echt Glaube

Die Weihnachtsinsel

Die Weihnachtsinsel

 

 

Sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
[Lukasevangelium 2,7]

Eine Insel muss nicht im Meer liegen. Mitten in der Wohnung, in der Küche hinten am Fenster zum Beispiel, auch da kann eine Insel sein. Da sitze ich, vielleicht nur ein paar Minuten am Morgen, und genieße die Stille, bevor der neue Tag auf mich einstürmt. Ich gewinne dabei ein bisschen Abstand, vor allem zum eigenen Hin und Her. Alltagsverpflichtungen haben etwas von einer unermüdlichen Brandung. Solche Inseln sind wunderbar. Vielleicht sogar lebensrettend. Die gerade noch so gefräßigen Wellen werden gebrochen und laufen aus. In diesen Momenten gleitet alles, was anstrengt, von einem ab, es wird ruhig innen, entspannt und still.

Nicht immer weiterstrampeln
Im Advent packt viele Menschen und auch mich eine ganz besondere Sehnsucht nach einer solchen Insel. Nicht einfach nur immer weiterrudern und -strampeln. Wir wollen bewusster leben. Wollen den betriebsamen Teil der Vorweihnachtszeit auf ein Mindestmaß reduzieren. Die Menschen werden aufmerksam für ihren eigenen Weg. Sie fragen danach, wie ausgewogen das eigene Leben ist. Im Advent sehne ich mich nach dem festen Punkt, der mir Halt gibt, mich einmal ruhig stehen lässt, mich feststellen lässt, wer und wo ich bin und was mein Ziel ist. Es muss doch etwas geben, das meinem Leben so eine Art Siegel gibt: „Ja, so ist es gut.“ Oder zumindest: „So wäre es gut!“

Ein Stall als Station
Ich glaube, der staubige Weihnachtsstall in Bethlehem ist eine Insel dieser besonderen Art. Eine Station auf dem Weg nicht nur für Josef und für Maria, die hier vor Anker gehen, sondern für viele Menschen, die davon berührt worden sind, was dort geschehen ist. Ein sehr einfacher Ort ist das, ohne großes Arrangement. Ein Dach überm Kopf in der Nacht, wahrscheinlich Heu als Lager und Stroh, ein windgeschützter Fleck, weniger als eine schlichte Herberge, für normale Reisende schon zu dürftig. Vor allem aber: Es ist der Platz, an dem Gott Mensch wird. Und eben das fanden manche doch recht provozierend.

Ist das vielleicht gottgemäß?
Es ist darum immer wieder versucht worden, diese einfache, elementare Geschichte und diesen schäbigen Ort auszuschmücken mit Dekoration und Design von großer Wirkung. Da schweben Engel, hier wachsen Rosen, dort bauschen sich Brokatstoffe. Raffinierter Lichteinfall verzaubert die eigentlich trübe nächtliche Szene in ein großartiges Bühnenbild voller Effekte. Von überall her sieht man Leute herbeiströmen, die das göttliche Kind anbeten wollen.

Gott zwischen Mist und Spinnweben
Gleichzeitig hat es aber immer auch den anderen Blick auf diese Szene im Stall gegeben. Braucht denn das, was hier in der kargen und kalten Wirklichkeit geschieht, eine weitere Ausstattung? Mehr noch: Verdirbt nicht jede weitere Zutat, jede kunstvolle Inszenierung am Ende das, worauf es ankommt?

Ohnehin ist doch eine Geburt eine echte Sensation. Wer den ersten Schrei eines neugeborenen Kindes hört, für den steht die Welt einen Augenblick lang wirklich still. Und auch in dieser Heiligen Nacht, in der der Junge von Maria und Josef, Gottes Kind, das Licht der Welt zwischen Mist und Spinnweben erblickt, wird es nicht anders gewesen sein. Die Eltern werden zuerst ergriffen von diesem göttlichen Moment und dann die nächtlichen Besucher, von denen berichtet wird. Das gefällt mir an Weihnachten – die Geschichte passt zu meiner Sehnsucht nach der Insel und nach ehrlichen Antworten. Dass Gott in der Geburt dieses kleinen Menschen Jesus uns ganz nahe kommt, das ist für mich ein fester Grund fürs ganze Leben. Mitten im Auf und Ab der Tage, wenn ich mich oft genug mehr getrieben fühle, als dass ich selbst die Richtung vorgeben kann, liegt die Heilige Nacht vor mir wie eine Einladung:

Helwig Wegner-Nord

Helwig Wegner-Nord ist Pfarrer und leitet das MEDIENHAUS der EKHN in Frankfurt.

 

 

 

 

 

Komm zur Ruhe, atme tief durch, spüre den Grund, auf dem dein Leben steht, lass zurück, was dich bedrängt und ängstigt. Und dann lass dich wieder neu aufs Leben ein. Gott segnet diese Nacht und die Menschen, die sich von ihr berühren lassen.

Helwig Wegner-Nord

 

 

 

 

erschienen in echt, 4. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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