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echt Glaube kompakt

Mit einem Zischen erlosch die letzte Fackel. In heiligem Schauder erstarrte die kleine Schar der Gläubigen. Eine dumpfe Stimme aus dem Dunkel schien von allen Seiten zu kommen. Worte waren kaum zu verstehen. Das hatte ihnen der Priester, der sie um Mitternacht ins Heiligtum eingelassen hatte, bereits gesagt. Die Gottheit ließ sich nicht herab, in der Sprache einfacher Menschen zu reden. Es war mehr ein Dröhnen und Gurgeln, dann wieder ein Raunen und Wispern, unterbrochen von tiefen Schlägen wie von einer riesigen Trommel. Wenigen schien es gegeben, zu verstehen.
Menschen hören die göttliche Stimme – seit undenklichen Zeiten ist versucht worden, diesem uralten Menschheitstraum technisch nachzuhelfen. Mit Schalltrichtern, elliptischen Gewölben, allerlei Taschenspielertricks, auch bewusstseinserweiternden Drogen oder Gasen wie beim berühmten Orakel von Delphi in Griechenland. Aber immer waren es menschliche Stimmen und ihre Auftraggeber wollten nur eines: Gott oder die Götter für die eigenen, meist sehr irdischen Ziele benutzen. Das ist die eine Seite.
Die andere: Alle großen Religionen berichten von Träumen, Visionen und Erfahrungen des Glaubens, die weit über den menschlichen Bewusstseinshorizont hinausgehen und sich auch nicht so einfach als religiöse Verbrämung irdischer Interessen abtun lassen. Denn sie setzten nicht schlicht die alten Verhältnisse fort oder bestätigten sie, sondern mit ihnen fing etwas ganz Neues an.
Quer zu den Verhältnissen
Die Geschichte des jüdischen Glaubens beginnt mit der Stimme Gottes, die den Mann Abraham im Lande Haran, heute im Irak, erreicht. Sie weist ihn an, seine gesicherten Lebensverhältnisse aufzugeben und mit seinem ganzen Hausstand ins Ungewisse fortzuziehen. Er soll zum Stammvater eines großen Volkes werden (1. Buch Mose, Kap. 12). Ein hochriskantes Unternehmen, auf das sich Abraham nur einlässt, weil er sich sicher ist, dass Gott zu ihm gesprochen hat. Kühle Kalkulation einer Lebensplanung sieht anders aus. Aber Gottes Wege folgen eben meist anderen Kriterien als menschliche Verhältnisse.
Die Liste der biblischen Beispiele durchzieht die wechselvolle und tränenreiche Geschichte des Volkes Israel bis hin zu Jesus aus Nazareth, der im Namen Gottes zu den Ausgestoßenen ging, bis ihm die alarmierte Politik blutig das Handwerk legte.
Irdische Bilder am Himmel
Kritische Zeitgenossen bringen gerne einen Mann ins Spiel, der sich vor 150 Jahren scharfzüngig anschickte, dem Glauben an Gott den Garaus zu machen: den Philosophen Ludwig Feuerbach (1804–1872). Für ihn war Gott nichts anderes als eine Übertragung menschlicher Sehnsüchte an den Himmel. Feuerbach kannte noch keinen Projektor, aber so hat er sich das vorgestellt: Die Menschen werfen ihre eigenen Bilder auf eine Art himmlische Leinwand und erklären sie zum Wort oder Willen Gottes. Eigentlich wie bei den Kammern und Schalltrichtern der Antike. Gott als Produkt menschlicher Erfindungsgabe.
Von Gottes Gnaden
Nun lebte Feuerbach in einer Zeit, in der besonders die vielen kleinen europäischen Fürsten nichts lieber taten, als ihre jeweilige Macht mit dem Willen Gottes zu begründen, und sie spannten die Kirchen und ihre Prediger nach Kräften für diese Botschaft ein. So gelangte auch das „Gott mit uns“ auf die Koppel deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen. An allen Fronten wurde für den eigenen Sieg und die Vernichtung des Gegners gebetet und jeder militärische Sieg als das Handeln Gottes für die eigene gerechte Sache ausgegeben. Später galt es, mit Gottes Hilfe und allen Mitteln in Europa und Fernost den atheistischen Kommunismus zu bekämpfen, und in jüngster Zeit die „Achse des Bösen“ und gewisse „Schurkenstaaten“. Und immer wieder wurde für solche politischen Ziele der Wille Gottes notfalls mit öffentlichem Gebet ins fromme Schlepptau genommen – und sei es für den Kampf ums Öl.
