echt taktvoll

Eva Briegel
Das schwere Lied der Liebe



Wir haben einen Chor gegründet, in dem jeder sofort mitsingen kann. Wir singen das Lied von Großeltern und erwachsenen Kindern. Das Lied vom ewigen Kind und der Qual der Toleranz.

Strophe 1 - Sätze
Anjas Oma hat es auf Anjas Haare abgesehen. Wenn die kurz sind, sagt sie: Du siehst aus wie eine Frau, die es lieber mit Frauen ... na, du weißt schon. Sind die Haare schulterlang, fragt die Oma, ob Anja mit der wilden Mähne etwas vertuschen wolle. Lange Haare betonen das Alter. Anja ist 42 und Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. Ihre Oma ist 90.

Tonis Vater ist an dem Beruf seines Sohnes interessiert. Toni ist Fotograf. Er schickt seinem Vater die Abzüge seiner besten Bilder, weil der ihn darum gebeten hat. Der Vater sagt nie: Prima, mein Junge, gut gemacht. Er kritisiert ihn auch nicht. Er sagt gar nichts. Er schneidet aus Illustrierten Fotos von anderen Fotografen aus und schickt sie seinem Sohn mit kleinen Aufklebern: Schau diese herrlichen Bilder an. Liebe Grüße Papa.

Verena hat seit drei Jahren keinen festen Freund. Dann trifft sie die Liebe, mit der sie zusammenbleiben will. Die Liebe heißt Roger, er unterrichtet an der Berufsschule Englisch und Buchführung. Verena stellt ihn ihren Eltern vor. Es wird ein harmonischer Nachmittag und Verena ist glücklich, dass Roger die Elternprüfung bestanden hat. Abends am Telefon bedankt sie sich für die nette Aufnahme des Freundes. Am Ende des Gesprächs sagte die Mutter: Erinnerst du dich an deine Schulfreundin Bärbel? Die kleine Hässliche? Die heiratet im nächsten Monat einen Oberarzt.

Benjamin ist 48 Jahre alt, Dachdecker und seit zwei Jahren arbeitslos. Sein Großvater war Unternehmer. Eher ein kleiner, aber wenn es um Wirtschaftsfragen geht, kommt er gerne ganz groß raus. Globalisierung schön und gut – aber Arbeitslosigkeit ist auch eine Frage des persönlichen Auftretens. Benjamin verstummt, wenn Opa die Lage in der Welt analysiert.

Eine kleine Dickmadam fuhr mal mit der Eisenbahn. Eisenbahn, die krachte, Dickmadam, die lachte. Lachte, bis der Schutzmann kam und sie mit zur Wache nahm ... Dieser hübsche Reim hat Ulla durch ihre Kindheit begleitet. Von der Mama gesungen, immer wieder. Ulla war ein moppeliges Baby, ein moppeliger Teenager, sie ist moppelig geblieben. Heute reicht ein Blick der Mutter auf die Hüften der Tochter, damit Ulla die kleine Dickmadam nie vergisst.

Strophe 2 - Fragen
Warum können sie uns nicht so lassen, wie wir sind? Akzeptieren, was wir können, tolerieren, was wir nicht können. Einverstanden sein mit unserem Aussehen? Sie können es nicht. Was also tun? Sich wehren? Wie? Alles ausprobiert. Wir haben versucht, die Kröten zu schlucken, die uns serviert werden. Wir waren beleidigt, haben den Kontakt eingestellt, Aussprachen herbeigeführt, sind aus Notwehr selbst beleidigend geworden. Geholfen hat das alles eher nichts. Es bleibt, wie es ist, wir werden sie nicht ändern. Und sie uns auch nicht.

Wir bleiben die Kinder unserer Eltern – aber wir sind keine Kinder mehr. Wir bewältigen das Leben seit vielen Jahren ohne sie. Warum also immer noch Ratschläge, Belehrungen, Kritik? Mögen sie uns nicht? Natürlich mögen sie uns, sie lieben uns, keine Frage. Aber warum dann die spitzen Pfeile? Wir haben sie gefragt, die Antwort können wir singen: Kind, wir wollen dich nicht kränken, wir wollen nur dein Allerbestes. Das glauben wir ihnen sogar. Wir glauben auch, dass sie nicht wissen, warum wir so empfindlich sind und warum an ganz bestimmten Stellen ganz besonders.

