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echt
„Solange der Kreis rund läuft, passiert nichts ...“ Sucht bricht nicht so einfach über Menschen herein. Sie entwickelt sich allmählich und immer spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. In den Strudel der Abhängigkeit geraten jedoch nicht nur die Süchtigen selbst. Auch Angehörige, Partner und Freunde spielen eine Rolle. Zwei Perspektiven
„Als ich meinen Mann kennenlernte, hieß es, was willst du mit dem? Der trinkt doch. Ich hab gedacht, das kriegst du alles hin, wenn wir zusammen sind und verheiratet. Ich bin dieser Mensch, der gerne bemuttert. Er hat es dankbar angenommen, ist ja auch bequem. Und ich wusste nicht, was dabei herauskommt. Er hat sich Mühe gegeben. Und dann kamen auch Bestätigungen – was hast du denn mit dem Kerl gemacht? Der hat sich ja so zu seinem Vorteil verändert. Und wahrscheinlich hat mich das schon irgendwie stolz gemacht. Aber er konnte nicht so einfach aufhören. Er wollte ja nicht trinken. Das ist ja immer wieder der Kampf, den man auch miterlebt. Wobei er nie rumgefallen ist und er ist auch immer an seine Arbeit gegangen. Wenn dann wieder Krach war bei uns mit Versprechungen: ,Das passiert nicht mehr, dieses Mal war’s wirklich das letzte Mal‘, und dann habe ich es halt auch wieder geglaubt. So ging das hin. 15 Jahre lang. Ich habe mich geschämt. Ich wollte ja nicht so einen Mann haben. Ich hab alles gemacht, dass nichts nach außen dringt, die ganzen Geschäfte erledigt, sodass das alles seine Ordnung hatte. Aber oft genug gehört, ‚Kannst du denn nicht besser aufpassen?‘, wenn jemand wieder was mitbekommen hatte. Er ist ein lieber Mensch und kein Ekelpaket. Er hat mich auch nicht geschlagen oder sonst irgendwas. In seiner Arbeit am Bau war er ja immer zuverlässig und da geht’s hoch her und er war bei den Jägern und da geht’s hoch her. Vielleicht spielt auch mangelndes Selbstbewusstsein eine Rolle. Mit Alkohol hat er sich vielleicht stärker gefühlt. Es eskalierte alles weiter und ich bin krank geworden – bis hin zu Lähmungserscheinungen im linken Bein. Da hat der Arzt gesagt, ich muss unbedingt sofort zur Kur, und da habe ich zugestimmt. Da waren andere Menschen und ich habe mich gefragt, wer bist du denn eigentlich? Völlig minderwertig? Und ich hatte Anstöße, zu überlegen, ob ich so weiterleben will. Ich wusste nicht, was ich wollte, aber genau, was ich nicht mehr wollte. Das hat mein Mann wohl genau gespürt. Als ich dann nach Hause kam, hat er gesagt, ,Ich mache jetzt eine Therapie. Ich hab es schon mit meinem Chef geregelt.‘ Er ist in eine Kurzzeit-Therapie gegangen mit Partner-Seminaren und da habe ich zum ersten Mal was von Koabhängigkeit gehört. Und vom Zusammenhang von Trinken und Mitmachen. Und dann bin ich mit ihm in die Gruppe gegangen. Immer mit dem Wunsch, ihm zu helfen, ihn zu unterstützen. Dann wurde mir gesagt: ,Warum hast du das so lange mitgemacht, wärst du früher fortgegangen, hätte dein Mann schon längst was unternommen!‘ Da war ich total perplex und dachte, was soll das denn jetzt? Ich war doch diejenige, die alles zusammengehalten hat, und musste immer nur aufpassen. Dass da ja nix schiefgeht.Wegen der Koabhängigkeit habe ich dann Seminare besucht und über den Tellerrand rausgeguckt. Gesehen, dass es etwas neben dem Alkohol gibt und nicht nur den Blick auf ihn. Solange der Kreis rund läuft, passiert nichts. Ich hab dann gehört, dass das besser werden kann, und die Betroffenen und Angehörigen haben erzählt, dass es ihnen genauso gegangen ist. Haben Mut gegeben auf Änderung. Dass es eine Zukunft gibt. Ich habe mehr über die Krankheit gelernt und erfahren, dass ich nicht allein bin mit dem Problem, dass es vielen so geht, und habe mir Rat geholt. So, dass ich das so langsam verarbeitet habe. Erst habe ich zu Hause noch weiter immer kontrolliert, als er nichts mehr getrunken hat. Einfach zur Begrüßung einen Kuss geben – aber nicht aus Freundlichkeit, sondern, um zu testen. Aber mit der Zeit konnte ich langsam wieder Vertrauen