echt selbstbewusst

Was war, was bleibt

 

„Jetzt droht bald die
Silberhochzeit...“

Richard Z.*, 51 Jahre, ist Elektroniker,
hat zwei Kinder und lebt in Scheidung.

„Wir waren 23 1⁄2 Jahre verheiratet und ich hatte keine Freundin, als ich mich von meiner Frau getrennt habe. Es war nur noch wenig da, was uns verbunden hätte. Ich hab die Ehe als Korsett empfunden. Die Sicherheit, die ich durch Job und Familie hatte, hat mich nicht ausgefüllt. Dass ich nicht früher ausgezogen war – ich hatte auch Angst vor’m Alleinsein und hab mir vorgestellt, ich komme heim und da fällt mir vielleicht die Decke auf den Kopf.“

„Ich hab dann mit meiner Frau darüber gesprochen. Man kann sagen, in der Beziehung war schon länger eine Krise. Wir waren in einer Eheberatung zusammen und die war gut und der Therapeut sagte, überlegen sie sich das in Ruhe mit der Trennung. Denn die Frage ist, was ist dann? Häufig fehlt ein Entwurf für das Leben danach. Den hatte ich zu der Zeit auch nicht. Wir haben uns gesagt, o.k., für ein Jahr nehmen wir uns die Zeit. Das Komische war, wir haben offener zusammen geredet, wie je zuvor.“

„Dann wurde mir klar, es ist keine Grundlage mehr da, und bin ausgezogen. Uns hat unser kirchliches Engagement und die Erziehung unserer beiden Kinder verbunden. Was mir im Nachhinein aufgefallen ist – ich bin im selben Monat ausgezogen wie unser Jüngstes. Ich glaube, das lag daran, dass ich das Gefühl hatte, so die Kinder sind aus dem Haus und jetzt kannst du auch gehen.“

„Was andere dazu sagen, war für mich nicht entscheidend. Schuldgefühle hatte ich weniger. Klar hatte ich überlegt, kannst du das so machen? Die Frau nicht berufstätig und allein zu Haus? Aber es geht um mein Leben.“

„Vom Typ sind wir sehr unterschiedlich und im Nachhinein hab ich gedacht, ich hätte sie nie heiraten sollen. Wir hatten uns verlobt und dann war unser Sohn unterwegs. Kurz vor der Hochzeit habe ich mit einem guten Freund gesprochen und der sagte, wenn du das Gefühl hast, es ist nicht richtig, sag die Hochzeit ab. Aber die moralische Verantwortung war stärker. Eigentlich aber hatte ich einen anderen Lebensentwurf, wollte durch die Welt ziehen und meine Dinge tun.“

„Bei der Perspektive, jetzt droht bald die Silberhochzeit, dachte ich, das willst du nicht mehr erleben. Jetzt willst du mal dein eigenes Leben leben. Auch auf die Gefahr hin, dass ich auf die Schnauze falle, mich hinterher nicht glücklicher fühle als vorher. Klar gab es Zeiten, in denen es mir gar nicht gut ging. Aber nachdem ich meine kleine Wohnung eingerichtet hatte, war da so ein euphorisches Gefühl.“

„Ich werde älter und möchte noch einmal das Gefühl haben, aktiv zu leben. Nicht nur zu funktionieren. Mein Vater hat sich scheiden lassen als Rentner. Vielleicht hab ich vieles ähnlich gemacht wie er. Seine Ehe schien nach außen immer ruhig und gut.“

 

„Mach ich’s oder
mach ich’s nicht?“

Angelika F.*, 46 Jahre, kündigte vor drei Jahren in einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung als stellvertretende Geschäftsführerin.

„Mein Beruf hat mir extrem viel Spaß gemacht. Und wenn ich gedurft hätte, wie ich gewollt habe, wäre ich da auch heute noch.“

„Mein Chef war der klassische Mann, der über die Funktion gut war. Und hat über die Funktion gelebt. Er ist jetzt in Rente und nichts mehr. Er hat extrem mit mir konkurriert. Frauen sind außerordentlich fleißig, arbeiten tierisch. Das hat er abgesaugt und wenn er spürte, jetzt beginnt die, mich zu überholen, kam der Hammer.“

„Meine Perspektive habe ich immer selbst bestimmt: Ich kann eigentlich mehr als das, was die mir erlauben. Und das war der Auslöser zu sagen, es kann nicht sein, dass ich mich so domestizieren lasse. Es hätte nur die Perspektive gegeben – ich bleibe auf einer sehr gut bezahlten und renommierten Funktion und richte mich da ein. Und sehe in ihren Augen und ihrem Körper die Lethargie.“

„Ich habe bestimmt drei Jahre permanent über Kündigung nachgedacht – mach ich’s oder mach ich’s nicht? Und extrem Existenzangst gehabt. Es ist auch eine Frage des eigenen Emanzipationsverständnisses. Ich habe immer mein Geld verdient und musste nie um welches fragen. Mich nach 20 Jahren in Abhängigkeit von meinem Mann zu begeben? Nein. Dazu hörte ich meine Mutter sagen, ‚du bist ja bekloppt...‘. Und meinte, ‚das Kind ist anders und will immer das, was es nicht gibt‘.“

