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echt umstritten

Kleiner Mann, was nun?
Vom (un-)bewegten Leben des Gartenzwergs – eine nicht ganz ernst gemeinte (Liebes-)Erklärung
Er liegt bäuchlings dahingestreckt auf dem Schreibtisch, am Rücken eine blutrote klaffende Wunde: mein Gartenzwerg und Brieföffnerhalter. Mehrmals täglich muss er dran glauben, denn nach jedem Gebrauch ramme ich ihm das Werkzeug erneut ins Kreuz. Früher hatte ich auch noch einen Gartenzwerg auf dem Sims im Klo. Wegen einer Unvorsichtigkeit beim Staubwischen ist er auf den Fliesen zerschellt. Auch der war kein gewöhnlicher Gartenzwerg, sondern ein Wüstling. Mit geöffnetem Mantel präsentierte er seinen Zipfel. Aber was hat der kleine Mann überhaupt in Toilette und Büro verloren?
Zwischen Deutschtum und Domina
Nanus hortorum vulgaris, der gemeine Gartenzwerg, ist seinem eigentlichen Verbreitungsgebiet längst entwachsen. Er hat sich von den Vorgärten aufgemacht, die Häuser zu erobern. Dafür haben ausgerechnet die Leute gesorgt, die ihn eigentlich gar nicht leiden können, sondern spießig und kleinbürgerlich-reaktionär finden. Für sie bieten die Gartenzwerghersteller neben den rund 150 traditionellen Modellen, in Standardausführung 68 Zentimeter hoch, längst auch alternative Zwerge feil: mit Handy, Laptop oder Sonnenbrille, in gewagter Kleidung oder anzüglicher Pose, in Originalgröße oder als Miniaturausgabe. Beliebt sind auch Wichtel mit dem Antlitz von Politikern. Das ist äußerst praktisch, denn so können sich auch typische Gartenzwerghasser – gebildete Stadtbewohner mit überdurchschnittlichem Einkommen – einen Gartenzwerg aufstellen. Der sieht dann halt aus wie Oskar Lafontaine oder zeigt den Stinkefinger. Nicht alle Exemplare sind allerdings für den Außenbereich geeignet. Wegen einer rotmützigen Domina mit Lederkostüm und Peitsche sah sich ein Freund ausgefallener Gartengestaltung unversehens von einem erbosten Nachbar vor Gericht gezerrt.
Klassenbewusster Arbeiter
Die Gartenzwergpopulation in Deutschland wird heute auf etwa 25 Millionen geschätzt. Ein paar Hunderttausend kommen pro Jahr hinzu, abzüglich des Schwunds durch witterungsbedingte Abnutzung und – wie eingangs beschrieben – Sturz aus großer Höhe. Das war nicht immer so. In der Nazizeit zum Beispiel war der Zwerg eher unbeliebt, entsprach er doch gar nicht dem Bild der Herrenrasse. Und auch in der DDR wurde der Gnom wegen bürgerlicher Tendenzen kritisch beäugt, bis 1952 war seine Produktion sogar verboten. Dabei ist der Gartenzwerg ein klassenbewusster Arbeiter und auch seine Wurzeln liegen auf DDR-Gebiet. In den Terrakotta-Manufakturen von Philipp Griebel und August Heissner in Gräfenroda erblickte er unterschiedlichen Quellen zufolge um 1870 erstmals das Licht der Welt, auf der er inzwischen fast überall bekannt und beliebt ist. Sein Aussehen erinnert an die Thüringer Bergleute, mit Spitzhacke und Schubkarre, Lederschürze und Grubenlampe. In den Wiener Barockgärten erfreuten sich gut 100 Jahre zuvor allerdings auch schon sogenannte Zwergengalerien großer Beliebtheit.
Aktivisten an die Front!
Die Betriebe der Gartenzwerg-Erfinder existieren übrigens noch heute. Griebel, zwischenzeitlich in VEB Terrakotta umbenannt, produziert wieder unter altem Namen weiter in Gräfenroda. Heissner sitzt inzwischen im hessischen Lauterbach. Aber die Konkurrenz ist groß. Durchschnittlich alle sechs Minuten wechselt ein Gartenzwerg im Internet den Besitzer. Produktpiraten aus Asien und Osteuropa überschwemmen den Markt mit billigen Imitaten aus Plastik oder Gips.
Zur Rettung des deutschen Qualitätsgartenzwergs wurde daher schon 1980 die „Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge“ gegründet. Sie wacht über ein sittlich einwandfreies Gartenzwergwesen und wendet sich gegen den Gebrauch seines Namens als Schimpfwort („Sie Gartenzwerg, Sie!“).
Zweifelhaft sind hingegen die Aktivitäten der in Frankreich und Italien tätigen „Front zur Befreiung der Gartenzwerge“. Juristisch ist die Entfernung von Gartenzwergen aus Vorgärten und ihre Aussetzung in ihrer angeblich natürlichen Umgebung, dem Wald, wohl als Diebstahl und Sachbeschädigung einzustufen. Doch es ist im Grunde egal, ob jemand Schrebergärtner ist oder Anarchist. Im Grunde ist es mit dem Gartenzwerg wie mit dem FC Bayern München: Es ist schick, abfällig über ihn zu reden. Aber insgeheim mag man ihn doch. Aber in meinen Garten kommt mir trotzdem kein Gartenzwerg.
Wolfgang Weissgerber
+++ Gästeschreck: Rund 18 Millionen Gartenzwerge stehen mehr oder weniger erfreulich in Gärten rum. +++ König Spatz: 2007 verteidigte der Spatz seinen Titel als häufigst gesehener Gartenvogel souverän. Auch die Amsel (zwei) und die Kohlmeise auf Rang drei behielten ihre Plätze bei. Der Star landete auf Platz vier. (NABU Hamburg) +++
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