echt Interview

Dynamik, die von Gott kommt

Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker

Wie kommt christlicher Glaube zur Sprache? echt sprach mit Kirchenpräsident Peter Steinacker.

 

 

Öffentlich über Politik, Beziehungsprobleme oder Sex zu reden ist an der Tagesordnung. Aber Glaube wird häufig als reine Privatsache gesehen...
Natürlich sind Glauben und Religion zunächst einmal Privatsache. Etwas ganz Intimes, noch intimer als Sex vielleicht. Meine Religion kann mir helfen, die Welt und mich selbst zu verstehen, und das ist eine höchst private Angelegenheit. Aber nicht nur. Wir brauchen die Gemeinschaft mit anderen, die Gesellschaft. Als Christ glaube ich, dass Gott nicht nur mein Schöpfer und Erlöser, sondern der der ganzen Welt ist. Deshalb bringt mich mein Glaube dazu, gesellschaftlich zu wirken. Konkret: die Freude am Leben mit anderen zu teilen, gemeinsam für die Armen da zu sein und zu versuchen, die Welt aus ihrem Jammer zu holen, so weit es geht.

Manche Politiker reagieren sensibel, wenn Kirche sich einmischt...
Das müssen sie ertragen und wissen es auch. Denn genau diese Aufgabe der Religion steht in unserem Grundgesetz. Niemand darf zur Religion gezwungen werden, aber auch niemand daran gehindert werden, seine Religion öffentlich auszuüben.

In Talkshows wird zuweilen das Innerste nach außen gekehrt und in Glaubensfragen sind viele Menschen in der Öffentlichkeit stumm.
Und beides ist falsch. Es gibt Grenzen des Intimen, wo einfach Diskretion und Schweigen angebracht sind. Nicht alles muss öffentlich werden. Ein Beispiel ist für mich das über die Medien verbreitete Leiden und Sterben von Papst Johannes Paul II. Das hielt ich für eine Verletzung dieser Grenze des Persönlichen.

Wie lässt sich diese Grenze ziehen?
Das ist eine Frage des eigenen Stils. Das Wichtigste ist, gerade in diesen Dingen glaubwürdig zu sein. Was ich über Glauben und Gott sage, muss zu mir passen.

Also das persönliche Gespür und das eigene Gewissen als Richtschnur?
Aber nicht so einfach aus dem Bauch heraus. Gewissen und Glaube gehören zusammen. Ich muss bereit sein, mein Gewissen von meinem Glauben, von der Bibel und der Gemeinschaft der Christen befragen zu lassen. Deshalb bin ich skeptisch, wenn mir beispielsweise Leute sagen, dass sie den Kontakt zur Kirche nicht brauchen, weil sie Gott im Wald begegnen. (Lacht.) Natürlich kann man Gott überall begegnen. Aber oft begegnet man im Wald ja nur sich selber.

Was können wir überhaupt über Gott wissen und sagen?
Gott ist der Ursprung von allem und das Geheimnis der Welt. Ein Geheimnis, das wir nie ergründen oder erklären werden, und doch ist es da. Ohne Gott gäbe es diese Welt und uns Menschen nicht. Das können wir Christen nicht beweisen oder in Formeln fassen, wir können es nur bezeugen. Gott hat sich uns Menschen in Jesus Christus gezeigt. Das ist der Kern unseres Glaubens.

Muss die Kirche ihr Wissen und ihre Überzeugung nicht zeitgemäßer verkündigen, damit Menschen von heute das verstehen?
Ich gebe zu, dass der christliche Glaube nicht so ganz einfach ist. So kennen wir von Gott drei verschiedene Seiten: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Und jede Seite hat einen besonderen Zugang zum Leben. Manche Menschen verwirrt das. Andere sehen es als Reichtum. Der Islam ist da anders. Er kann auf sehr einfache Weise, in fünf Grundpfeilern, präzise angeben, was der Inhalt seiner Religion ist. Das ist ein Vorteil für das schnelle Verstehen, und das können wir im Christentum nicht.

Wie wird dieser offenbar schwer in Worte zu fassende Glaube dann erfahrbar?
Zum Beispiel in Feiern an Wendepunkten des Lebens wie der Taufe und der Trauung. Darin erfahren Menschen etwas vom Glauben, und zwar weniger über die Worte, die da gesprochen werden, sondern über das eigene Erlebnis. Wenn Eltern etwa ihr Kind zur Taufe bringen, dann haben sie ein gutes Gespür dafür, dass sie damit ihr Kind und auch sich selber unter den Segen des Glaubens und der Kirche stellen. Das geschieht aus sich heraus, wenn die Worte gesprochen werden: „Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Die Kirche muss lernen, der Kraft dieser Rituale wieder mehr zu trauen. Wir können gewiss sein, dass Gott in die Handlung eintritt, die wir in seinem Namen tun.

