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Schon immer war ich erklärter Sachbuch-Fan. In unserer Familie war das einfach üblich: Wenn man ein Problem hatte, guckte man erst einmal in ein Buch. Wie man einen Detektorempfänger baut, erfuhr ich aus „Elektronik in Bildern“, für leichtere Erkrankungen gab es das „Große Handbuch Ho--möopathie“, das Auto wurde mit Hilfe von „Jetzt helfe ich mir selbst“ repariert, Einzelheiten über das Küssen lernte ich wie viele meiner Generation aus der „Bravo“.
Hilfe aus Buch oder Zeitschrift ist – verglichen mit mündlichen Ratschlägen – herrlich exakt und solide: Ich kann so lange nachlesen, bis ich es verstanden habe. Ein Buch lässt maximale Freiheit: Ich kann es so machen wie beschrieben – oder auch nicht. Helfende Menschen sind womöglich beleidigt, wenn ich ihren Rat nicht exakt umsetze. Eine Garantie, ob der Rat stimmt – den gibt es weder beim Buch noch beim Ratgeber aus Fleisch und Blut. Die letzte Verantwortung liegt immer bei mir, dem handelnden Subjekt.
Klar, es gibt Menschen, die lesen weder Ratgeber noch Bedienungsanleitungen, sondern probieren lieber herum oder lassen es sich von geduldigen Zeitgenossen zeigen. Sie besuchen Kurse und lassen sich trainieren. Und das führt zum allerschönsten Vorteil von Ratgeberbüchern: Niemand wird zu ihrem Kauf oder ihrer Lektüre gezwungen. |
Einige Ratgeber beinhalten durchaus gute Ansatzpunkte, versprechen aber bereits auf dem Titel eine Einfachheit, die ganz und gar nicht der Realität entspricht. Grundlegendes im Leben zu verändern erfordert harte Arbeit an der Seele und ist mit sehr hohem Aufwand verbunden. Es ist ein langwieriger Prozess, der alles andere als angenehm ist. Es gilt sich Fehler und falsche Entscheidungen einzugestehen. Praktische Tipps zur Vereinfachung reichen dazu nicht aus.
Auch wenn manche Handlungsanweisungen in Ratgebern sinnvoll sind, zielen sie nicht auf den wirklichen Kern des Problems, der in den meisten Fällen die Motivation betrifft. Wer wirklich etwas verändern möchte, muss Dinge überwinden, die oftmals sehr tief sitzen – Abwehr, Trotz oder Angst. Nur dann kann er zu einer anderen Haltung zum Beispiel in punkto Ordnungsfragen gelangen. Man kann nicht auf Knopfdruck Dinge plötzlich gelassen sehen. Zudem ist jeder in vielfältige Strukturen eingebunden, so dass die Spielräume für Veränderungen mehr oder weniger begrenzt sind.
Die Hauptmotivation, etwas zu verändern, ist in den meisten Fällen Leid – und das blenden die Ratgeber meist vollkommen aus. Zudem ist der Grat zwischen Selbsthilfe und Therapiebedürftigkeit ein schmaler. Ratgeber jedoch suggerieren, jeder könne Veränderungen selbst in die Hand nehmen. Viele Menschen schaffen dies jedoch nicht alleine, sondern nur durch professionelle Hilfe. |