gönnen. Pflege wird selbstverständlich – für die restliche Familie, die nur ab und an vorbeischaut, aber auch für den Gepflegten. Pflegende richten sich gern in ihrer Opferrolle ein, die Außenstehenden wiederum vermuten oft einen finanziellen Ausgleich oder finden andere Gründe, sich zu entlasten. Das muss man wissen und man darf darüber nicht bitter werden.
Angehörige zu Hause zu pflegen bedeutet nicht nur Einschränkung, sondern für alle Seiten auch eine große Bereicherung. Wenn sich Konflikte und überhöhte Erwartungen anbahnen, kann man frühzeitig offen darüber reden und Vereinbarungen treffen. Heute stehen unsere Kinder im Beruf und genießen die Vorstellung, dass sie in ihren ersten Lebensjahren mit einem Menschen zusammenleben konnten, der 1888 geboren wurde, zu einer Zeit, als es weder Strom noch Autos noch Fernsehen oder PC gab, kein Telefon und viel Armut.
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Als ich 2006 nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wurde und nicht mehr in meiner bisherigen Wohnung leben konnte, war für mich klar, nach einem geeigneten Pflegeheim zu suchen. Da ich noch in der Klinik lag, haben meine beiden Kinder das für mich übernommen. Vom Verstand her gab es für mich keine andere Entscheidung, denn in einem guten Pflegeheim genieße ich eine Betreuung, die zu Hause in dieser Intensität gar nicht geleistet werden könnte. Ganz zu schweigen von den Angeboten, die ich täglich nutze: Gymnastik, Gedächtnistraining,
Sitztanz, Seidenmalerei oder gemeinschaftliche Treffen mit anderen Bewohnerinnen.
Das Klischee, Menschen im Pflegeheim seien von ihrer Familie abgeschoben, ist großer Unsinn. Es übt auf alle Seiten unnötigen Druck aus und sorgt für schlechtes Gewissen.Von der Forderung, meine Kinder müssten mich pflegen, weil ich sie großgezogen habe, halte ich nichts. Das Verhältnis zu ihnen ist ja gerade darum so gut, weil wir uns nicht ständig auf der Pelle hängen. Wir gehen uns nicht gegenseitig auf die Nerven, keiner fühlt sich überfordert und gibt dem anderen die Schuld, auf Dinge verzichten zu müssen. Im Gegenteil: Alle freuen sich auf die regelmäßigen Besuche.
Ich habe immer selbstständig gelebt und möchte daher auch jetzt nicht von anderen in der Familie abhängig sein. Es gibt moderne Pflegeheime, die sehr freundlich sind, viel Komfort und ein schönes eigenes Zimmer bieten. In vielen Familien ist es ein großes Problem, dass Pflegebedürftigkeit ein Tabuthema bedeutet, das man viel zu lange vor sich herschiebt. Würde man frühzeitig über Möglichkeiten reden, könnte man sich rechtzeitig informieren und gemeinsam eine Pflegeeinrichtung aussuchen, die zu den Bedürfnissen passt. Dann wäre man nicht plötzlich so hilflos.
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