echt Global

Illustration von Heiko Sakurai

Netze im Netz

Sich verständigen und sich verstehen, ohne sich persönlich zu kennen. Wie soll das gehen? Kommunikation ist für viele von uns der persönliche Austausch, bei dem wir das Gegenüber sehen,
hören, direkt erleben.

Im Internet haben sich neue Formen der Kommunikation entwickelt – und immer mehr nutzen sie. Knapp acht Millionen Menschen beteiligen sich nach neueren Studien an Gesprächsforen und Chatrooms, bilden Gemeinschaften in Newsgroups und Webportalen wie myspace.com. Bei den jugendlichen Internetnutzern ist es eine Mehrheit von 60 Prozent.

Was suchen und finden Menschen im Netz? echt hat vier von ihnen gefragt, die das Internet nutzen, um sich auszutauschen, Interessen und Sorgen zu teilen. Manchen hilft gerade die Anonymität, um sich zu öffnen. Andere finden Gleichgesinnte, knüpfen neue Kontakte oder gewinnen Freunde.



Erfahren, wie andere die Welt sehen
Sybille Romanens-Geiger, 63 Jahre, sucht im Netz nach neuer Inspiration.
Was mich beim Chatten interessiert, ist der gedankliche Austausch mit Gleichaltrigen. Ich bin sehr neugierig und möchte wissen, wie andere ältere Menschen leben und denken, was sie beschäftigt, welche Erfahrungen sie gemacht haben – und wie sie die Welt sehen. Und es macht Spaß, im Chat lustige Dinge zu lesen und zu schreiben.

Nach Freundschaften suche ich nicht. Dafür ist die Kommunikation im Internet viel zu oberflächlich. Ein echtes Gespräch ist selten möglich, viele verstecken sich hinter ihrem Bildschirm. Anfangs war ich richtig entsetzt, dass viele die Anonymität nutzen, um andere Teilnehmer zu beleidigen.

Trotzdem erfahre ich auf diesem Weg viel über das Leben meiner Generation. Im Forum treffen sich Leute aus ganz Deutschland mit unterschiedlichen Berufen und sozialem Hintergrund. Und es ist bequem: Ich kann mich jederzeit beteiligen, den Chat aber sofort verlassen, wenn ich keine Lust mehr habe.

Einmal nahm ich an einer Veranstaltung der Regionalgruppe teil. Mehr hat sich dabei nicht ergeben. Die meisten wollen nur ein Schwätzchen halten, das ist mir zu wenig.

Ein wichtiger Kontakt ist über eine Anzeige entstanden: Ein Diakon, der ein Kinderhilfswerk betreut, suchte ehrenamtliche Mitarbeiter für englische und französische Übersetzungen. Da habe ich mich gemeldet. Die Arbeit ist interessant und unterstützt Kinder in einem der ärmsten Länder dieser Welt. Wir haben uns auch persönlich getroffen, um ein neues Projekt zu besprechen, das ich betreuen werde. Diese positive und weiter wachsende Begegnung inspiriert mich, weiter im Forum zu bleiben.

PROTOKOLL: PE JACOBI

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Weitere Informationen im Internet unter www.feierabend.de – eines der größten Netzwerke für Menschen ab 50 Jahren.

Seelsorge: www.chatseelsorge.de



Gesundheitsportale und Selbsthilfeseiten:

www.lifeline.de
Expertenrat und Foren zu verschiedenen Themen , sehr seriös und breit angelegt

www.netdoktor.de
Medizinische Themen

www.naturmednet.de
Fachbücher zu Akupunktur, Homöopathie, Naturheilverfahren

www.endometriose-vereinigung.de
(Endometriose)

www.deutsches-arthrose-forum.de   (Arthrose)

www.autoimmun.org
(Autoimmunerkrankungen)

www.migraeneliga-deutschland.de
(Migräneliga)

www.deutsches-arthrose-forum.de
(Arthrose)

 

Dazugehören 
Rebecca Czolk, 20, findet im Internet Kontakt und Gemeinschaft.

Ich habe mir eine Ersatzfamilie aufgebaut. Man kannte sich, hat sich jeden Tag getroffen, sich ausgetauscht. Es waren Leute, denen es genauso ging wie mir. Ich war nicht allein.

Bei der Recherche für ein Referat bin ich im Internet auf ein Forum von Suizidalen für Suizidale gekommen. Ich war 14 und mir ging es schlecht damals. Wenn ich mit meinen Freunden geredet habe, war da entweder Sorge oder Unverständnis. Und meinen Eltern hätte ich nicht sagen können: Ich will mich umbringen. Die verstehen mich eh nicht, habe ich damals gedacht.

Ich habe mich auch selbst verletzt. Die Menschen im Chat konnten das nachvollziehen. Die waren nicht so: „Oh, mein Gott, was tust du? Das ist total schrecklich. Lass das sofort.“ Die haben gefragt, wie es mir geht. Sie haben mich verstanden, weil sie es selber kennen.

In den massiven Zeiten habe ich nichts anderes gemacht, als an dieser Gemeinschaft teilzunehmen, jeden Tag fünf, sechs Stunden lang.

