echt Geburtstag

Streitbar und sensibel

An ihrem 60. Geburtstag hält sich die Evangelische Kirche
in Hessen und Nassau ausnahmsweise zurück.

Foto aus dem Buch "Bilder einer lernenden Kirche"Die Friedberger Burgkirche, wo vor 60 Jahren die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gegründet wurde, ist derzeit eine Baustelle. Weil das Dach undicht war, wurde eine grundlegende Sanierung nötig. Eine Baustelle ist zurzeit auch die EKHN selbst. Das Projekt „Perspektive2025“ soll die Kirche fit machen für eine Zukunft, in der sie aller Voraussicht nach weniger Mitglieder und weniger Geld haben wird. Nach einem breit angelegten Diskussionsprozess sollen schon im Herbst die ersten Beschlussvorschläge vorgelegt werden.

Ein Sanierungsfall ist die EKHN allerdings nicht, eine Sonderolle indes hatte sie in der deutschen Kirchenlandschaft schon immer inne. Das lag zunächst an Martin Niemöller, ihrem ersten Kirchenpräsidenten (von 1947 bis 1965). Der Hitler-Gegner und KZ-Häftling hatte auf den Bischofstitel verzichtet, weil er nach den Erfahrungen der Nazizeit keine starke Führerpersönlichkeit an der Spitze der Kirche wollte. Was er wollte, wusste er gleichwohl durchzusetzen. Im Ökumenischen Rat der Kirchen, dessen Präsident er von 1961 bis 1968 war, verhalf Niemöller dem deutschen Protestantismus nach dem Krieg zu neuem weltweiten Ansehen. Innenpolitisch blieb der streitbare Marineoffizier des Ersten Weltkriegs jedoch umstritten, vor allem wegen seiner Ablehnung der deutschen Wiederbewaffnung („Kampf dem Atomtod“) und seiner Kontakte zur Sowjetunion, die ihn mit dem Leninorden ehrte.

Für eine gerechtere Welt
Niemöllers Nachfolger (Wolfgang Sucker/bis 1968, Helmut Hild/bis 1985, Helmut Spengler/bis 1993 und nun Peter Steinacker) vermieden dagegen jegliche Polarisierung. Ihre Kirche nicht. Kaum einer Diskussion ging sie aus dem Weg. „Ein komischer Haufen Neurotiker“, formulierten Spötter die Abkürzung EKHN aus und meinten das nicht nur liebevoll.

Foto aus dem Buch "Bilder einer lernenden Kirche"In den Brennpunkt des öffentlichen Interesses rückte die hessen-nassauische Kirche zum Beispiel Anfang der 70er-Jahre im Umgang mit der Frage, ob ein Pfarrer Mitglied in der Kommunistischen Partei Deutschlands (DKP) sein könne. Während der Staat mit der Entlassung roter Lehrer und Lokführer eine gespenstische Debatte über „Berufsverbote“ lostrat, verhielt sich die Kirche fürsorglich und sensibel. Die jungen Leute mit der revolutionären Gesinnung durften bleiben. „Und sie sind alle ordentliche Pfarrer geworden“, sagt der damalige stellvertretende Kirchenpräsident Helmut Spengler heute.

Oder der Kampf für eine gerechte Welt. Mit Kirchensteuern würde der Terrorismus in Afrika unterstützt, hieß es, als die EKHN 100.000 D-Mark zum „Anti-Rassimus-Programm“ des Weltkirchenrats beisteuerte. Aber das ließ sich ausräumen. An die Beschimpfungen während ihrer Mahnwachen vor dem staatlichen südafrikanischen Reisebüro an der Frankfurter Hauptwache erinnert sich Ursula Trautwein aber bis heute. „Ihr blöden Weiber“ war noch das Harmloseste, was die Witwe des Frankfurter Propstes Dieter Trautwein und ihre Kolleginnen von der Evangelischen Frauenarbeit sich damals anhören mussten. Jeden Donnerstag standen sie dort, von 1981 bis 1993, und erinnerten an politische Gefangene, darunter der spätere südafrikanische Präsident Nelson Mandela.

Gern erinnert sich Ursula Trautwein dagegen an das Lachen des südafrikanischen Bischofs Desmond Tutu, den sie durch ihr Engagement gegen Rassentrennung und Unterdrückung kennen lernte. „Oh my Goodness – meine Güte“, strahlte der spätere Friedensnobelpreisträger die wortgewaltige Christin und ihre Mitstreiterinnen einst an, „was bin ich froh, dass ihr meine Freunde seid und nicht meine Gegner!“

Zeichen der Wertschätzung
Foto aus dem Buch "Bilder einer lernenden Kirche"Neben einer gerechten Welt setzte sich die EKHN schon früh auch für eine gesunde Umwelt ein. 1970 berief sie den Mörfelder Gemeindepfarrer Kurt Oeser zum ersten kirchlichen Umweltbeauftragten. Der erfuhr in den Auseinandersetzungen um den Ausbau des Frankfurter Flughafens in den 80er-Jahren als „Startbahn-Pfarrer“ bundesweite Bekanntheit. Oeser nennt es „seine schmerzlichste Erfahrung“, dass der Streit eskalierte und Menschen dabei starben. 20 Jahre später, als es abermals um die Erweiterung des Airports ging, moderierte er das Mediationsverfahren. Das war eine Anerkennung von Oesers Verdiensten, im Grunde aber ein Zeichen der Wertschätzung für die Kirche selbst, der das Vermitteln sehr viel mehr liegt, als selbst im Mittelpunkt zu stehen. Beispielhaft hat die EKHN dies auch durch die Aussöhnung mit Polen oder im Verhältnis zu Israel und den Juden demonstriert.

Anders als beim 50. Geburtstag sind größere Feierlichkeiten zum 60. nicht geplant. Bis zum 75. Jubiläum wird es dann in der EKHN wie gewohnt viel zu diskutieren geben. Zum Beispiel, ob eine Vereinigung mit der Schwesterkirche von Kurhessen-Waldeck Sinn macht...

Wolfgang Weissgerber

 

echt info

Homepage der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: www.ekhn.de

 

 

erschienen in echt, 3. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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