Aber irgendwann muss dann doch mal geklärt werden, wer zum Beispiel der Heilige Geist ist. Etwa wenn ein Kind das fragt?
Ja, das muss die Kirche tun, wenn sie danach gefragt wird. Aber wer ist diese Kirche? Das sind nach evangelischem Verständnis alle Getauften.

Fangen wir an, zum Beispiel mit dem Heiligen Geist. Das Wort Geist lässt viele heute wohl eher an ein Gespenst denken.
Der Heilige Geist ist Gottes Kraft zum Glück für dich und alle. Gott ist in deinem Leben da, mit Zustimmung und Kritik. Er will dich erlösen zum letzten Ziel deines Lebens. Der Heilige Geist ist die Lebensdynamik, die von Gott kommt.

Dem Heiligen Geist ist das Pfingstfest gewidmet. Dazu gehört in der Bibel eine Geschichte. Sie erzählt, wie der Heilige Geist in Feuerzungen aus dem Himmel herab auf die Jünger Jesu kommt. Daraufhin können sie frei sprechen. Und alle Umstehenden verstehen sie in ihrer persönlichen Sprache.
Der Heilige Geist ist die Kraft zum Verstehen und damit auch zum Glück. Das Thema des Heiligen Geistes ist Jesus Christus. Aber wer auf Jesus Christus schaut, nimmt auch den Schöpfergott Israels in den Blick, der seine Welt nicht sich selber überlässt, sondern der sie bewahren und heiligen will. Das ergibt die dreifache Einheit unseres Gottes.

Wie können Eltern diesen Glauben an ihre Kinder weitergeben?
Ich empfehle, offen zu sein für die Fragen der Kinder. Mit drei Jahren kommen in der Regel die berühmten Fragen woher, wohin und wozu. Das kann manchmal ganz schön nerven. Aber diesen Fragen muss man sich stellen und versuchen sie zu beantworten. Wenn Eltern gegen diese Fragen in sich einen Widerstand bemerken, dann müssen sie sich fragen, woher der kommt. Sind sie selbst diesen Fragen bisher einfach ausgewichen? Dann brauchen sie unbedingt für sich selbst eine Klärung. Es sei denn, sie wollten ihre Kinder gerade in diesen wichtigen Lebensfragen allein lassen.

Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker
Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker, Jahrgang 1943, studierte Theologie und Philosophie in Frankfurt, Marburg und Tübingen. 1992 wurde er von der Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) als Kirchenpräsident gewählt. Er trat dieses Amt am 1. März 1993 an. In dieser Funktion ist er Vorsitzender der Kirchenleitung, des Leitenden Geistlichen Amtes und des Theologischen Prüfungsamtes der EKHN. Steinacker hat großes Interesse an den Kompositionen von Richard Wagner. Bei den Festspielen in Bayreuth hält er im Rahmen des Festivals junger Künstler regelmäßig Vorträge über theologisch-philosophische Motive in den Wagner-Opern.

Und wie kann eine solche Klärung aussehen?
Da gibt es Hilfen in Kindertagesstätten und in der Familie, bei Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Freunden, die man alle fragen kann. Solche Gespräche sind sehr gewinnbringend und ziehen in der Regel eine Reihe weiterer Fragen nach sich. Gerade die evangelischen Kindertagesstätten können ein idealer Ort sein, diese Themen im Kreis der Eltern und Erzieherinnen zu besprechen.

Was können Eltern konkret zu Hause tun?
Christliche Rituale im Alltag sind eine große Hilfe, zum Beispiel das Tischgebet. Dazu haben wir Deutschen eine besondere Beziehung. Und sei es nur für die säkulare Form, den typisch deutschen Wunsch „Guten Appetit“. Darüber lachen Engländer, weil sie das gar nicht kennen. Es ist ein Ritual, der Rest eines Gebets. Warum nicht gleich das Original, das christliche Tischgebet? Zweitens empfehle ich, die Bibel in einer Ausgabe für Kinder vorzulesen. Man kann bei uns einen Leitfaden bestellen, der die verschiedenen Kinderbibeln vorstellt. Es gibt Kinderbücher mit Enten, Löchern und Raupen. Da können auch schon erste biblische Figuren vorkommen. Drittens: Gute-Nacht-Gebete mögen die meisten Kinder sehr gerne.

Interview: J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze
Fotos: Fernando Baptista

Link-Tipps:

Ratgeber Kinderbuch Bibel
Infos und Download

Frankfurter Bibelhaus mit Museum: www.bibelhaus.com

Taufe: www.ekhn.de/taufe

Trauung: www.ekhn.de/trauung

Glaubensfragen: www.ekd.de/glauben

Kinderbibeln: www.bibelonline.de

Elisabethjahr: www.800-jahre-elisabeth.de

www.elisabethpfad.de


Paul-Gerhardt-Jahr:
www.paul-gerhardt-jahr.de


erschienen in echt, 2. Quartal 2007
Copyright by EKHN, Darmstadt
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