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Der MacherJohann Hinrich Wichern (1808 - 1881)

„Die Baracken“ nannte man im frühen 19. Jahrhundert die elenden Quartiere auf dem Hamburger Berg (heute St. Pauli) außerhalb der Hansestadt-Mauern. Zwischen Ratten und Unrat hausten in finsteren, windschiefen und baufälligen Hütten die Gestrandeten der Stadt zu Tausenden: Arbeitslos, krank, ohne Hoffnung waren sie, und es wurden immer mehr.

Dem jungen Johann Hinrich Wichern stockte der Atem. Er war gekommen, um die Eltern von Kindern zu besuchen, die schmutzig und in Lumpen manchmal in seine Sonntagsschule kamen. Erschüttert notierte er später: „Der Mann schneidet Schwefelhölzer, das Weib unterstützt ihn dabei, ein kleiner Knabe muss die Ware verkaufen helfen. Er ist minder glücklich als seine in rechtmäßiger Ehe geborenen elf Geschwister, die alle bis auf eine elfjährige Schwester bereits verstorben sind. Vor einigen Jahren hatten jene Menschen (dürfen wir sie noch Eltern nennen?) den armen Knaben eingesperrt, um ihn erfrieren und verhungern zu lassen. Das Gewinsel des Knaben zog die Nachbarn herbei; so ist er gerettet, hat aber an einem Fuß einen Teil der Zehen und an einer Hand die Hälfte der Finger eingebüßt.“

Schreiende Not
Die Öffentlichkeit und auch die Kirchen standen den Problemen in den Elendsvierteln vieler Städte eher hilflos gegenüber. Nur wenige erkannten, dass da ein soziales Problem entstanden war, für dessen Lösung es in der überkommenen Gesellschaft keine Vorbilder gab. Die fortschreitende Industrialisierung in Deutschland hatte Millionen auf der Suche nach Arbeit in die Städte gezogen, wo sie meist unter furchtbaren sozialen und hygienischen Bedingungen hausten. Die Zahl der Straßenkinder vervielfachte sich in wenigen Jahren. Öffentliche Unterstützung für die Ärmsten der Armen gab es so gut wie nie.

Kein Geld, aber Überzeugungskraft
Seine schockierenden Erfahrungen auf dem Hamburger Berg brachten den erst 25-jährigen Wichern dazu, 1833 in Hamburg-Horn das „Rauhe Haus“ zu gründen, eine Einrichtung „zur Rettung verwahrloster Kinder“ und später auch zur Ausbildung von „Diakonen“ (Sozialarbeitern). Reiche Hamburger Bürger halfen ihm dabei. Der junge Theologe erkannte: Die schreiende Not von Millionen Menschen verlangte eine Kraftanstrengung ganz neuer Art.

Wicherns Provokation
Am 22. September 1848 forderte Wichern als tatkräftiger Mann auf dem „Wittenberger Kirchentag“ in einer langen leidenschaft-lichen Rede eine „Innere Mission“ der evangelischen Kirche als neue, zentrale Aufgabe. Jeder wusste, was er meinte: Die „äußere Mission“, die organisierte Bekehrung von Menschen zum Christentum durch evangelische Missionsgesellschaften in Afrika und anderswo war gerade ungemein in Mode gekommen. Wichern provozierte: War es nicht mindestens ebenso wichtig, das furchtbare Elend vor der eigenen Haustür zu sehen? Waren die ungezählten Armen, die auch jeden Kontakt zum christlichen Glauben verloren hatten, eine ebenso große missionarische Herausforderung wie die „Heiden“ in Übersee?

Liebe deinen Fernsten?
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, hatte Jesus gesagt. Deshalb bestand Johann Hinrich Wichern sein Leben lang eisern darauf, dass christlicher Glaube und soziale Verantwortung zusammengehören. Die Idee der „Inneren Mission“ der Kirche, die er 1848 vehement gefordert hatte, gab diesem Gedanken quer durch Deutschland einen gewaltigen Schub. Viele erkannten: Es darf nicht sein, dass Menschen im Getriebe rasanter moderner Veränderungen einfach unter die Räder kommen.

Armut bleibt auf der Tagesordnung
Wicherns Appell zeigte Wirkung. Zwei Monate nach seiner aufrüttelnden Rede von Wittenberg wurde der „Centralausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“ ins Leben gerufen. Zahlreiche Hilfseinrichtungen entstanden in den folgenden Jahrzehnten: Rettungsanstalten, Sonntags- und Kleinkinderschulen (Vorläufer der heutigen Kindergärten), Suchthilfe-Einrichtungen, Obdachlosenfürsorge und viele mehr. Wichern wurde zu einem der Väter moderner diakonischer Arbeit der Kirchen. Diakonie, die aktive und professionell organisierte Zuwendung zu Menschen in Not, gehört seitdem zum Kernbereich kirchlicher Arbeit. Nächstenliebe und Glaube gehören zusammen.

Dr. Joachim Schmidt








Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Heute arbeiten in Deutschland rund 450.000 Menschen in der Diakonie und noch einmal so viele tun es ehrenamtlich. Die Diakonie mit ihren 27.000 Einrichtungen und rund einer Million Plätzen oder Betten ist nicht mehr wegzudenken. Nächstenliebe und Glaube gehören zusammen. Und die Schere zwischen Arm und Reich ist ein aktuelles Thema. Das ist das Vermächtnis von Johann Hinrich Wichern, der vor 200 Jahren, am 21. April 1808 geboren wurde.

Joachim Schmidt  

echt info
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.wichern2008.de


erschienen in echt, 1. Quartal 2008
Copyright by EKHN, Darmstadt
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