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echt Interview
„Weg von diesen irren Heiligen-Kriegs-Führern
im Westen wie im Orient“

Mit ihrem Hit „Wunder gibt es immer wieder“ startete Katja Ebstein 1970 eine international erfolgreiche Karriere. In jüngster Zeit sorgte sie durch ihre Teilnahme an der Fernsehshow „Let’s Dance“ für Furore. Über ihren gesamten Lebensweg hinweg engagierte sich die Künstlerin für andere Menschen – unter anderem mit der von ihr gegründeten „Katja-Ebstein-Stiftung“. echt sprach mit ihr über Werte, Wunder und Weltverantwortung.
Frau Ebstein, obwohl Sie vom Schlager zum Theater und dann noch zur Literatur wechselten, sind Sie in der Öffentlichkeit stets präsent geblieben. Hat das Publikum Ihre Entwicklung einfach so mitvollzogen?
Wer mich mochte, ist meine Wege mitgegangen. Ein weiteres Publikum habe ich mir auf der Schauspiel- und Musicalbühne erobert, später dann auch mit dem literarischen Entertainment. Aber die wesentlichen Entwicklungen von uns Menschen finden in der Stille statt, ohne Außenwelt, Gott sei Dank. Als es 1974 mit meinem Heinrich-Heine-Zyklus und den mir wichtigen Inhalten losging, war ich endlich bei mir gelandet. Ich konnte mir sozusagen die Literatur durch die erfolgreiche Popmusik leisten. Auf den so genannten Bekennerbühnen stand ich nun mit meiner Meinung auf dem Podium.
Hat sich da der Begriff von Unterhaltung verändert ?
Ich muss einfach immer ein mir wichtiges Thema am Wickel haben. Projekte, für die ich mich einsetzen kann. Wer darf schon als Mittler auf der Bühne mit Inhalten umgehen, die uns alle betreffen?
Haben Sie ein Beispiel ?
Wenn wir nicht anfangen umzudenken, wird uns das System des Turbokapitalismus, dem alles untergeordnet wird, eines Tages vernichten. Das Materielle frisst unser wahres Menschsein, zerstört alles Mitfühlen. Unsere Kinder werden von frühester Jugend auf materielles Denken trainiert. Mit Logik kommt man gegen diesen Zeitgeist kaum noch an. Das wäre eine Aufgabe für Kirche, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, aber die stehen unter dem gleichen Existenzstress. Am Beispiel Kirchensteuer: Ich meine, dass man ohne ein derartiges Zwangsinstrument viel mehr Engagement und Enthusiasmus mobil machen könnte bei den Menschen, die Kirche zu erhalten und was überlebensnotwendig ist für unsere Seelen. Das muss dann einfach zum Tragen kommen, dieses Stückchen Gute, das jeder in sich trägt. Der Kirchenvertrag mit dem Staat ist für mich der gravierende Fehler, der der Schiedsfähigkeit der Kirche die Souveränität nimmt.
Ist das Schwierige nicht auch, dass die Welt immer komplexer wird ?
„Das Materielle
frisst unser
wahres Menschsein.“
Richtig, und was gut und schlecht ist, wird uns immer undurchsichtiger. Seit Jahrzehnten wird in den TV-Nachrichten auf’s Brutalste gestorben. Was kann der Mensch tun, um sich angesichts der Bilder vorm Abstumpfen zu schützen? Machtlos dasitzen, die Tatsachen hinnehmen oder abschalten.
Die Jungen sind aber doch gar nicht so unengagiert...
Die nach uns Kommenden sind eigentlich der wahre Schatz unserer Gesellschaft, wenn wir ihnen bessere Fundamente bauen würden. Wenn wir ihnen keine gute Plattform bieten, sich gut entwickeln zu können, liegt es in unserer Verantwortung, wohin sie abdriften.
Gibt es eine Botschaft, die Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben möchten ?
Dass es sich lohnt, über den eigenen Tellerrand zu schauen, und dass es sich auch lohnt, in die Zukunft zu blicken. Wir leben in einer irren, aber sehr interessanten Zeit. Wenn einer was ändern kann an den katastrophalen Auswüchsen der globalen Märkte und den verheerenden Konsequenzen für die Armen der Gesellschaft, dann sind es junge Menschen mit Utopien für besseres Sein und Teilen.
Welche positiven Werte helfen in dieser Hinsicht weiter ?
Geduld und noch mal Geduld, unglaublich geduldiger Langmut, zu dem wir alle kaum fähig sind. Christus-Geduld, könnte man sagen. Er konnte das.
Von wo bezieht man die Kraft dazu ?
Jesus spielt da schon eine große Rolle. „Liebe deine Feinde“ ist so ein schwerer Weg und mein Grund, Christin zu sein. Und ich weiß, ich kann mich auf ihn verlassen, sonst könnte ich vieles nicht schaffen. Auch der Glaube an die eigene Vision, an dein Ziel muss da sein. Gott ist immer bei uns, wenn uns gute Gedanken tragen. Ich finde das beruhigend. „Liebe deine Feinde“ ist für mich der einzige Weg in eine friedlichere Zukunft, weg von all diesen irren Heiligen-Kriegs-Führern im Westen wie im Orient.
Mangelt es an Ideen in den Köpfen der Menschen ?
