Aus der Redaktion
Finden Sie in den Kniekehlen hängende Hosenböden oder gut sitzende Designer-Jeans chic? Bevorzugen Sie eher den Trauschein oder das Single-Dasein? Als Mann den Mann, als Frau die Frau? Gebührt dem Minarett die Augenhöhe mit dem Kirchturm? Ist Gott ein Christ oder Moslem?
Was machen Sie nun, liebe Leserin oder Leser, wenn wir auf den folgenden Seiten gerade jenen Raum und Stimme verleihen, die das genaue Gegenteil Ihrer Meinung vertreten? Spätestens dann ist Schluss mit lustig. Und auch das beliebte Ausweichen auf einen Meinungsaustausch à la „theoretisch gesehen“ wird schnell als nicht besonders mutiger Ausrutscher bewertet. Auch wenn in der „Praxis vielen Menschen die Theorie doch lieber ist als die Praxis“ – wie der Schriftsteller Ernst Ferstl mal sinnig anmerkte.
Denn das Thema „Toleranz“ hat längst den Kreis heimeliger Debattierklubs verlassen. Unser ehemals begrenzter Horizont wird täglich mit dem Blick auf fremde Kulturen, gelebte Werte und Rituale gesprengt. Und das nicht nur medial, sondern schlicht nach dem Verlassen des Hauses. Und sofort – so haben wir das gelernt – sortieren wir in „richtig“ und „falsch“, „das machen wir mit“ oder „so nun gar nicht“. Und spüren, dass es so einfach wiederum nicht geht, dass der eigene Standpunkt schwerlich so souverän ist, dass er den des anderen gelassen mittragen würde. Denn es geht nicht um Beliebigkeit oder desinteressiertes Gewähren-Lassen. Sondern um Klarheit, Abgrenzung, Freiräume und – in der Sache unbequeme, aber konstruktive – Regeln. Wie Gemeinschaft. Dafür zumindest plädierte Bundesliga-Schiri Lutz Wagner im Gespräch mit uns.
Und nun zum Schluss die „Jesus-Kurve“, mit der ich bravourös die Richtung von der Toleranz zum „lieben Gott“ kriege? Könnte sein. Aber meines Erachtens ist es sogar das Kernthema von Toleranz: die von Bischof Tutu aufgeworfene Frage, ob Gott ein Christ ist. Ob seine Größe und Weite in unsere Lehren, Regeln und Katechismen passt.
Ich grüße Sie herzlich
Rainer Didszuweit
|