Früher haben sie die Menschen ein Leben lang begleitet: die Segensgebete am Morgen und Abend, vor dem Essen und auf Reisen, bei Willkommen und Abschied. Aber irgendwie ist er wohl aus der Mode gekommen, der Segen. Nur manchmal taucht er noch auf, in allgemeinen Redensarten: Wenn es zum Beispiel nach wochenlanger Dürre endlich regnet, dann schreibt sogar die örtliche Presse, der Regen sei ein Segen für die Landwirtschaft.
Segen: uralter Ausdruck des Wissens, dass das menschliche Leben zerbrechlich ist. Dass Planung und Machbarkeit Grenzen haben. Dass niemand über sein Schicksal wirklich verfügen kann. Wir sind auf Gottes gutes Geleit angewiesen. Zwar schafft es der römische päpstliche Segen „urbi et orbi“ immer noch regelmäßig in die Tagesschau, aber im Alltag spielt Segen so gut wie keine Rolle mehr. Er verträgt sich nicht mit dem Bild, das viele Menschen gerne von sich haben: aufgeklärt und vernünftig, stark und selbstbewusst.
Erhobenen Hauptes empfängt man keinen Segen
Die uralte jüdische Tradition bezeichnet Segen als „Baruch“. Die gleichen Buchstaben bilden auch das Wort für „Knie“. Das bedeutet: Segen kann nur empfangen, wer vor Gott dem Schöpfer demütig die Knie beugt. Segen „einfach so“ gibt es nicht. Um ihn zu bitten heißt deshalb, sich Gott unterzuordnen, seiner Liebe zu vertrauen. Wer kniet, verzichtet auf Weglaufen oder Gegenwehr. Und Segen ist immer ein Gebet.
Wenn Christen einander Segen zusprechen, dann tun sie es auch nicht aus eigener Vollmacht, sondern im Namen Gottes, dem sie ihr Leben verdanken. Im Namen Jesu Christi, der die Liebe Gottes verkörperte und im Namen des Heiligen Geistes, der menschliche Herzen zu wandeln vermag. Aber stolz erhobenen Hauptes gibt man keinen Segen weiter und empfängt ihn auch nicht.
Eindeutig und doch zwiespältig
Das deutsche Wort „Segen“ leitet sich vom lateinischen Wort für Zeichen, „signum“, ab. Seit mehr als 1.500 Jahren ist damit das Zeichen des Kreuzes gemeint. Das Kreuz als Zeichen göttlichen Segens haben die Christen erst entdeckt, als das Christentum im vierten Jahrhundert unter Kaiser Konstantin Staatsreligion geworden war. „In diesem Zeichen wirst du siegen!“, soll eine Stimme vom Himmel vor einer wichtigen Schlacht dem Kaiser zugerufen haben. Man erzählt, er sei daraufhin Christ geworden und habe das auch für seine Untertanen zur Pflicht gemacht. Seitdem war das Kreuz nicht mehr so sehr das Zeichen für das Leiden Jesu, sondern für den Sieg der Kirche – bis hin zur blutigen Macht- und Militärpolitik der Kreuzzüge. Und die waren mit Sicherheit ebenso wenig ein Segen wie der Spruch „Gott mit uns“ auf den Koppeln deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.
Weiter als alle menschliche Energie
Aber abseits dieser schwierigen und manchmal blutigen Tradition hat es bis heute immer auch ungezählte Menschen gegeben, die viel mehr vom Segen Gottes verstanden als die jeweiligen Machthaber. Sie wussten, dass sich Gott nicht einfach für menschliche Interessen in den Dienst nehmen lässt. Sie segneten einander mit dem Kreuz nicht als Zeichen der Überlegenheit, sondern als Quelle einer Kraft, die gerade in schweren Zeiten weiter reicht als alle menschliche Energie. Und sie sprechen einander bis heute den uralten Segen Israels zu, den man auch den „Aaronitischen Segen“ nennt:
„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6, 26–26)

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
Foto: Fernando Baptista
Joachim Schmidt
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