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echt
Tonis Vater ist an dem Beruf seines Sohnes interessiert. Toni ist Fotograf. Er schickt seinem Vater die Abzüge seiner besten Bilder, weil der ihn darum gebeten hat. Der Vater sagt nie: Prima, mein Junge, gut gemacht. Er kritisiert ihn auch nicht. Er sagt gar nichts. Er schneidet aus Illustrierten Fotos von anderen Fotografen aus und schickt sie seinem Sohn mit kleinen Aufklebern: Schau diese herrlichen Bilder an. Liebe Grüße Papa. Verena hat seit drei Jahren keinen festen Freund. Dann trifft sie die Liebe, mit der sie zusammenbleiben will. Die Liebe heißt Roger, er unterrichtet an der Berufsschule Englisch und Buchführung. Verena stellt ihn ihren Eltern vor. Es wird ein harmonischer Nachmittag und Verena ist glücklich, dass Roger die Elternprüfung bestanden hat. Abends am Telefon bedankt sie sich für die nette Aufnahme des Freundes. Am Ende des Gesprächs sagte die Mutter: Erinnerst du dich an deine Schulfreundin Bärbel? Die kleine Hässliche? Die heiratet im nächsten Monat einen Oberarzt. Benjamin ist 48 Jahre alt, Dachdecker und seit zwei Jahren arbeitslos. Sein Großvater war Unternehmer. Eher ein kleiner, aber wenn es um Wirtschaftsfragen geht, kommt er gerne ganz groß raus. Globalisierung schön und gut – aber Arbeitslosigkeit ist auch eine Frage des persönlichen Auftretens. Benjamin verstummt, wenn Opa die Lage in der Welt analysiert. Eine kleine Dickmadam fuhr mal mit der Eisenbahn. Eisenbahn, die krachte, Dickmadam, die lachte. Lachte, bis der Schutzmann kam und sie mit zur Wache nahm ... Dieser hübsche Reim hat Ulla durch ihre Kindheit begleitet. Von der Mama gesungen, immer wieder. Ulla war ein moppeliges Baby, ein moppeliger Teenager, sie ist moppelig geblieben. Heute reicht ein Blick der Mutter auf die Hüften der Tochter, damit Ulla die kleine Dickmadam nie vergisst.
Wir bleiben die Kinder unserer Eltern – aber wir sind keine Kinder mehr. Wir bewältigen das Leben seit vielen Jahren ohne sie. Warum also immer noch Ratschläge, Belehrungen, Kritik? Mögen sie uns nicht? Natürlich mögen sie uns, sie lieben uns, keine Frage. Aber warum dann die spitzen Pfeile? Wir haben sie gefragt, die Antwort können wir singen: Kind, wir wollen dich nicht kränken, wir wollen nur dein Allerbestes. Das glauben wir ihnen sogar. Wir glauben auch, dass sie nicht wissen, warum wir so empfindlich sind und warum an ganz bestimmten Stellen ganz besonders. Wir sind vierzig, fünfzig, sechzig Jahre alt. Wir sind Frauen und Männer mit Lebenserfahrung. Wir sind selbst Eltern. Warum sind ihre Pfeile immer noch in der Lage, uns zu treffen? Weil Eltern die wunden Stellen ihrer Kinder kennen und bewusst dorthin zielen? Das ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass ihr Elternblick ein wenig trüb und alt geworden ist im Laufe der Jahre. Sie können uns nicht als erwachsen gewordene Menschen sehen. Oder wollen sie das nicht?
Monika Held +++ Toleranz verlangt nicht danach, Unstimmigkeiten und Widersprüche zu verschleiern. Im Gegenteil, sie fordert, die Unmöglichkeit eines umfassenden einheitlichen Denkens anzuerkennen und darum fremde und gegensätzliche Ansichten ohne Hass und Feindschaft zur Kenntnis zu nehmen. Lew Sinowjewitsch Kopelew +++ Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, dass er jedem seine Art und sein Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der Tätigkeit auszuschließen, die nicht so denken wie er. Johann Wolfgang von Goethe +++ |
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erschienen
in echt, 4. Quartal 2008
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