echt kommunikativ

    Small Talk — das Nadelöhr

Small Talk ist die Kunst, ins Gespräch zu kommen. Eine leichte, eine schwere Übung – wie man’s nimmt.
echt hat Small Talk ernst genommen, liebevoll betrachtet und eingehend befragt.

In der großen Familie der Kommunikation ist Small Talk das Nesthäkchen. Die Eltern unentschlossen. Wie nennt man das Kind? Weil Doppelnamen gerade in sind, nennen sie die Kleine Small Talk. Eine Schönheit ist sie nicht. Aber aus Small Talk wird ein kluger Clown, ein smarter Schelm, eine freche Göre, die eine steile Karriere macht.

Der Schlüssel zum Menschen
Man schreibt wissenschaftliche Aufsätze über sie und Ratgeber, hält Seminare ab, im Management ist sie eine große Nummer. Ohne sie geht gar nichts – keine Karriere ohne Small Talk – aber vieles geht ohne sie daneben. Wer Small Talk verachtet, steht bei jeder Feier einsam mit dem Weinglas im Raume, schweigt und schwitzt. Mit Small Talk lernt man Menschen kennen, weil sie der Schlüssel zum Menschen ist. Gerne stellt sie Fragen: „Woher kommen Sie? Woher kennen Sie den Gastgeber? Aus Tübingen? Sie haben zusammen studiert?“

Small Talk liebt alle Themen, wenn sie nur small bleiben: das Wetter und das Reisen mit der Bahn. Die Kräuter auf dem Balkon, die ganz leicht zu anderen schmalen Themen führen: Würzen, Kochen, Essen. Reden über Kinder mag Small Talk, Schulthemen gegenüber ist sie nicht abgeneigt – aber alles bitte ohne Streit. Eines ihrer Erfolgsgeheimnisse ist Hinsehen und Zuhören – plaudern lässt sich schließlich über alles.

Auf Small Talk ist man angewiesen. Überall. Beim Metzger – „Sie stellen auf Bio um, lohnt sich das denn?“ – und im Zug: „Wohin fahren Sie, wo steigen Sie aus?“ Was Small Talk abscheulich findet, sind Verhöre: „Was lesen Sie denn da? Was wollen Sie um Gottes Willen
in Augsburg?“ Am Gartenzaun braucht man Small Talk, um mit dem Nachbarn über die Tomatenstauden zu reden, damit er nicht, wie sonst immer, auf die Politik haut – neuerdings auf die Frau mit den Krippenplätzen.

Small Talk liebt das Leichte, das Charmante. Auch Gespräche über Bücher, Musik, Filme – aber sie streift auch schwierige Themen mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings. Nichts ist ihr fremd. Sie smalltalkt auch, wenn es sich anbietet, über Standuhren, Petersburger Porzellan und Zierfische. Nie ist sie aufdringlich. Sie erzählt keine schaurigen Geschichten über ihre letzte Scheidung. Sie verachtet Peinlichkeiten. Sie würde nie dem zufällig neben ihr sitzenden Arzt auf einer Party sagen: „Schauen Sie, Herr Doktor, ich habe am Rücken eine schlimme Stelle.“ Auch Darmspiegelungen gehören nicht zum klassischen Repertoire.

Small Talk hat nichts gegen ernsthaft Gespräche. Sie ist selbstbewusst genug, zu wissen, dass sie das Nadelöhr ist, durch das man schlüpfen muss, um gegebenenfalls bei Opa Deep Talk anzukommen.

Mit dem Taxi ins All
Mit Small Talk kann man in 15 Minuten ins Weltall fliegen, wieder auf der Erde landen und noch einmal abheben. Gestern Nacht sagte ich zum Taxifahrer: Viel zu lau die Lüfte für April.

Und er: Wenn wir die Erde überhitzen, können wir gleich auf dem neuen Planeten siedeln.

Und wie da hinkommen?
Am liebsten mit dem Taxi.

Dann führte uns Small Talk über das Einkommen eines Taxifahrers zu den Ausgaben für teure Hobbys und wir landeten bei der Leidenschaft unserer Großväter für Luft und Wind. Seiner sauste mit dem Fallschirm durch die Luft, meiner mit dem Segelflieger. Dank Small Talk.

Monika Held

 

 

 

erschienen in echt, 2. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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