fassen. Oder überhaupt erst mal Vertrauen finden. Dass ich so kontrolliert habe, ist mir erst später bewusst geworden. Das musste ich machen, denn ich wollte mich ja beruhigen. Als ich mitkriegte, wie die Betroffenen sich dann fühlen, habe ich darauf geachtet, es abzulegen. Ich habe unheimlich viele Gruppen besucht, um darüber hinwegzukommen und nichts schleifen zu lassen. Es hat mich interessiert. Ich habe eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchthelfer gemacht. Ich gebe gerne das weiter, was mir geholfen hat, wenn jemand verzweifelt kommt. Kann zuhören, meine Geschichte erzählen, sagen, du wirst sehen, dass sich was verändert. Das bewegt mich, weiterzumachen. Und mein Mann hat seit 15 Jahren keinen Alkohol mehr getrunken. Und sogar seinen Jagdschein gemacht. Ich glaube, ich würde mir wieder so einen Mann suchen, die braven, lieben haben mich nie interessiert. Man heimst ja auch Lob ein, wenn man sich kümmert. Man kann ja auch toll mit Lob manipulieren. Das weiß ich heute. Wenn man nichts tut, kann man so ein Verhalten gar nicht erkennen. Und auch nicht gegensteuern.“
Hermann Schröder*, 60, ist Alkoholiker. Seit 18 Jahren ist er trocken. Die Spannungen haben sich auf unsere Ehe übertragen. Ich hatte das Gefühl, meine Frau hält zu ihren Eltern. Damit hatte ich genug Grund – habe ich mir damals gesagt –, meine Wut und Enttäuschung in Alkohol zu ertränken. Die spätere Einsicht, dass die zwar nicht nett zu mir waren, ich ihnen durch meine Sauferei aber auch noch Gründe dafür geliefert habe, die hat lange gebraucht. Das mit dem Trinken ging immer wellenförmig. Es gab Zeiten, in denen ich normal war, und Zeiten, in denen ich mich zugesoffen habe. Irgendwann ging es los mit der Heimlichkeit. Im Keller standen meine Vorräte. Ich bin dann schon vor dem Frühstück runter und habe erst mal einen Schluck genommen. Getrunken habe ich alles, mir war das vollkommen egal. Im Geschäft stand 96-prozentiger Ethanol-Alkohol. Wenn nichts anderes da war, hab ich den verdünnt getrunken. Ich habe dann auch versprochen, weniger zu trinken. Manchmal war ich ja so zugetrunken, dass ich nicht arbeiten konnte. Ich lag oben im Bett und die anderen haben unten den Laden aufgemacht. Um mir sagen zu können, dass ich nicht abhängig bin, habe ich ein halbes Jahr überhaupt nichts getrunken. Das war schwer, aber hat geklappt. Dass ich Alkoholiker bin, habe ich mir spät eingestanden. Das ist auch kein gutes Gefühl. Es zeigt, man hat verloren. Aber eines Morgens lag ich wieder oben im Bett und die anderen haben unten gearbeitet. Ich habe auf einmal gespürt, dass ich nicht mehr ich selbst bin, sondern nur noch eine Gestalt hinter dem Alkohol. Das konnte ich nicht aushalten. Mir war auf einmal klar: Ich will nicht mehr. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das fertigbringen sollte. Ich hatte ja schon so oft aufgehört. Meine Frau meinte dann, ich sollte mal zu den Anonymen Alkoholikern gehen. Als ich unterwegs war, habe ich inständig gebetet, keinen Parkplatz zu finden. Ich wusste ganz genau, wo ich dann noch ein Bier trinken würde. Aber ich habe einen Parkplatz gefunden. Statt bei den Anonymen Alkoholikern bin ich aber beim evangelischen Freundeskreis gelandet. Die haben mir klar gesagt, nur wenn ich trocken bleibe, könnte ich nächste Woche wieder kommen. Ich habe dann auch nichts getrunken. Ich hatte Angst, nicht akzeptiert zu werden. Mithilfe dieser Gruppe bin ich trocken geworden. Leicht war das nicht. Ich bin manchmal innerlich heulend rausgegangen. Die Gruppe hat mir einen Spiegel vorgehalten. Durch gezielte Fragen nach dem Warum habe ich mir die Gründe für mein Trinken bewusst gemacht. Und es gab den Anstoß, diese Gründe auch zu ändern. Seit Mitte der 90er-Jahre leite ich eine Gruppe. Jeden Dienstag gehe ich hin. Ich würde heute wahrscheinlich auch alleine trocken bleiben, aber mit der Gruppe ist es leichter.“ |
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erschienen
in echt, 4. Quartal 2007
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