echt geschmackvoll

Der Pulli

Mein Lieblingspulli kratzt. Seit längerem schon. Außerdem bilden sich am Kragen neuerdings diese, na, wie heißen die? Knötchen? Fusseln? Pusteln? Egal. Klar ist: Ich habe meine besten Jahre noch vor mir, der Pulli hat sie hinter sich. Auch wegen des kleinen kaminroten Flecks auf der Brust, der selbst hartnäckigen Fleckenmitteln nicht weichen will.
Pfarer Fabian VogtFabian Vogt ist Pfarrer und Schriftsteller
und liebt Geschichten.

Andererseits: So einen Pulli finde ich nie wieder. Der passt einfach zu mir. Auch ohne Farb- und Stilberatung. Der lässt mich schlank, elegant und gesund aussehen. Nein, ich sollte wohl besser sagen: Der hebt meine Schlankheit, Eleganz und Gesundheit hervor. In einer Art wollener Symbiose. Wir haben uns miteinander vertraut gemacht und ergänzen einander vollkommen.

Sei ein bisschen mutig!
Ergänzten! Bis meine Frau sagte: „Das alte Teil kannst du bei Gelberts nicht anziehen.“ Augenblick mal! Was verstehen Gelberts denn von Mode? Guck die doch mal an! Aber bitte. Dann muss eben ein anderer her. Fahrt ins Einkaufszentrum.

Herrenabteilung. Meine Frau bemerkte schon vor einiger Zeit erstaunt: „Beim Einkaufen zeigst du deine femininen Seiten.“ Ist das eine Beleidigung oder ein Lob? Ich weiß es nicht. Ich lasse mir gern Zeit beim Auswählen. Gerade jetzt. So ein Pulli ist schließlich eine Philosophie, kein Gebrauchsgegenstand. Kleider machen Leute. Und Pullis verkörpern Charaktereigenschaften. Darum ist ein Kaufhaus zugleich ein Markt für Persönlichkeiten. Hier will weise gewählt sein.

Zum Beispiel dieser rötlich karierte Pulli da. Um nichts in der Welt würde ich so ein Teil jemals anziehen. Na, das war klar: Worauf steuert meine Frau als erstes zu? Auf dieses alberne rote Ding: „Hier probiere mal, der wirkt sportlich.“ Ich bin nicht sportlich. „Wäre aber nicht schlecht, wenn du es wärst.“ Was geht denn hier ab?

„Sei doch nicht gleich beleidigt.“ Das sagt sie, die jedes Mal... „Du trägst immer solche bie-deren Farben. Nimm doch mal was Fröhliches, was Freches, was Frisches. Sei ein bisschen mutig. Brich aus den Gewohnheiten aus. Das steht dir. Du wirst sehen, du fühlst dich damit wie ein anderer Mensch.“ Na und? Will ich das? Habe ich in irgendeiner Weise angedeutet, dass ich mit mir nicht zufrieden bin? Ich mag mich. Und wenn sie mich nicht mag, warum hat sie mich geheiratet?

Also, bitte nicht gelb. Alles, aber nicht gelb. Kein Mann, der ein Mann sein will, kann einen gelben Pulli tragen. Ich bin kein Kanarienvogel. Die Kollegen werden mich auslachen. Der Chef wird mir kündigen. Und du kennst doch die Schmitz. Die lästert über jeden. Obwohl. Vielleicht findet sie mich auch keck. Frech? Will ich frech sein? Wer weiß: Eventuell wird man gerade in so einem Pulli befördert.

Hier, was hältst du von diesem hier, mit dem warmen irischen Muster? Da wirke ich so... natürlich. Entspannt. Gelassen. Das wäre ich manchmal gern. Was heißt hier: „Aha!“ Ich habe das nur so dahin gesagt. Nein, keine Midlife-Crisis. Es ist eben viel Stress im Augenblick. Das weißt du doch. Und da wäre ich gerne etwas entspannter... Ach, vergiss es.

Lieber doch der Alte?
Zuhause. Ich. Ich. Ich habe keinen Pulli gekauft. Das überfordert mich. „Du musst dir vorher überlegen, was du eigentlich willst.“ Hat meine Frau spitz bemerkt. Was weiß ich denn vorher, welche Pullis es gibt? Da fällt mir ein: In meinem Lieblingspulli müsste die Firma stehen. Vielleicht haben die ja das gleiche Modell noch mal. Außerdem: So sehr kratzt der alte gar nicht. Diese Knötchen, die kann man abzupfen. Der Fleck ist kaum zu sehen. Mikroskopisch klein. Und Gelberts... Gelberts haben ohnehin keinen Geschmack.

Fabian Vogt


 


erschienen in echt, 3. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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