echt Glaube

Pfingstrausch

Internationaler Gospelkirchentag in Bochum

Als der Pfingsttag gekommen war, geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen … Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen … Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zum andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

[Apostelgeschichte 2]


Am Anfang der Kirchengeschichte steht ein ordentlicher Vollrausch. Jesu Jünger benehmen sich zumindest sehr merkwürdig und lallen ekstatisch, sodass ihre Mitmenschen zwischen Spott und Entsetzen ganz ratlos sind. Doch daraus wird an jenem Pfingstfest der Beginn der christlichen Kirche.

Ekstase, Entrückung und Verzückung – der kollektive Jüngerrausch lässt die herbeigeeilten Passanten zunächst mal auf Alkohol als Ursache schließen, auch damals schon eine gängige Droge. Aber Petrus schüttelt den Kopf: Es ist nicht süßer Wein. Es ist der Heilige Geist, der die Jünger innerlich ergriffen und äußerlich verändert hat. Dessen Risiken und Nebenwirkungen können offensichtlich denen des Weines recht ähnlich sein. Aber während der vom Alkohol berauschte Mensch meistens Spott und Verachtung seiner Umgebung erntet, löst der religiöse Rausch, hier und da zumindest, Respekt und Beifall aus. So empfiehlt schon das Neue Testament an anderer Stelle: „Sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ (Epheser 5,18)

 

Begeisterung – Entgeisterung
Wer je im französischen Taizé einen Gottesdienst mitgefeiert hat oder auch einen Deutschen Evangelischen Kirchentag, weiß, dass religiöse Begeisterung auch heute noch berauschen kann. Es gibt den Moment, in dem man mit einer Idee oder mit einer Bewegung nahezu verschmilzt. Manchen fällt das in der großen Menge Gleichgesinnter leichter, anderen in der Einsamkeit. Viele brauchen Musik dazu, einige die Erfahrung der Stille. Wie unterschiedlich der Weg sein mag, mit einem Mal stellt es sich ein, das Gefühl, bisher gültige und selbstverständlich akzeptierte Grenzen überschreiten zu können. Aus sich selbst hinauszuwachsen, sich aufzuschwingen und den Himmel zu berühren.

Die Sache ist natürlich nicht unproblematisch. Leute im Rausch können manipuliert werden, werden schnell zu wehrlosen Opfern von Massenpsychosen und Propaganda. Oder auch zu Opfern ihrer eigenen Fantasien und Wahnbilder. Darum ist der abendländischen Religion schon früh eine tüchtige Impfung Rationalität verpasst worden.

Und so ist es dann passiert. Die Religion ist aus Angst vor dem Rausch weitgehend entgeistert worden. Zu unberechenbar waren Ekstase und Entrückung. Und zu unklar war die Ursache des sonderbaren Zustands: Hatte wirklich der Geist Gottes Einzug gehalten oder war es nicht ein Dämon? Diese Frage quälte die Menschen schon in biblischer Zeit. Jedenfalls fanden in der Geschichte des Christentums nüchterne theologische Argumentationen immer eher Zustimmung von Kirche und Gesellschaft als religiöse Ergriffenheit oder gar Ekstase

 

Religion hat mit Entrückung zu tun
Trotzdem: Was da Pfingsten passiert ist, hielt sich hartnäckig. Immer wieder waren Menschen da, die vom Heiligen Geist mehr erwartet haben als präzise Logik und kontrollierte Ruhe. Die Mystiker haben sich über Jahrhunderte nicht damit abgefunden, dass für die Religion hauptsächlich der Verstand zuständig ist.

Helwig Wegner-Nord

Helwig Wegner-Nord ist Pfarrer und leitet das MEDIENHAUS der EKHN in Frankfurt.

 

 

 

 

 

Dass Religion mit Entrückung zu tun hat und berauschen kann, schätzen am ehesten wahrscheinlich die Jungen. Doch der Geist Gottes kennt keine Altersbegrenzung: „Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ (Joel, 3,1)


Helwig Wegner-Nord  

 

 

 

erschienen in echt, 1. Quartal 2008
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