echt Glaube

Gänsegeier
Dass sie auffahren mit Flügeln wie Gänsegeier …




„Der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Aus Jesaja 40)

Die Zoo-Direktionen verschiedener Städte haben entdeckt, wie sie für noch mehr Besuchergruppen attraktiver werden. Sie bieten Führungen an, in denen etwas über die Tiere erzählt wird, die in der Bibel erwähnt werden. Da sieht man dann Löwen und Schafe oder auch Schlangen mit ganz anderen, biblisch geschulten Augen. Und umgekehrt: Die Erzählung vom Paradies ist gleich viel belebter und die Geschichte vom guten Hirten verständlicher, wenn sie mal Auge in Auge mit der lebendigen Kreatur gehört wurden.

Ein Problem allerdings macht der Vogel, der in der Bibel so oft wie sonst kein anderer erwähnt wird, der Adler. Eine gut informierte Führerin erzählt, dass der biblische Adler in Wirklichkeit wohl ein Geier ist, genauer: ein Gänsegeier, mit 2,80 Metern Flügelspannweite der größte Vogel im Heiligen Land damals und auch heute. Hallo?! Der ewige Gott gibt den Müden „neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Gänsegeier“? Das klingt nicht nur ungewohnt, sondern wie ein derber Scherz.

Geier statt Adler
Allerdings spricht einiges dafür, dass es den Menschen der Bibel in der Tat um das Verhalten der Geier geht, wenn sie Gott etwa sagen hören: „Ihr habt gesehen, wie ich euch auf Flügeln getragen habe ....“ (2. Mose 19) Auf Flügeln tragen ist nämlich keine Adler-, sondern, wenn überhaupt, eine Geiermethode. Sie bewahren die Jungen vor der Tiefe, indem sie unter ihnen fliegen und, so wird gesagt, bereit sind, sie eben auf ihren Flügeln zu tragen, wenn deren eigene Kräfte erlahmen.

So verhält sich kein Adler. Die Adlereltern vertrauen darauf, dass die Kleinen den Bogen selber herausbekommen. Nach einigen kurzen Flatter- und Rüttelübungen über dem Horst müssen sich die Jungtiere selber trauen. Und die jungen Adler trauen sich dann auch und stürzen sich vom Rand des Nests in die luftige Tiefe, nicht selten mit tödlichem Ausgang, wenn etwa die abendlichen Fallwinde an hohen Felswänden unterschätzt werden.

Dass in unserer Bibel öfter von Adlern als von Geiern gesprochen wird, wenn es um die Eigenschaften Gottes geht, hat seinen Anfang in einer ungenauen, vielleicht aber auch gewollt verkehrten Übersetzung des hebräischen Textes ins Griechische. Möglicherweise war das schon in der Antike schlechte Image der aasfressenden und kahlköpfigen Gesellen dran schuld, dass sie unter der Hand durch die majestätischen Adler, die verehrten Könige der Lüfte, ersetzt wurden. Es ist das alte Problem. Bilder, die sich Menschen von dem unsichtbaren Gott machen, um ihn überhaupt denken zu können, sagen den einen zu, anderen kommen sie unangemessen vor. Das hängt mit der eigenen Kultur zusammen, mit sprachlichen und regionalen Traditionen und mit der Zeit, in der man lebt. Viele Eigenschaften zeichnen Geier und Adler zwar gemeinsam aus, Größe und Geschwindigkeit beim Fliegen etwa oder dass sie ihre Nester am liebsten hoch oben auf unzugänglichen Felsen bauen. Aber wenn die Kraft und die Stärke Gottes betont werden sollen, scheint das königliche Bild des Adlers auch in unseren Augen einfach besser zu passen. Der Adler steht für Stolz und Würde. Die römischen Legionen trugen ihn schon als Mut machendes (und dem Feind Angst machendes) Feldzeichen in die Schlacht und Kaiser Friedrich Barbarossa führte ihn als Reichswappen hierzulande ein. Nicht zufällig schmücken Adler die Fahnen von Staaten und Städten und der Frankfurter Eintracht. Das bringt zum Ausdruck: Wir sind stark, siegesgewiss, selbstbewusst und ihr könnt mit uns rechnen!

Loslassen statt springen
Das Symbol des Geiers dagegen steht für Gottes Fürsorglichkeit, welche die schwachen und schnell ermüdenden Kinder trägt und hält. Vielleicht ist es genau das, was es mir sympathisch macht, den Gänsegeier als uraltes Bild Gottes neu zu entdecken. Es ist der barmherzige und mütterliche Gott, die bergende und schützende Allmacht. Nicht der Sprung in bodenlose Tiefen wird mir abverlangt. Sondern mir wird zugetraut, dass ich loslassen kann, weil ich den sicheren Halt in Gott kenne.

Ich werde wohl auch in Zukunft mit dem Satz aus 5. Mose 32 sagen: „Wie ein Adler seine Jungen ausführt ..., so breitete Gott seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.“ Der Text ist mir zu vertraut, um ihn einfach abändern zu können. Aber vor meinem inneren Auge wird dann kein Adler, sondern ein starker und fürsorglicher Geier durch die Lüfte gleiten.
Helwig Wegner-Nord

Helwig Wegner-Nord

Helwig Wegner-Nord ist Pfarrer und leitet das MEDIENHAUS der EKHN in Frankfurt.

Foto: Rolf Oeser

 

 

 


erschienen in echt, 3. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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