echt Glaube kompakt

Lied aus der Haft

Das erste Lied der Christen

Seid so unter euch gesinnt,
wie es auch der Gemeinschaft
in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst
und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach
als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam
bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht
und hat ihm den Namen gegeben,
der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu
sich beugen sollen
aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden
und unter der Erde sind,
und alle Zungen
bekennen sollen,
dass Jesus Christus
der Herr ist,
zur Ehre Gottes,
des Vaters.

Philipperbrief Kap. 2, 5-11

Die Willkür der Behörden war bekannt und die Aussichten trübe. Vorsichtig ausgedrückt, war die Lage des Gefangenen problematisch. Schon vor Jahren verhaftet wegen Verbreitung eines staatsgefährdenden Glaubens und aus Palästina hierher gebracht, saß der Mann
nun schon viele Monate unter Bewachung in einer schäbigen Mietskaserne am Rande von Rom fest. Sein Verfahren kam nicht voran. Im schlimmsten Fall drohten der Prozess wegen religiösen Hochverrats und ein Todesurteil.

Den Gefangenen namens Paulus von Tarsus beeindruckte das alles wenig. Die Verbreitung des Glaubens an Jesus Christus war die Aufgabe seines Lebens geworden und er verfolgte sie weiter, als ob er nicht hinter Gittern säße. Er empfing Besuche von Glaubensfreunden, freute sich herzlich über alle Unterstützung (und vermutlich auch Verpflegung) und schrieb geradezu heitere Briefe an Gemeinden, die er in den zurückliegenden Jahren gegründet hatte.

Verkehrte Welt
Paulus war Jesus vor dessen Kreuzigung nie begegnet und hatte zunächst sogar als Religionsagent die Christen fanatisch verfolgt. Dann aber, so erzählte man sich, hatte er eines Tages eine Erscheinung. Er begegnete dem auferstandenen Jesus. Selbst sprach er später nie darüber, aber seit jener Zeit sah er die Welt mit anderen Augen. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass Jesus der Sohn Gottes und dass er freiwillig für die Sünden der Welt in den Tod gegangen war. Das erschütterte ihn zutiefst. Was für eine unendliche Liebe zu den Menschen! Hatte Jesus nicht alle Maßstäbe der Welt auf den Kopf gestellt?

Was zählt?
Paulus wurde ein leidenschaftlicher Anhänger Jesu. Das hatte Folgen. Nichts von dem, worauf er einmal stolz gewesen war, zählte mehr. Sein tadelloses Leben als Gelehrter erschien ihm geradezu als „Dreck“. So schrieb er es wörtlich in einem Brief – vermutlich aus der Haft in Rom – an die Gemeinde von Philippi in Mazedonien im Norden Griechenlands. Paulus hatte dort die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden gegründet. Der Brief, heute ein wichtiger Teil des Neuen Testaments, ist ein einzigartiges Dokument der Leidenschaft für ein Leben in der Nachfolge Jesu.

Dr. Joachim Schmidt



Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Foto: Fernando Baptista

Neues Denken
Wie sollen Christen sich der Welt gegenüber verhalten? Selbst­bewusst, tolerant, gleichgültig? Paulus kannte seine Pappen­heimer, denn er kannte sich selbst. An seinem eigenen Beispiel riet er ihnen: Lernt ein neues Denken, jenseits von Leistungswahn und Selbstüberschätzung. Und wie zur Bekräftigung zitierte er ein Lied, das die Christen damals wohl regelmäßig in den sonntäglichen Gottes­diensten sangen – nach Überzeugung der meisten neutestamentlichen Forscher das älteste bekannte Kirchenlied. Übrigens: Manche Forscher meinen, Paulus habe seinen Brief schon Jahre früher aus der Auslieferungshaft in der palestinensischen Hauptstadt Caesarea geschrieben. Aber was ändert das an der Sache?

Joachim Schmidt

 


+++ Toleranz ist die Fähigkeit, Widerspruch zu ertragen. Philippe Soupault +++ Es ist schon Intoleranz, von Toleranz zu sprechen. Honoré Gabriel de Riqueti, Graf von Mirabeau +++ Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz. Karl Jaspers +++ Bloßes Ignorieren ist noch keine Toleranz. Theodor Fontane +++

 

erschienen in echt, 4. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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