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echt
Netze im Netz
Ich habe mir eine Ersatzfamilie aufgebaut. Man kannte sich, hat sich jeden Tag getroffen, sich ausgetauscht. Es waren Leute, denen es genauso ging wie mir. Ich war nicht allein. Bei der Recherche für ein Referat bin ich im Internet auf ein Forum von Suizidalen für Suizidale gekommen. Ich war 14 und mir ging es schlecht damals. Wenn ich mit meinen Freunden geredet habe, war da entweder Sorge oder Unverständnis. Und meinen Eltern hätte ich nicht sagen können: Ich will mich umbringen. Die verstehen mich eh nicht, habe ich damals gedacht. Ich habe mich auch selbst verletzt. Die Menschen im Chat konnten das nachvollziehen. Die waren nicht so: „Oh, mein Gott, was tust du? Das ist total schrecklich. Lass das sofort.“ Die haben gefragt, wie es mir geht. Sie haben mich verstanden, weil sie es selber kennen. In den massiven Zeiten habe ich nichts anderes gemacht, als an dieser Gemeinschaft teilzunehmen, jeden Tag fünf, sechs Stunden lang. Ich habe dann einen Suizidversuch gemacht. Danach war ich in Therapie, habe mit meinen Eltern, meinem Bruder darüber geredet. Ich wollte wieder ans Leben rankommen und mich nicht nur mit negativen Gefühlen, Trauer und Tod beschäftigen. Ich war dann wenig in dem Chat. Das Bedürfnis, wieder dazuzugehören war weg. Das Internet ist immer noch sehr wichtig für mich. Irgendwo bin ich darüber in einer Gemeinschaft. Ich bin in mehreren allgemeinen Foren, zum Beispiel in einem Studentenforum. Dort lerne ich Leute kennen, die das Gleiche studieren wie ich. Ganz wichtig ist das Chatten mit meinen realen Freunden. Wir sind durch ein Chatprogramm miteinander verlinkt, obwohl wir alle im Umkreis von zwei, drei Kilometern leben. Mir geht es darum, Kontakt zu halten. Ich weiß, meine Freunde sind da und ich kann ihnen alles schreiben. echt info
Weitere Informationen im Internet unter www.youngspirix.de – das Evangelische Jugendportal PROTOKOLL: RAINER LANGE
Das Internet hat mir geholfen, nicht nur zu leiden, sondern aktiv zu werden, mich zur Expertin meiner Krankheiten zu machen. Ich habe etliche chronische Krankheiten, Unterfunktion der Schilddrüse, Autoimmunkrankheiten, Endometriose* und, und, und. Das Endometrioseforum war lange Zeit mein Favorit, den ich schließlich jeden Tag besucht habe. In Selbsthilfeforen tauschen sich Betroffene über ihre Symptome aus und geben auch Tipps. Etwa wo Spezialisten sind, welche Therapien bei ihnen gewirkt haben. Mir hat das sehr geholfen. Einerseits das Know-how dort, andererseits habe ich viel Trost erfahren. Denn im Freundeskreis hat das Reden über die eigenen Krankheiten nur begrenzten Unterhaltungswert, aber man fühlt sich beschissen Es gibt spezielle Foren, wo man ein Expertenteam um Rat fragen kann. Ich musste mal Cortison nehmen und wusste nicht, ob das geht, weil ich auch Diabetes habe. Die Frage war: Was hat Vorrang? Die Kehrseite der Foren ist, dass man sich irgendwann nur noch mit seinen Krankheiten beschäftigt. Ich habe dann eine Eieruhr gestellt, auf zehn Minuten am Tag, und musste dann aufhören. Die schwierigste Aufgabe ist nämlich, nicht hysterisch und hypochondrisch zu werden bei der Fülle von Informationen, die einem durch das Internet zur Verfügung steht. PROTOKOLL: MARIE LAMPERT
Im Internet treffe ich immer Leute und kann spontan in der Mittagspause, nach Feierabend oder mitten in der Nacht spielen. Früher spielte ich regelmäßig mit meinen Jungs vom Fußballverein, aber dann bin ich in eine andere Stadt gezogen. Wegen der Arbeit hatte ich keine Zeit, mir neue Mitspieler zu suchen. Anfangs ging es mir nur ums Trainieren, mit der Zeit habe ich einige Leute im Forum aber näher kennengelernt. Anhand der Kommentare, die nach einem Blatt gemacht werden, merke ich sofort, ob einer auf meiner Wellenlänge liegt oder nicht. Es gibt Leute, mit denen gehe ich nur noch zum Reden an einen „Tisch“. Wir plaudern dann über Job, Beziehungen, was gerade so ansteht. Eine Mitspielerin vertraute mir sogar ihre ganze Scheidungsgeschichte an, über Wochen war ich regelrecht ihr Seelsorger. Leider wohnt sie am anderen Ende von Deutschland, sonst hätte ich mich längst mit ihr getroffen. Es gibt natürlich auch Streit. Einmal hat mich ein Mitspieler blöd angemacht und später im Forum behauptet, ich hätte keine Ahnung von Skat. Viele riskieren beim Chatten schnell eine große Klappe, das ist einfacher als im realen Leben, mir geht das ja genauso. Es gab sofort eine hitzige Diskussion, die meisten haben zu mir gehalten. Das hat sich gut angefühlt. Doch richtige Freunde, das sind wir nicht, ich kenne ja nicht mal die Gesichter dieser Menschen. PROTOKOLL: PE JACOBI Illustrationen von Heiko Sakurai |
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erschienen
in echt, 2. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt |