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echt hingeschaut

Zukunft mit Zweifeln
Zukunftsfragen können quälend sein. Was will ich, was kann ich, wer nimmt mich -überhaupt? Stimmungsbilder aus einem Workshop mit Jugendlichen. Momentaufnahmen von Gefühlen, Gedanken und neuen Ideen. Aus einer Altersstufe, in der manches extrem ist, auch extrem wechselhaft.
Christian zum Beispiel. Er fragt sich, ob er nach der Schule einen vernünftigen Job bekommt. Am liebsten ginge er ja zur Bundeswehr, wie der Vater, wie der Onkel. Aber er glaubt, „die werden mich nicht nehmen“. Gesagt hat das keiner. Aber er hat Angst vor der sportlichen Eignungsprüfung. Er ist kräftig. Aber nicht sportlich. Und die verlangen viel. Was genau, weiß er nicht.
Oder Sabrina, 15 Jahre, neunte Klasse Realschule. In einem Jahr muss sie wissen, wie es weitergeht. Selbsteinschätzung? „Ich weiß, dass ich was erreichen kann, aber ich weiß auch, dass ich irgendwie faul bin. Den inneren Schweinehund muss ich ziemlich oft überwinden.“
Oder Sascha, 18 Jahre, elfte Klasse. Er hätte Lust, die Schule zu schmeißen. Er spielt Golf, so gut, dass er fast die Ausbildung zum Golf Professional machen könnte. Ein guter Schüler ist er nicht, dafür Klassensprecher. Er sagt Sätze wie:„ Ich denke viel über Klima nach, über weltbewegende Sachen. Ich finde es unfassbar, dass man sich abfindet mit bestimmten Dingen. Dass die USA dieses Gefängnis in Guantanamo Bay haben.“ Schule macht keinen Spaß. Aber Aussteigen wäre vielleicht ein Fehler.
Was kann ich eigentlich?
Viel Zweifel ist mit im Raum beim Workshop „Ego tomorrow“. Den Titel haben die Jugendlichen selbst gewählt. Es geht um ihre Zukunftspläne. Sie besuchen die Realschule, das Gymnasium oder eine berufsbildende Schule. Sie sind 15 bis 18 Jahre alt. Und sie suchen Orientierung. Sie sind unsicher, was ihre Aussichten betrifft, und ihre Fähigkeiten. Die Frage ist ja: Was kann ich – und was macht mir Spaß? Und was für ein Beruf passt zu mir? Unter Fähigkeiten verstehen viele nur das, was in der Schule zählt. Alexander stellt fest: „Ich hatte ganz vergessen, wie kreativ ich bin. Ich denke mir Computerspiele aus. Die zeichne ich dann.“ Kolja ist Übungsleiter beim Kinderturnen. „Ach so, ist das eine Fähigkeit?“
Ich geh jetzt mal los
Ein Workshop, eine Begegnung, eine neue Erfahrung können Weichen stellen. Der Zufall spielt mit. Monate später: Sabrina hat sich schlau gemacht, was man „mit Biologie“ so werden kann. Denn Bio macht sie gern. Ein Praktikum im Labor war bald gefunden. „Aber wo ich war, da musste man Tierversuche machen, mit Mäusen, und das könnte ich gar nicht.“ Das war das Aus für den Berufswunsch „mit Biologie“. Ein Praktikum bei RTL SHOP brachte neue Erkenntnisse. „Ich habe gemerkt, dass ich kein visueller Mensch bin, sondern mehr mit dem Gehör, mit Tönen arbeiten möchte. Toningenieurin wäre was für mich. Ich hab mich erkundigt, Physik kann ich sowieso und so viel Mathe braucht man gar nicht.“
Christian, der vom Bund träumte, hat sich informiert, was genau verlangt wird bei der Aufnahmeprüfung im Sport. Er hat jetzt einen Fitnessplan und einen Freund, der mitmacht. Er träumt nicht mehr, er hadert nicht. Er geht jetzt mal los. Dann wird man sehen.
Sascha, der Golfcrack, hat ein halbes Jahr später völlig umdisponiert. Statt die Schule zu schmeißen, will er nun richtig einsteigen. Er wiederholt freiwillig die elfte Klasse, will „sehr viel mehr zu tun“ und ein richtig gutes Abi machen. „Ich möchte in Spanisch zum Beispiel ’ne Eins haben.“ Ja, es gab Ärger zu Hause. Ist doch klar. Aber in der neuen Klasse wartete schon der beste Freund. Und wieder-holen „– das hat was von neu anfangen“. Der Golfplatz läuft nicht weg.
Sentimental ist jeder mal
Zukunft mit Zweifeln, Wechselbäder inklusive. „Kürzlich war ich mit einem Freund zusammen, wir haben es uns gut gehen lassen, Wasserpfeife geraucht, ein Bier getrunken. Ich werd ganz sentimental und sag zu meinem Freund: ,Mensch, André, was soll bloß aus mir mal werden?‘ So Momente gibt’s dann auch mal. Aber das hat ja wohl jeder, oder?“
MARIE LAMPERT
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