echt daneben

Ein Hauch von Nichts

„Fröhlichs schenken sich dieses Jahr nichts.“ Sagte meine Frau. Und sah mich herausfordernd an. Mit diesem radikal-femininen Du-weißt-schon-was-ich-meine-Blick. Ich wusste es nicht. Brauchen sie Geld? Hat einer von beiden eine Geschenkpapier-Allergie? Oder, mein Gott, wollen sie sich trennen? Sie wirkten doch immer so ...innig.

Meine Frau zog eine Grimasse, als hätte sich jeglicher Rest-IQ bei mir verflüchtigt. Ihre Stimme klang einen Hauch genervt: „Nahein, sie wollen ein Zeichen setzen, für die Einfachheit des Lebens. Gegen die Konsumgeilheit des Westens und den weihnachtlichen Warenwahn. Sie wollen das Wesentliche an Weihnachten wieder finden: das Kind in der Krippe. Arm, klein, schwach. Liebe statt Lametta. Frieden statt Fressorgien.“

Folgende Sätze hätte ich an dieser Stelle nicht sagen sollen: „Aber das Kind in der Krippe bekam doch von den Weisen aus dem Morgenland richtig dicke Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das war kurz nach der Geburt stinkreich.“ Nun: Meine Frau war eher stinksauer. Und so beschlossen wir (erst sie – und dann auch ich irgendwie), dass es besser sei, einander dieses Jahr nichts zu schenken. Wir wollten ein Zeichen setzen.

„Du liebst mich nicht mehr!“
Für die eigene Frau Geschenke suchen zu müssen, müsste eigentlich durch die Genfer Konvention verboten werden. Dachte ich früher immer. Doch eines ist noch viel schlimmer: keine Geschenke kaufen zu sollen. Mehrmals wachte ich nachts schweißgebadet auf, weil ich meine Angetraute in Alpträumen gesehen hatte, tränenüberströmt unterm Weihnachtsbaum, schluchzend. Sich am Boden krümmend: „Nichts? Du hast nichts! Du liebst mich nicht mehr. Ja, ich wollte keine Geschenke, aber eine Kleinigkeit wäre doch wohl das Mindeste gewesen. Etwas Symbolisches. Schlichtes. Eine kleine Geste. Du Unmensch.“

Einmal fing ich an zu weinen, zumindest fast, weil ich nicht wusste, wie ich aus dieser Falle herauskommen sollte. Ich konnte doch nur verlieren. Wie ich es machte, es würde verheerend ausgehen. Doch dann hatte ich die rettende Idee: Ich würde ihr einen „Hauch von Nichts“ schenken. Das war ja erlaubt: nichts.

Wer zieht zuerst?Illustration von Heiko Sakurai
Männer fühlen sich in Dessousabteilungen nicht wirklich wohl. Zumindest wenn sie allein sind. Aus Angst, als hormongesteuerte Triebtäter angesehen zu werden, bemühen wir uns verkrampf, nicht zu den Umkleidekabinen zu gucken. Auch wenn wir gerne mal würden. Hölzern laufen wir an den verführerischen Winzigkeiten vorbei. Scheinbar desinteressiert: ja, ganz nett. Gewagt! Was es nicht alles gibt. Außerdem wurde ich unsicher. Vielleicht würde sie mich verachten: „Du Perversling. Das ist doch ein Geschenk für dich. Nicht für mich. Dir soll es Freude bereiten.“ Gut, dann konnte ich wenigstens entgegnen: Du wolltest ja nichts. Wohlan. Ich kaufte mit gesenktem Blick und hochgeschlagenem Mantelkragen ein rotes Negligé. Und entwickelte meine Taktik: Ich würde das Geschenk an Weihnachten in der Hinterhand haben und dann spontan entscheiden, ob ich es überreiche oder nicht.

Es wurde das schlimmste Fest aller Zeiten. Ich vermute nämlich, dass meine Frau auch etwas gekauft hatte. Jedenfalls belauerten wir einander den ganzen Abend. Es war wie ein Duell: Wer zieht zuerst? Hochspannung. High Noon. Was tun? Wir zündeten zitternd die Biokerzen an – am fair gehandelten Tannenbaum, der mit bräunlichen Olivenholzanhängern „geschmückt“ war. Aßen Tofuwürfel an Dinkel-schaum und lasen die Weihnachtsgeschichte aus der „Bibel in gerechter Sprache“. Gegen neun gingen wir wortlos zu Bett.

Und da reifte in mir der Racheplan: Morgen ist Weihnachtsbrunch bei Fröhlichs. Und ich, ich lege heimlich das Negligé unter deren Baum. Mal sehen, wie die damit umgehen.
Fabian Vogt

Illustration: Heiko Sakurai


 

erschienen in echt, 4. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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