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Erinnerung an die Zukunft

Allmählich wurden die Sommer heißer, die Winter trockener. Der Schnee, der früher die Gipfel der Berge weiß machte und bis ins Flachland kam, blieb aus. Die grünen Ebenen verdorrten. Die Büsche und Bäume mit ihren üppigen Früchten und viele Tiere, die einst reiche Nahrungsgrundlage boten, verschwanden. Der Hunger war allgegenwärtig. Man musste den harten Boden bearbeiten und bewässern, die Nahrung mühselig selber anbauen. Das Leben wurde schwer und karg. Aber die wehmütige Erinnerung an das vergangene leichte Leben blieb. Am abendlichen Feuer erzählten die Alten Geschichten von der Zeit, als die Welt noch ein einziger wunderbarer Garten war – der Garten Eden.

Das verlorene Paradies
Es hört sich an wie die Aussichten der kommenden Klimakatastrophe. Doch all das gab es schon einmal, vor rund 10.000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, im Bereich der heutigen südlichen Türkei, des Libanon, Syriens und des nördlichen Irak. Die Gletscher auf der nördlichen Erdhalbkugel verschwanden und in den grünen Savannen des Nahen Ostens rückte die Wüste vor. Viele Wissenschaftler sind heute überzeugt: Damals entstanden die uralten Geschichten vom verlorenen Paradies, die auch am Anfang der Bibel stehen. (1. Mose, 2 und 3)

Verführbar
Gott hatte den Menschen einen wunderbaren Garten für ein sorgenfreies Leben geschenkt und der war ein für alle Mal verloren. Warum nur? Und wer war schuld am Verlust des Paradieses? Die Geschichte von einer verbotenen Frucht am Baum der Erkenntnis machte die Runde. Man raunte von der Verführung durch eine Schlange, die sprechen konnte. Und von Eva, die der Verführung erlag, weil sie die Frucht essen wollte, die klug machte. Sie tat es und sie gab auch ihrem Mann Adam (Adam ist das hebräische Wort für Mensch!) davon. Das Leben im Paradies war zu Ende.

Männerfantasien
Natürlich waren es Männer, die diese Geschichte erzählten. Die Männergesellschaft war sich einig: Dass ausgerechnet eine Frau klug werden wollte, damit hatte das ganze Elend angefangen. Der Mythos wurde mit Vergnügen von Generation zu Generation weitergereicht, als wohlfeile Begründung männlicher Überlegenheit, männlicher Herrschaft und männlicher Gewalt für Jahrtausende.

Adam lebt
Weltweit sind wir heute wieder im Begriff, durch einen Klimawandel viele Paradiese zu verlieren. Unzählige Menschen werden in Not und Elend geraten. Aber bei der Schuldfrage kommt die Männerwelt nicht mehr so billig davon. Denn anders als damals am Ende der letzten Eiszeit wissen wir sehr genau, wer und was für die nächste Katastrophe verantwortlich ist: die weltweit skrupellose Ausbeutung und Vergiftung der Erde durch eine Politik und Kultur, die weitgehend von Männern beherrscht ist. Adam lebt, der Mensch, der Mann.

Schöne Grüße von der Schlange
„Paradiese“ werden heute in den reichen Ländern konfektioniert. Die Werbung liefert sie uns frei Haus. Als Baumärkte und Billigflieger, als Feinkostketten und Ferienziele, als Medienmärkte und Matratzenlager. Immer verlockend, leicht zu haben, ohne Frage begehrenswert. Aber Konsumgüter sind kein Paradies. Die tiefe Sehnsucht bleibt unerfüllt – bis zum nächsten Prospekt. Die Schlange aus der Bibel lässt schön grüßen.

Tiefe Menschenkenntnis
So gesehen ist die Geschichte vom Paradies voller uralter Weisheit und tiefer Kenntnis des Menschen: Jeder kennt Momente voller Glück und Zufriedenheit, wo uns die Welt heil und friedvoll erscheint. Wir sehnen uns danach, dass es auf Dauer so sein möge, und sorgen gleichzeitig eifrig dafür, dass genau das nicht geschieht. So sind diese Träume vielleicht eine ferne Erinnerung daran, wie Gott die Welt gewollt hat. Und wie es eines Tages sein wird, wenn wir zu ihm zurückkehren.

Joachim Schmidt

Skulptur von Lies Ebinger




Garten der Sehnsucht

Noch bis zum 19. Oktober präsentiert sich Ihre Evangelische Kirche auf der Landesgartenschau in Bingen. Im „Garten der Sehnsucht“ können auch Sie sich auf die
Suche nach dem Paradies machen. Immer wieder begegnen Sie dabei dem Apfel als Symbol für die Sehnsucht nach Erkenntnis, Freiheit und Leidenschaft.


Auch von Lies Ebinger gestaltete Skulpturen sollen Sie inspirieren. Seh(n)en wir uns in Bingen?
Infos unter www.lgs-evangelisch.deGarten der Sehnsucht auf der LGS in Bingen
Fotos: LGS Bingen 2008

 

 

erschienen in echt, 2. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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