Nicht unbedingt. Es liegt hauptsächlich an diesem Sich-kraftlos-Fühlen als Einzelner: „Was kann ich schon tun?“ Ich kann nur bei mir selbst Veränderungen ausprobieren, die dem großen Ganzen nützen. Wenn viele das versuchten, was da für Kräfte frei würden. Es ginge um eine kolossale Gemeinschaftsleistung, ganz ohne Gurus, aber mit einem Vorbild. Ich denke da an den wunderbaren Nelson Mandela. Er hat seine Gegner mit seinem unerschütterlichen Glauben an eine gerechte Veränderung für sein Volk und mit seiner Liebe förmlich in eine andere Haltung gezwungen.
Gibt es da ein Beispiel für positive Geduld bei Ihnen selbst ?
Extrem ungeduldig bin ich natürlich in erster Linie mit mir selbst. Es gut machen wollen ist die richtige Einstellung – und nur darum geht es, nicht um Ehrgeiz. Verteilen möchte ich und dass immer viele Menschen partizipieren. Eine oft verzweifelte Situation, man weiß, wie’s sein muss, aber nicht, wie sich die Dinge umsetzen lassen, eingedenk unserer eigenen Fehlbarkeiten und Beschränktheiten.
Aber Wunder gibt es doch bekanntlich „immer wieder“...
Als ich das Lied damals aufnahm, war mir der Text zu einfach. Heute denke ich anders darüber. Für scheinbar viele Menschen hat dieser Liedtext eine große Bedeutung in Verbindung mit bestimmten Lebensumständen und ihren Erfahrungen. Irgendwie ist es auch ein gutes Gefühl über ein Lied mit Menschen in Verbindung zu stehen. Immer mehr offenbaren sich mir diese Zwischenräume zwischen
dem, was wir wahrnehmen und fassen können, und dem, was man spürt. Wir, dieser winzige Spot im Weltall, nehmen uns so grandios wichtig. Ich will schon mal glauben, dass die eine große Kraft das alles erschaffen hat. Aber da der Kosmos so endlos ist: Können wir überhaupt etwas begreifen oder kann man nur glauben wollen?
„Wir leben in einer irren, aber sehr interessanten Zeit.“
Das klingt sehr religiös...
Das gehört zu meinem Hier-und-jetzt-Sein. Ich fühl’ mich wohl in Klöstern, besonders bei den Benediktinerinnen in der Abtei St. Hildegard. Das ist ein wunderbarer Ort und du kannst dich in guten liebevollen Gesprächen wieder erden lassen. Außerdem ist Hildegard von Bingen für mich eine Jahrtausendfrau, als Vorbild bis heute aktuell als kämpferische Frauengestalt. Ich bin für die Ökumene unterwegs und würde zuerst dieses Übergreifende beschwören, obwohl die Reformation nötig war. Mit der katholischen Feierlichkeit in der Messe holt man die Menschen leichter aus dem Alltag heraus. Man sollte unprätentiöser an die Dinge herangehen, etwa wie es der Jürgen Fliege macht: Komm, wir packen’s an. Aber zum Seelsorger muss man geboren werden.
Haltungen wandeln sich – aber was bleibt konstant ?
Man kann seinen Standpunkt ändern und sich trotzdem treu bleiben. Da ist sicher ein kleiner Missionar in mir. Kämpfen wollen für Überzeugungen und Dinge, von denen ich durch kluge Geister vorgedacht weiß, dass sie für uns alle wichtig und richtig sind.
Sie haben einmal gesagt, Unterhaltung hat für
Sie etwas mit Haltung zu tun...
Ganz klar, ohne Haltung kein Charakter, und in jedem Fall authentisch bleiben. Haltung muss authentisch sein, auch wenn ich mich mit ihr in die Nesseln setze. Ich kann und will gar nicht anders.

Katja Ebstein, Jahrgang 1945, wechselte vom Schlager ("Wunder gibt es immer wieder") , und Erfolgen beim Grand Prix Eurovision De La Chanson zum Schauspiel (Dreigroschenoper, Professor Unrat, Ghetto) und engagiertem Brecht- und Heine-Programmen auf Kleinstkunstbühnen. Über 30 Alben mit Schlagern, Chansons, Kabarett oder Musical verschaffen ihr Ansehen. Ihre Popularität nutzt sie für soziale Projekte, unter anderem arbeitet sie mit der Welthungerhilfe zusammen, ist Projektpatin für Dorfentwicklung in Mali, gründete 1992 die Aktion Umwelt für Kinder und 2004 die "Katja Ebstein-Stiftung" für eine enkeltaugliche Zukunft".
Website von Katja Ebstein:
www.ebstein-shop.de
Website der Katja Ebstein Stiftung:
www.katja-ebstein-stiftung.de/
Website des Vereins Aktion Umwelt für Kinder e.V.:
www.aktion-umwelt-fuer-kinder.de/
Ist es dann ärgerlich, wenn Sie vornehmlich mit den alten Schlagern identifiziert werden ?
Ach nein, weil es schon lange nicht mehr so ist. Die Menschen, die danach fragen, haben diese Songs gern gehört und verbinden mit ihnen lebendige Erinnerungen an jüngere Jahre. Sie haben auch das Recht ihre Lieder in den Konzerten zu hören...
Zurück zum Thema „dass nichts bleibt, wie es war...“
Wir alle wissen, nichts bleibt, wie es war. Alles ist in Bewegung und wenn der Mensch sich nicht bewegen will, dann wird er bewegt. Meistens tut’s dann weh. Entscheidend ist: Wie bewährt man sich in Konfliktsituationen? Wir Menschen müssen lernen, uns selbst zu vertrauen und uns zu stellen. Es heißt einfach, den eigenen guten Wert und den des Risikos zu erkennen und für Projekte zu nutzen, an denen
viele teilhaben können.
Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: cat-music
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