„Ich hatte Angst vor’m Scheitern meiner noch nicht mal konkret ausgearbeiteten Geschäftsidee. Ich hatte Assoziationen für’s Beginnen. Ich bin ehrgeizig und wollte Erfolg haben. Und hatte Angst vor’m alten Arbeitgeber, der beobachten würde, wenn ich scheitere.“

„Mein Mann hat schon gesehen, wie ich bis hin zu depressiven Phasen leide. Oder einfach nur zu machte. Als Selbstschutz. Oder aber mit Energie mich so abarbeitete an der Geschichte, wie der Arbeitgeber es gar nicht wert war. Diese Leidensvarianten hat er mitgelebt und mich unterstützt: ‚Hauptsache, du wirst wieder anders und kommst da raus aus diesem Loch‘.“

„Die Menschen dagegen, die ich im Beruf beobachtet habe, waren extreme Zyniker geworden. Und das wollte ich nicht werden. Mein Bleiben hätte das aber zur logischen Konsequenz gehabt, denn anders hätte ich es nicht ertragen.“

„Ich hatte für etliche Leute Personalverantwortung und die haben meine Überlegungen nicht mitgekriegt. Die haben auch gelitten und wären frustriert gewesen. Ich habe in Form von Trauer, weil ich weggegangen bin, viel positive Rückmeldung erhalten von Frauen. Das hat mir sehr gut getan.“

„Die haben denselben Traum, dieselbe Hoffnung, aber die haben auf der privaten Seite andere Voraussetzungen und werden es nicht können. Insofern hat es mir leidgetan. Aber die konnten mich gut verstehen.“

Es gibt Zeiten, da hält man inne. Lässt Vergangenes Revue passieren; vergegenwärtigt sich, was weiter mitzutragen lohnt; was man liegen lassen möchte. Was der Antrieb und was das Ziel ist: Lebensabschnitte. echt sprach mit drei Menschen, die unterwegs sind.

 

...dass mich andre
für den Opa halten“

Harald M*, 56, Abteilungsleiter, wird wohl noch einmal Vater.

„Natürlich kenne ich die hämischen Bemerkungen. Vielleicht habe ich früher selbst so geredet. Wenn sich alte Männer mit jungen Frauen zusammentun: „Der ist doch so alt, dass er ihr Vater sein könnte!“ „Was muss der sich denn damit beweisen? Dass er attraktiver ist als jüngere Männer?“ „Wahrscheinlich hat er Probleme, mit gleichaltrigen, selbstbewussten Frauen klarzukommen.“

„Und dann ist es passiert: Ich, Anfang 50 und verwitweter Single, hatte mich bis über beide Ohren verliebt – und sie war fast zwanzig Jahre jünger. Was sollte nun werden? Eine innere Stimme klang sehr vernünftig. Die sagte: Unterschätze das Problem mit dem Altersunterschied nicht! Lass die Finger von einer längeren Beziehung. Überleg doch mal: Wenn sie so alt ist, wie du jetzt, dann bist du schon jenseits der 70! Kann das gut gehen? Und daneben gab es dann auch die andere Stimme, die sagte trotzig: Ich bin doch nicht verrückt und kämpfe nur wegen dieses Abstands gegen diese Liebe an! Ich laufe doch nicht vor den dummen Bemerkungen aus dem Freundeskreis und in der Nachbarschaft davon.“

„Das liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück. Wir sind längst verheiratet und führen eine wunderbar glückliche Ehe. Die hämischen Bemerkungen waren schon seltener geworden und irgendwie leiser. Aber jetzt ist alles wieder wie am Anfang. Denn wir scheinen ein Kind zu bekommen. Es ist noch nicht ganz sicher, ob meine Frau schwanger ist. Aber es sieht alles danach aus. Eigentlich ja ganz normal: Frau und Mann, verheiratet und immer noch verliebt, kriegen ein Kind. Aber das innere Karussell dreht sich wieder. Bist du nicht viel zu alt dafür? Spätestens, wenn dein Kind in die Pubertät kommt, wirst du alter Mann ihm furchtbar peinlich sein. Will ich mir und kann ich einem Kind das zumuten, dass andere mich für seinen Opa halten? Und nicht zuletzt so eine Art medizinische Hochrechnung: Mit deinem arthritischen Knie kannst du doch jetzt schon nicht mehr richtig laufen. Wenn sich nun dein Kind in zehn, zwölf Jahren eine gemeinsame Radtour von dir wünscht? Oder dass du mal mit auf den Tennisplatz gehst? Schaffst du das noch mit deinen 70 Jahren, die du dann auf dem Buckel hast?“

„Mein Gott, ist das Leben manchmal kompliziert! Da wird so etwas Wunderbares wie das Entstehen eines neuen Menschenlebens, die ‚Frucht der Liebe‘, wie man so schön sagt, zu einem Problem! Eigentlich sollte man sich doch darüber aus tiefstem Herzen einfach freuen können. Stattdessen wägst du ab, zauderst, ziehst in Zweifel, rechnest hoch. Am Schluss wirst du ganz trübsinnig. Ich habe mich jetzt entschieden, das ganze Problem Gott auf den Tisch zu legen: ‚Wenn wir uns für dieses Kind entscheiden, dann nicht ohne dich‘ – so ungefähr. Irgendwie könnte das die Lösung sein. Mal sehen.“
Aufgezeichnet von: Redaktion echt

Sämtliche persönlichen Angaben wurden zum Schutz der Intimsphäre geändert.


erschienen in echt, 3. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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