echt Glaube

Schmetterling


Wenn die Raupen wüssten, was einmal sein wird wenn sie erst Schmetterlinge sind, sie würden ganz anders leben: froher, zuversichtlicher und hoffnungsvoller.

Der Tod ist nicht das Letzte. Der Schmetterling ist das Symbol der Verwandlung, Sinnbild der Auferstehung.

Das Leben endet nicht, es wird verändert. Der Schmetterling erinnert uns daran, „dass wir auf dieser Welt nicht ganz zu Hause sind“.

Heinrich Böll, 1917 - 1985

Wenn Raupen wüssten ...

Als junge Frau war die spätere Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross 1947 einmal im Konzentrationslager Majdanek. Sie besichtigt das Lager, in dem wenige Jahre zuvor zahllose Menschen umgebracht wurden. Wie sie selbst später berichtet, entdeckt sie dort, dass Häftlinge, offensichtlich Kinder, auf einer Wand Bilder von Schmetterlingen eingekratzt hatten. Schmetterlinge im KZ?

Fantastisch bunt und leicht
Vielleicht war es nur die Erinnerung an sonnige Sommertage auf blühenden Wiesen, die sie hier im Lagerleben festhalten wollten. Vielleicht auch die verrückte Sehnsucht, sich mit einem leichten Flügelschlag dem Wind anvertrauen und sich über den Stacheldraht davontragen lassen zu können. Für Elisabeth Kübler-Ross ist es noch mehr. Sie sieht in den Schmetterlingen von Majdanek Symbole der Hoffnung auf ein Leben nicht nur jenseits des Lagers, sondern auf ein Leben nach dem Tod.

Schon immer haben sich Menschen verwundert die Augen gerieben, wenn aus der trägen Raupe auf geheimnisvolle Weise ein fantastisch bunter, leichter Flieger wird. Es ist kaum zu glauben, wie das möglich ist, zumal überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen der einen und der anderen Existenz besteht. Ist diese Verwandlung des auf der Erde kriechenden Tieres in eine fast unkörperliche flüchtige Erscheinung nicht möglicherweise ein Hinweis, dass auch der Mensch...? Wenn der Raupe Flügel wachsen, sie also eine weitere Dimension dazugewinnt, dann kann das doch auch uns Menschen blühen. Dass wir in und nach dem Tod eine weitere Dimension erleben, die uns alles Erdenschwere vergessen lassen wird. Der Tod wäre dann nicht mehr das Letzte. Wie sich die Raupe in den starren und unansehnlichen Kokon verpuppt, aus dem danach wie durch ein Wunder der Schmetterling schlüpft, wäre auch unser Sterben nichts weiter als ein Übergang in ein verwandeltes Leben. Und Jesus hat recht, der über dieses andere, jenseitige Leben der Menschen sagt: „Wenn sie von den Toten auferstehen werden, so werden sie wie die Engel im Himmel sein!“ (Markus, 12, 25). Werden also weder Mann noch Frau sein, weder jung noch alt, sondern in einem neuen, uns unbekannten Zustand existieren, eben wie Engel.

Durch die enge Pforte
Was wir uns an Bildern für diese Verwandlung ausdenken können, sind höchstens Hilfskonstruktionen. Während manchen das Bild des Schmetterlings passend erscheint, liegt anderen der Vergleich mit der menschlichen Geburt näher. Zum Beispiel Martin Luther. Sterben, sagt er, ist wie geboren werden. Er nennt den Tod die „enge Pforte“, durch die wir im Sterben hindurch müssen, so wie wir damals bei der Geburt in die Welt hinaus gepresst wurden. In beiden Fällen wird uns eine unbekannte Existenzweise zugemutet, schrecklich und schön zugleich. Elisabeth Kübler-Ross nimmt das Bild Luthers auf. „Das Sterbeerlebnis ist fast identisch mit der Geburt. Es ist eine Geburt in eine andere Existenz... Der körperliche Tod ist mit dem Geschehen identisch, wie wir es bei dem Heraustreten des Schmetterlings aus dem Kokon sehen können.“

Himmlische Dimensionen
Das Bild vom Schmetterling als hoffnungsstarkes Symbol der Auferstehung – schon im Mittelalter hat es Darstellungen gegeben, die das Kreuz und den Schmetterling miteinander verbunden haben. Auch im Osten des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg sind Grabsteine mit Schmetterlingsornamenten versehen – um ein Beet voller Stauden und Blüten angeordnet, die im Sommer ungezählte lebendige Schmetterlinge anziehen. Das alles soll daran erinnern, dass im Tod nicht das Ende gesehen werden muss, sondern der Anfang der Verwandlung in ein neues anderes Leben.

Helwig Wegner-Nord

 

Pfarrer Helwig Wegner-Nord leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Frankfurt.

Foto: Rolf Oeser

Und diese Erinnerung ist nötig. Denn Raupe wie Mensch haben ein Problem. Sie wissen nicht, was aus ihnen einmal wird. Sie überblicken nur den Zeitraum bis zu dem, was sie für ihr Ende halten, den Tod, die Verpuppung. Was dann folgt, bleibt so lange ein Geheimnis, bis es selbst erlebt wird. Wenn wir aber darauf vertrauen, dass uns dann eine neue Existenz in himmlischen Dimensionen erwartet, dann können wir, wie der Schriftsteller Heinrich Böll es beschreibt, anders leben: froher, zuversichtlicher, hoffnungsvoller.

 Helwig Wegner-Nord


erschienen in echt, 3. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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