Prächtige Projektionen
Wo Feuerbach Recht hat, hat er Recht. In solch durchsichtigen Konstellationen ist es ganz wichtig, den frommen politischen Blick nach oben schnell zu durchschauen und die dahinterstehenden menschlichen Interessen wahrzunehmen. Dann wird klar, welch prächtige Projektionen hier von interessierter Seite immer wieder publikumswirksam gen Himmel gerichtet werden.
Umkehr statt Absegnen
Aber Feuerbach hat etwas Wichtiges übersehen: Nach uraltem Wissen des jüdischen und des christlichen Glaubens hat es den Menschen selten gefallen, wenn Gott wirklich zu ihnen sprach. Die Propheten der hebräischen Bibel, des Alten Testaments, konnten davon ein vielstimmiges Klagelied singen. Das Absegnen bestehender politischer Pläne war genau ihre Sache nicht. Sie hatten in Gottes Auftrag zur Besinnung zu rufen, zur Umkehr, notfalls auch mit finsteren Drohungen, und das nicht selten unter Lebensgefahr. Menschliche Projektionen waren das gerade nicht.
Davon ist viel zu lernen. Denn es ist die Antwort auf eine unendlich wichtige Frage: Wie kann ich im eigenen Leben die Stimme Gottes von den vielen menschlichen Stimmen mit frommem Zungenschlag unterscheiden?
Drei Gründe zur Vorsicht
Misstrauen ist nötig, wenn das vermeintliche Wort Gottes dazu dienen soll, die Starken noch stärker und die Schwachen noch schwächer zu machen – erst recht, wenn man selber schon zu den Starken gehört. Wenn etwa ein Christ wirtschaftlichen Erfolg als Beweis für den Segen Gottes und göttliche Zustimmung interpretiert, dann ist das aus meiner Sicht ein klarer Fall aus dem Kapitel Projektion.
Vorsicht bei allzu großer Übereinstimmung mit den persönlichen Hoffnungen. Wer sagt denn, dass diese Hoffnungen nicht kurzsichtig und selbstsüchtig sind? Die Wege Gottes sind oft anders und sie umfassen nicht nur die hellen Seiten des Menschenlebens. Oft wird erst sehr viel später klar, warum Schmerzen, Trauer und Verlust auch ihren geheimen Sinn hatten.
Allergrößte Vorsicht ist angebracht, wenn das vermeintliche Wort Gottes mit den eigenen Zielen ganz wunderbar übereinstimmt. „Deus vult – Gott will es“, schrieen die christlichen Kreuzfahrer vor neunhundert Jahren, während sie Hunderttausende niedermetzelten. Die islamischen Selbstmordattentäter der AlQaida sehen das heute vermutlich genauso. Doch es geht ja gar nicht um den Willen Gottes, sondern um brutale irdische Macht.
Der Maßstab
Christen glauben, dass Gottes Wort aus der Geschichte des jüdischen und des christlichen Glaubens in der Bibel bis heute lebendig ist und wirksam werden kann. Wer die Bibel liest, beginnt Gottes Wort zu hören. Es findet sich in Geschichten aus grauer Vorzeit, in menschlichen Schicksalen mit Verzweiflung und Hoffnung, mit Großmut und Niedertracht.
Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
In den Liedern der Psalmen voll tiefster Lebenserfahrung und in den Berichten vom Leben Jesu, der die Botschaft von der Liebe Gottes mit dem Tod bezahlte und als Einziger ins Leben zurückkehrte. Und das liefert den Maßstab für die Frage nach dem Wort Gottes: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen.
Joachim Schmidt
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