echt Glaube kompakt

Verdrängungswettbewerb

In der Wüste

„Die Entstehung der Arten“. –
Der Titel klang harmlos, aber das Buch schlug ein wie eine Bombe.

Im November 1859 begründete der britische Naturforscher Charles Darwin die Lehre von der Evolution, der Entwicklung des Lebens über Jahrmillionen.

Seine Theorie: Alles Leben hat sich aus einfachen gemeinsamen Formen entwickelt. Alle Arten des Lebens sind in ständiger Veränderung begriffen. Und auf Dauer überleben nur die Anpassungsfähigen und Starken.

Bereits am Tag des Erscheinens war das Buch vergriffen, sechs weitere Auflagen folgten in kurzem Abstand, und besonders konservative Kirchenleute schäumten. Das Werk schien ein Frontalangriff auf die offizielle Lehre der Schöpfungsgeschichte zu sein. Der Mensch – kein Geschöpf und Ebenbild Gottes mehr, stattdessen hervorgegangen aus gemeinsamen Vorfahren mit den Affen?

Moderner Glaubenskrieg
Glaube kontra Wissenschaft, biblische Schöpfungsgeschichte gegen wissenschaftlich weithin unbestrittene Evolutionslehre. Auch 150 Jahre nach Darwin flammt die Auseinandersetzung immer wieder auf – zuletzt mit der Frage, ob die Schöpfungsgeschichte auch im Biologieunterricht der Schulen behandelt werden könnte. Manchmal wird die Diskussion sogar erbittert geführt. Wobei sich wenige die Mühe machen, den Standpunkt der anderen genauer zu erkunden. Wie das so ist bei Glaubenskriegen.

Wie der Blinde von der Farbe
Auf Dauer überleben nur die Anpassungsfähigen und die Starken: Die Beweislage für die These Darwins ist erdrückend und der Mensch spielt dabei in seinem bedenkenlosen Umgang mit der Welt eine brutale Rolle. Aber hat der ganze mörderische Lebenskampf eigentlich irgendeinen Sinn? Darwin interessiert das nicht. Das ist die eine Seite. Die andere: Die biblische Erzählung von der Erschaffung der Welt ist wahrlich kein wissenschaftlicher Bericht im modernen Sinn. Was also wird hier verglichen? In der Diskussion stehen sich völlig ungleiche Seiten gegenüber und reden voneinander wie Blinde von der Farbe.

Protest gegen das Selbstverständliche
Was erzählt eigentlich das erste Kapitel der Bibel mit der Schöpfungsgeschichte? Es beschreibt Gott als einen liebevollen Baumeister, der in sieben Tagen die Welt wie auf einem wüsten Bauplatz errichtet – für die Menschen, die er nach seinem Bild formen will. Dieser Gott ist größer als alles, was Menschen sich bis dahin erdacht haben.

Schon als er vor 2.500 Jahren entstand, war dieser Text ein Protest gegen das, was allen selbstverständlich schien: dass die Welt eigentlich im Götter-Kampf entstanden sei, so richtig menschlich mit Neid und Zwietracht, Kampf und Unterwerfung, Mord und Totschlag. Natürlich überlebten nur die siegreichen Götter. Darwin ließ schon damals grüßen.

Schluss mit der Großmannssucht
Mit solchen Projektionen menschlicher Sehnsüchte und Begierden ins Übersinnliche räumt die Schöpfungsgeschichte radikal auf und ist darin sehr modern. Sie geht noch weiter: Menschen sind eben nicht einfach Spielbälle göttlicher Launen oder blinder Natur, sondern jeder als Geschöpf einzigartig. Gott, sagt die Schöpfungsgeschichte, wollte die Welt anders als das, was die Menschen daraus gemacht haben: als Ort des Friedens und des klugen Umgangs mit der Natur. Es war eine radikale Absage an menschliche Großmannssucht und Allmachtsfantasie. In der Umwelt Israels dürfte man damals über diesen kuriosen Gedanken hämisch gelacht haben. Aber zweiein-halbtausend Jahre später wurde genau diese Idee eine wichtige Grundlage der allgemeinen Menschenrechte.

Wissen und Hoffnung sind zweierlei

Dr. Joachim Schmidt








Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.


Wer die Frage stellt, was Darwin zu diesen Menschenrechten beigetragen habe, liegt daneben. Er war Naturwissenschaftler. Der Welt einen Sinn zu geben war nicht seine Aufgabe. Das bleibt auch so: Der Verdrängungswettbewerb zwischen Naturwissenschaft und Glaube ist künstlich herbeige-redet. Kein Glaube wird jemals exakte Naturwissenschaft ersetzen und keine Naturwissenschaft je Hoffnung bei einer Geburt oder Trost beim Sterben eines Menschen vermitteln können. Wir brauchen beides: das Wissen vom Zustand der Welt – und die Ahnung vom Zusammenhang des Lebens in Gottes Hand.

Joachim Schmidt

 

 


erschienen in echt, 3. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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