Ich habe dann einen Suizidversuch gemacht. Danach war ich in Therapie, habe mit meinen Eltern, meinem Bruder darüber geredet. Ich wollte wieder ans Leben rankommen und mich nicht nur mit negativen Gefühlen, Trauer und Tod beschäftigen. Ich war dann wenig in dem Chat. Das Bedürfnis, wieder dazuzugehören war weg.

Das Internet ist immer noch sehr wichtig für mich. Irgendwo bin ich darüber in einer Gemeinschaft. Ich bin in mehreren allgemeinen Foren, zum Beispiel in einem Studentenforum. Dort lerne ich Leute kennen, die das Gleiche studieren wie ich. Ganz wichtig ist das Chatten mit meinen realen Freunden. Wir sind durch ein Chatprogramm miteinander verlinkt, obwohl wir alle im Umkreis von zwei, drei Kilometern leben. Mir geht es darum, Kontakt zu halten. Ich weiß, meine Freunde sind da und ich kann ihnen alles schreiben.

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Weitere Informationen im Internet unter www.youngspirix.de – das Evangelische Jugendportal

PROTOKOLL: RAINER LANGE

Weh-weh-weh-Netz
Lisa Manlo, 57 Jahre, lebt seit vielen Jahren mit chronischen Krankheiten. Sie bewältigt sie mit Hilfe von Ärzten, Eigeninitiative und viel Humor.

Das Internet hat mir geholfen, nicht nur zu leiden, sondern aktiv zu werden, mich zur Expertin meiner Krankheiten zu machen. Ich habe etliche chronische Krankheiten, Unterfunktion der Schilddrüse, Autoimmunkrankheiten, Endometriose* und, und, und.

Das Endometrioseforum war lange Zeit mein Favorit, den ich schließlich jeden Tag besucht habe. In Selbsthilfeforen tauschen sich Betroffene über ihre Symptome aus und geben auch Tipps. Etwa wo Spezialisten sind, welche Therapien bei ihnen gewirkt haben. Mir hat das sehr geholfen. Einerseits das Know-how dort, andererseits habe ich viel Trost erfahren. Denn im Freundeskreis hat das Reden über die eigenen Krankheiten nur begrenzten Unterhaltungswert, aber man fühlt sich beschissen
und sehr, sehr allein – über Tage, Wochen, manchmal Jahre. Da ist es schön, im Internet anonym Rat zu bekommen – und irgendwann auch eigene Erfahrungen weiterzugeben.

Es gibt spezielle Foren, wo man ein Expertenteam um Rat fragen kann. Ich musste mal Cortison nehmen und wusste nicht, ob das geht, weil ich auch Diabetes habe. Die Frage war: Was hat Vorrang?

Die Kehrseite der Foren ist, dass man sich irgendwann nur noch mit seinen Krankheiten beschäftigt. Ich habe dann eine Eieruhr gestellt, auf zehn Minuten am Tag, und musste dann aufhören. Die schwierigste Aufgabe ist nämlich, nicht hysterisch und hypochondrisch zu werden bei der Fülle von Informationen, die einem durch das Internet zur Verfügung steht.

PROTOKOLL: MARIE LAMPERT

Illustration von Heiko Sakurai

Jederzeit spielen können
Martin Schmitz, 32 Jahre, spielt seit drei Jahren Skat im Internet.

Im Internet treffe ich immer Leute und kann spontan in der Mittagspause, nach Feierabend oder mitten in der Nacht spielen. Früher spielte ich regelmäßig mit meinen Jungs vom Fußballverein, aber dann bin ich in eine andere Stadt gezogen. Wegen der Arbeit hatte ich keine Zeit, mir neue Mitspieler zu suchen.

Anfangs ging es mir nur ums Trainieren, mit der Zeit habe ich einige Leute im Forum aber näher kennengelernt. Anhand der Kommentare, die nach einem Blatt gemacht werden, merke ich sofort, ob einer auf meiner Wellenlänge liegt oder nicht.

Es gibt Leute, mit denen gehe ich nur noch zum Reden an einen „Tisch“. Wir plaudern dann über Job, Beziehungen, was gerade so ansteht. Eine Mitspielerin vertraute mir sogar ihre ganze Scheidungsgeschichte an, über Wochen war ich regelrecht ihr Seelsorger. Leider wohnt sie am anderen Ende von Deutschland, sonst hätte ich mich längst mit ihr getroffen.

Es gibt natürlich auch Streit. Einmal hat mich ein Mitspieler blöd angemacht und später im Forum behauptet, ich hätte keine Ahnung von Skat. Viele riskieren beim Chatten schnell eine große Klappe, das ist einfacher als im realen Leben, mir geht das ja genauso. Es gab sofort eine hitzige Diskussion, die meisten haben zu mir gehalten. Das hat sich gut angefühlt. Doch richtige Freunde, das sind wir nicht, ich kenne ja nicht mal die Gesichter dieser Menschen.

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Weitere Informationen im Internet unter www.doskv.de – Deutscher Online Skatverband e.V.

PROTOKOLL: PE JACOBI

Illustrationen von Heiko Sakurai

erschienen in echt, 2. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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