echt Glaube kompakt

In der Wüste

Auf der altehrwürdigen Handelsstraße von Ägypten nach Vorderasien, die sich am Rand der Syrischen Wüste nach Norden schlängelte, herrschte nur wenig Verkehr. Die kleine Reisegruppe kam rasch voran. An den Zollstationen winkten gelangweilte Grenzer sie in der Mittagshitze weiter. Der Anführer der Gruppe brauchte nur das Siegel der Religionsbehörde in Jerusalem vorzuzeigen. Das wirkte. Die Zöllner wollten keine Scherereien mit Glaubenswächtern.

Es gibt keinen Augenzeugenbericht von dem, was dann geschah. Umso heftiger wucherten später die Spekulationen. Erzählt wird: Der Anführer der Gruppe, ein fanatischer jüdischer Religionsagent namens Saulus, habe kurz vor dem Ziel einen völligen Zusammenbruch erlitten (Apostelgeschichte Kapitel 9). Eigentlich hatte er nach Damaskus gewollt, um die Seuche dieser so genannten Christen auszurotten. Damaskus, Mutter aller Städte an der Kreuzung vieler großer Handelsstraßen. Man musste unbedingt verhindern, dass die Christen hier Fuß fassten.

Er war eine schillernde Gestalt: Geboren in Tarsus in der heutigen Türkei, jüdischen Glaubens, aber Bürger des römischen Weltreichs, gelernter Segelmacher. In der Jahrzehnte später geschriebenen Apostelgeschichte taucht er urplötzlich als Bösewicht aus dem Dunkeln auf. Wie Saulus dazu kam, „schnaubend“ vor Eifer mit „Drohen und Morden“ (Apostelgeschichte 9,1) gegen die junge christliche Gemeinde in Jerusalem vorzugehen, ist ziemlich unklar.

Aber die Berichte des Neuen Testaments sind häufig Zeitraffer. Monate-, manchmal jahrelange Entwicklungen werden auf wenige Sätze eingedampft. Auch bei Saulus war das wohl so. Die Apostelgeschichte berichtet, vor Damaskus habe er plötzlich ein Licht vom Himmel gesehen und die Stimme Jesu gehört: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Er solle nach Damaskus gehen. Dort werde man ihm sagen, was er tun solle. Blind geworden, tat er, wie ihm geheißen. In einem Haus traf er den Christen Annanias und bekehrte sich zu Jesus Christus. Wohl zwei Jahrzehnte lang verbreitete er dann die christliche Botschaft auf vielen strapaziösen Reisen im östlichen Mittelmeerraum, gründete Gemeinden und legte den Grundstein für eine weltweite Kirche. Seine Briefe, älteste erhaltene Zeugnisse des christlichen Glaubens, sind zentrale Bestandteile des Neuen Testaments.

Veränderung braucht Zeit
Erstaunlicherweise hat Paulus selbst nie auf das Ereignis vor den Toren von Damaskus Bezug genommen. Dabei wäre das der Clou gewesen: den Gemeinden zu erzählen, wie er von Jesus buchstäblich überwältigt wurde. War es ihm nicht so wichtig – oder war vielleicht alles doch etwas anders? Sicher ist nur: Aus dem stolzen und frommen Juden mit dem ehrwürdigen israelischen Königsnamen Saulus wurde ein Mann, der allen Stolz abgelegt hatte und allein Christus dienen wollte. Er selbst benutzte später nur seinen lateinischen Zweitnamen: „Paulus“ – der Kleine.

Dr. Joachim Schmidt








Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Die Formulierung „Vom Saulus zum Paulus“ und das „Damaskuserlebnis“ sind sprichwörtlich für eine schlagartige und vollkommene Wende in einem Menschenleben geworden. Aber nach aller Erfahrung läuft das Leben meistens nicht so. Die abrupten Wendungen, der große Knall, die tiefe Erschütterung, wie sie die Damaskus-Geschichte mit viel Sinn für dramatische Pointen berichtet, sind selten. Veränderungen, gerade, wenn sie in die Tiefe gehen, vollziehen sich langsam, brauchen viel Nachdenken und vorsichtige Schritte in eine neue Richtung, brauchen Zeit.

Vieles spricht dafür, dass es bei Paulus ähnlich gewesen sein könnte. Vielleicht hat sein neues Leben ja wirklich in Damaskus begonnen, als über Wochen und Monate in Gesprächen mit anderen Christen der Glaube an Jesus Christus in sein Herz kam. Das wäre einleuchtend – und näher am wirklichen Leben als die 180-Grad-Kurve, die sowieso kaum einer schafft.

Joachim Schmidt


erschienen in echt, 3. Quartal 2007
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