Wir sind vierzig, fünfzig, sechzig Jahre alt. Wir sind Frauen und Männer mit Lebenserfahrung. Wir sind selbst Eltern. Warum sind ihre Pfeile immer noch in der Lage, uns zu treffen? Weil Eltern die wunden Stellen ihrer Kinder kennen und bewusst dorthin zielen? Das ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass ihr Elternblick ein wenig trüb und alt geworden ist im Laufe der Jahre. Sie können uns nicht als erwachsen gewordene Menschen sehen. Oder wollen sie das nicht?

Strophe 3 - Träume
Wenn sie wüssten, was sie tun. Wenn sie ihre Ermahnungen, Belehrungen, Beleidigungen, Besserwissereien, Bevormundungen selbst für Giftpfeile hielten – wäre das besser? Zumindest wäre das eine Chance, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dann könnte Ulla ihre Mutter fragen, ob sie selbst
mit einer kleinen Dickmadam aufwachsen musste. Dann könnte Verena ihre Eltern fragen, warum ein Berufsschullehrer als Schwiegersohn zu wenig ist. Vielleicht ist Tonis Vater von seinem Vater auch nie gelobt worden? Und kann es sein, dass Benjamins Sprüche klopfender Opa nur darunter leidet, dass er längst im Abseits steht? Und ist Anjas kahle Oma vielleicht neidisch auf Anjas Jugend? Die schöne Strophe der guten Gespräche werden wir in unserem Lied vom ewigen Kind nicht singen, weil sie erst erfunden werden muss.

Strophe 4 - Einsichten
Die Großeltern haben das Beste für ihre Kinder gewollt. Es war nicht immer das Beste. Deren Kinder, unsere Eltern, haben das Beste für uns gewollt – und auch das war nicht immer das Beste. Sollen wir ihnen das vorwerfen? Wozu? Beide Generationen haben nicht gelernt, über Gründe und Abgründe des eigenen Verhaltens nachzudenken. Wir aber, wir hatten Glück. Wir haben zur rechten Zeit die richtigen Bücher gefunden. Theoretisch haben wir es längst begriffen: Wir dürfen die Kränkungen der Eltern nicht persönlich nehmen – obwohl sie persönlich gemeint sind. Schwerarbeit. Wie macht man das? Was Peter über Paul erzählt, heißt ein kluger Satz, sagt mehr über Peter als über Paul. Und wir sagen: Elternpfeile, die Kinder verletzen, sagen mehr über Eltern als über Kinder. So gesehen, könnten wir über den nächsten Giftpfeil einfach mal lachen.

Strophe 5 - Erwachsen
Wir verlassen das Kinder-Eltern-Karussell. Wir springen ab, mitten in der Fahrt. Wir ziehen die Kinderschuhe aus – schließlich laufen wir schon längst in den Größen 38 bis 45 umher. Wir nehmen zur Kenntnis, dass unsere Eltern und Großeltern so sind, wie sie sind, und auch so bleiben werden. Sie werden sich, wenn sie das so wollen, ohne uns weiterdrehen müssen. Dazu singen wir schon mal die mühsam erlernte Strophe von der Toleranz.

Monika Held

+++  Toleranz verlangt nicht danach, Unstimmigkeiten und Widersprüche zu verschleiern. Im Gegenteil, sie fordert, die Unmöglichkeit eines umfassenden einheitlichen Denkens anzuerkennen und darum fremde und gegensätzliche Ansichten ohne Hass und Feindschaft zur Kenntnis zu nehmen. Lew Sinowjewitsch Kopelew  +++  Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, dass er jedem seine Art und sein Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der Tätigkeit auszuschließen, die nicht so denken wie er. Johann Wolfgang von Goethe  +++


erschienen in echt, 4. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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